«Der Grat ist bei Olympia besonders schmal»
Von Micha Jegge. Aktualisiert am 26.02.2010
Ihre Equipe hat den angestrebten Medaillengewinn verpasst. Was ist schiefgelaufen?
Hugues Ansermoz: Nach der Ankunft registrierten wir sofort, dass die Strecke für Andrea Dettling und Nadja Kamer bei diesen Verhältnissen zu schwierig ist. Die beiden haben weder die Erfahrung noch das technische Rüstzeug, um auf einer derart anspruchsvollen Piste zu bestehen. Wären Aufdenblatten, Gut und Schild nicht verletzt, hätten sie kaum Startplätze erhalten.
Wie sieht es bei den anderen aus?
Dominique Gisin hat alles versucht, alles gegeben, und es hätte trotz Knieverletzung und dem Trainingsdefizit fast gereicht. Ihr Sturz in der Abfahrt führte wiederum bei Nadia Styger zu grosser Verunsicherung. Nach der Abfahrt sahen wir uns mit der Tatsache konfrontiert, dass nur eines der fünf Mädchen Chancen hat, eine Medaille zu gewinnen.
Sie meinen Fabienne Suter.
Ja, sie hat im Riesenslalom eine unglaublich gute Leistung gezeigt. Es ist sehr schade, dass drei andere schneller waren. Ein Medaillengewinn hätte bei ihr den Knoten gelöst, was vor allem im Hinblick auf künftige Grossanlässe wichtig gewesen wäre. Ich hoffe, die Enttäuschung wird in zwei, drei Tagen der Erkenntnis weichen, dass sie keinen Vergleich zu scheuen braucht.
Können Sie diesen Knoten beschreiben?
Auch Fabienne realisierte, wie sich die Lage präsentierte; es lastete alles auf ihren Schultern. Das dürfte zu viel gewesen sein, vor allem nach diesem Beginn. Bei Grossanlässen ist das erste Rennen immer das wichtigste. Man hat bei Didier Cuche gesehen, was geschehen kann, wenn man im ersten Einsatz knapp am Ziel vorbeischiesst. Der Grat ist bei Olympia besonders schmal.
Carlo Janka hat den Turnaround geschafft.
Er ist ein «Supermensch», eine absolute Ausnahmeerscheinung.
Im Super-G war Suter zuvor sehr konstant gewesen...
...genau, aber in Whistler ist sie den schlechtesten Super-G seit zwei Jahren gefahren. Hätte sie in der Abfahrt einen Fehler weniger gemacht, wäre sie auf dem Podest gestanden – und der ganze Druck wäre weg gewesen. Womöglich hätte sie dann sogar zwei oder drei Medaillen gewonnen. Fabienne ist sehr talentiert, aber sie hat ein Problem, das sich nur schwerlich aus der Welt schaffen lässt.
Und das wäre?
Ihre Verletzungsgeschichte (Suter erlitt 2003 einen Trümmerbruch am Schienbeinkopf; es folgten drei Operationen und drei Jahre Pause; die Red.) ist im Unterbewusstsein stets präsent, wenn es viele Stürze gibt. In solchen Fällen fehlt oft das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Im Weltcup hatten die Speedfahrerinnen eine Startplatzgarantie. Fehlte der Druck von unten?
Das ist möglich. Jene Jungen, die wir gerne im Weltcup gesehen hätten, verletzten sich, teilweise schwer. Vor Jahresfrist hatten die aufstrebenden Gut, Dettling und Kamer die erfahrenen Aufdenblatten, Schild und Styger ins zweite Glied verdrängt, in diesem Winter meldeten sich die Routinierten mit Podestplätzen zurück. Aber da sind wir an einem heiklen Punkt angelangt.
Inwiefern?
Die Frage ist, was wir mit den Jungen machen. Früher schickte man die Besten auf die Abfahrt, weil dort Leute benötigt wurden. Aufdenblatten war einst Juniorenweltmeisterin im Riesenslalom gewesen, wurde jedoch genau wegen dieser Vorgehensweise ihrer technischen Stärken beraubt. In Stygers Fall verlief die Entwicklung ähnlich. Aufdenblatten und Styger entstammen einer Generation, die mit anderem Material und anderer Technik gross geworden ist; da kann man den Schalter nicht einfach zurückdrehen. Wir sind bestrebt, diesen Fehler zu vermeiden, die Jungen so lange wie möglich in den technischen Disziplinen zu halten. Einfach ist das aber nicht.
Warum nicht?
Den Jungen fällt es auf der Abfahrt leichter als im Riesenslalom, auf sich aufmerksam zu machen. Vor drei Wochen fand in Frankreich die Junioren-WM statt. Wendy Holdener belegte in der Abfahrt Platz 5, obwohl sie erst 16-jährig ist. Im Riesenslalom und im Slalom hingegen war sie absolut chancenlos. Es ist bei uns besonders schwierig, diesen Mädchen zu vermitteln, dass es für ihre langfristige Entwicklung mehr bringt, wenn sie auf einen 15.Rang im Slalom hinarbeiten als auf einen Podestplatz in der Abfahrt.
Weshalb?
So komisch das klingt, aber wahrscheinlich haben wir dank den Gletschern in Zermatt und Saas-Fee zu gute Trainingsmöglichkeiten, was die Speedseite betrifft. Unsere Mädchen nähern sich deshalb schnell der Spitze. Es gelingt aber nur den Begabtesten, in den schnellen Sparten zuzuschlagen, ohne in den technischen den Anschluss zu verlieren – zum Beispiel Lara Gut.
Auf dem Boulevard wurde jüngst Ihre Entlassung gefordert. Haben Sie mit den Swiss-Ski-Verantwortlichen bereits über die nächste Saison gesprochen?
Mein Vertrag läuft weiter, unsere Planung weit über Vancouver hinaus. Ich bin willens, meine Arbeit fortzusetzen. Die Ergebnisse an Grossanlässen kann man jedoch nicht einfach unter den Tisch wischen; wir werden die Saison genau analysieren.
Im Slalomteam schien es vor Jahresfrist aufwärtszugehen, im heutigen Olympiaslalom ist Ihre Equipe jedoch nicht vertreten. Was ist geschehen?
Der sechste WM-Platz und der Junioren-WM-Titel Denise Feierabends überstrahlten im letzten Winter die durchzogene Weltcup-Bilanz. Unser Plan, die Fortschritte mit einer grossen Gruppe anzustreben, ist nicht aufgegangen. Wir hatten gedacht, dass wir weiter seien, als wir wirklich sind. Eine Teilschuld tragen auch die Athletinnen; es sollte sich jede die Frage stellen, ob sie hart genug an sich gearbeitet hat.
Demnach geht die Tendenz in Richtung kleinere Gruppen – wie bei den Männern?
Wir hatten gedacht, die Stärkeren würden die Schwächeren mitziehen, deshalb setzten wir auf eine grosse Gruppe. Die Mädchen haben sich dann gegenseitig hinuntergezogen. Im Frühling entscheiden wir, was im Hinblick auf den nächsten Winter verändert wird. (Berner Zeitung)
Erstellt: 26.02.2010, 08:37 Uhr
