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Bode Miller: Phänomen im Wandel

Von Micha Jegge. Aktualisiert am 23.02.2010

Vor vier Jahren sei er nicht mit dem Herzen dabei gewesen, nun «spüre ich die Olympischen Spiele», sagte Bode Miller nach seiner Gold-Premiere. Laut US-Cheftrainer Sasha Rearick überzeugt der 32-Jährige auch in der Vorbildrolle.

Bode Miller hat die letzte Lücke in seinem Palmarès geschlossen.

Bode Miller hat die letzte Lücke in seinem Palmarès geschlossen. (Bild: Micha Jegge)

Das Wohnmobil ist Geschichte, der Rebell lebt wieder im Hotel – zumindest während der Weltcup-Rennen. In Whistler bewohnt Bode Miller mit Teamkollege Ted Ligety ein Appartement. Er trägt die gleichen Klamotten wie die anderen Amerikaner, er gibt sich locker, wirkt umgänglich, spricht selbst mit Medienschaffenden und fährt ausserordentlich gut Ski. Drei der fünf Wettkämpfe sind absolviert, Miller ist erstmals Olympiasieger geworden; er hat einen kompletten Medaillensatz gewonnen.

Slalom in Perfektion

Ligety hatte vor Wochenfrist gegenüber einem US-Journalisten verlauten lassen, für Miller sei nie etwas perfekt. Nach der Super-Kombination jedoch konstatierte der Gewinner ungewohnt leise, ja schon fast bedächtig, er wäre «nicht betrübt gewesen, wenn ein anderer das Rennen gewonnen hätte». Die Glücksgefühle, welche er im Zielraum empfunden habe, hätten auf seiner Slalomleistung beruht, die Anzeigetafel sei ihm in diesem Moment gleichgültig gewesen. «Das ist, was man sich wünscht; dieser Lauf war einfach perfekt.» Auf den letzten hundert Metern sei er förmlich durch die Tore geflogen – «wie in Trance». Und: «Auf diesen Lauf werde ich mein Leben lang stolz sein.»

Miller müsse bei der Verwendung des Wortes «perfekt» sein Lebenswerk gemeint haben, vermutet Ligety; schliesslich habe er mit der Goldmedaille die einzig verbliebene Lücke in seinem Palmarès geschlossen. Das Phänomen befindet sich im Wandel, offensichtlich vermögen nicht einmal die Teamkollegen die Grenze zwischen gestern und heute zu erkennen. Gestern, das war beispielsweise 2006 an den für Miller erfolglos verlaufenen Spielen in Turin. In dieser Zeit spielte er mit dem Gedanken, den Bettel hinzuschmeissen und sein Geld fortan als Kartoffelbauer zu verdienen. Im Piemont sei er kalt in die Rennen gegangen, nicht mit dem Herzen dabei gewesen. «Heute ist das anders, ich spüre die Olympischen Spiele», hielt der 32-Jährige vergangene Woche fest.

Sasha Rearick, welcher Millers Reintegration eingefädelt hatte, ist des Lobes voll über seinen Vorzeigeathleten. Dieser sei sich seiner Rolle bewusst, sagt der Cheftrainer des US-Teams. «Die Jungen brauchen einen wie ihn, sie können von ihm vieles lernen.» Rearick schaut lieber nach vorne als zurück, sagt bloss, Menschen mit ungewöhnlicher Vita benötigten für gewisse Prozesse manchmal etwas mehr Zeit als andere.

Antiautoritäre Erziehung

Was er meint, lässt sich anhand eines Blicks auf den Lebenslauf erahnen. Miller wuchs in den Wäldern von New Hampshire auf, in einem selbst gebauten Haus ohne Strom und fliessendes Wasser. Mal ging er in die Schule, mal liess er den Unterricht sausen; er tat, was ihm gefiel. Kam er abends nicht nach Hause, machte sich seine Mutter darob keine Sorgen. «Sie wusste, dass ich anderswo einen Schlafplatz gefunden hatte», ist seiner Biografie zu entnehmen. Es ist nachvollziehbar, bekundete Miller als Jugendlicher Probleme mit jeglicher Art von Autoritäten, bereitete es ihm grösste Schwierigkeiten, sich in eine Gruppe einzugliedern. Nun sieht es danach aus, als sei es ihm mit reichlich Verspätung doch noch gelungen.

Die Jahre im Wohnmobil habe er gebraucht, erklärt Miller. «In dieser Zeit realisierte ich, was der Sport kostet und welch grosser Aufwand fernab der Piste betrieben werden muss, wenn man kompetitiv sein will.» Letzteres ist Miller in Whistler womöglich auch im heutigen Riesenslalom und im samstäglichen Slalom. Sein langjähriger Rivale Benjamin Raich sagt, «Bode ist ein bisschen verrückt. Aber wenn er will, ist er der perfekte Skifahrer.» Er will – so viel steht nach den jüngsten Auftritten fest. (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.02.2010, 10:23 Uhr

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