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Podladtchikovs Show ohne Rücksicht auf Unfälle

Von Adrian Ruch, Vancouver. Aktualisiert am 10.02.2010

Das Wort «Gold» nimmt Iouri Podladtchikov, Schweizer mit russischen Wurzeln, nicht in den Mund. Doch der 21-Jährige hat in Vancouver nichts anderes vor, als Halfpipe-Superstar Shaun White vom Thron zu stossen.

Iouri Podladtchikov fordert in der olympischen Halfpipe Superstar Shaun White heraus.

Iouri Podladtchikov fordert in der olympischen Halfpipe Superstar Shaun White heraus.
Bild: Keystone

Heute fliegt Iouri Podladtchikov von Los Angeles nach Vancouver. Die letzten Tage hat der in Moskau geborene Zürcher Snowboarder gemeinsam mit Markus Keller und Christian Haller am Venice Beach verbracht. Er sei «ziemlich ausgepowert» gewesen und habe Kraft tanken müssen, sagt Podladtchikov. Die schöpferische Pause am Strand hat er nach dem zweiten Platz an den X-Games und dem Sieg am Canadian Open verdient.

Im Fokus von CNN

An den Olympischen Spielen 2006 startete Iouri Podladtchikov als 17-Jähriger noch für Russland und landete auf Platz 37. Mittlerweile absolviert er die dritte Saison unter Schweizer Flagge und gehört zu den Stars der Freestyleszene. Die Verantwortlichen des amerikanischen Nachrichtensenders CNN wählten den Doppelbürger, dessen Talent einst von Gian Simmen in einem Skating-Park entdeckt worden war, für einen Kurzfilm im Hinblick auf «Vancouver 2010» aus. «Das war eine Ehre für mich – anders wäre es kaum möglich, 300 Millionen Menschen zu erreichen», erzählt er und schwärmt von der professionellen Arbeit der Produzenten aus den USA.

Der Film endet mit Podladtchikovs Aussage «I want to impress the world». Die Welt beeindrucken will der 21-Jährige also. Und dazu steht er. Er wolle den Snowboardsport in Vancouver in bestem Licht präsentieren, Emotionen bieten, Eindruck hinterlassen. «Das ist mein Ziel; ich strebe keinen bestimmten Rang oder eine Medaille an.» Dass er die Gedanken an Gold im Hinterkopf hat, kann der selbstbewusste Jüngling freilich nicht abstreiten. Wer derzeit seine Internetseite (www.ioupod. com) anklickt, findet nur folgende Nachricht: «Der/die, nach dem/der du suchst und dessen/deren Namen wir gerade nicht nennen dürfen, ist derzeit in Kanada auf der Suche nach Gold.»

Kampfansage an White

Gold, da sind sich die Experten einig, ist für Shaun White reserviert. Der rothaarige Kultboarder aus Kalifornien, schon 2006 Olympiasieger, hat auch in dieser Saison die wichtigsten Events gewonnen. An den X-Games in Aspen kam ihm Podladtchikov indes schon sehr nahe. «Ist Shaun an einem Wettkampf dabei, fahre ich meistens auch auf Topniveau. Mit ihm ist die Messlatte einfach höher – das motiviert mich extrem.»

Porsche-Fahrer Podladtchikov bringt White Respekt entgegen, vorzeitig geschlagen gibt er sich nicht. Er zählt zu den ganz wenigen Athleten, die wie White drei Varianten des Double Cork (Doppelsalto mit mindestens dreifacher Schraube) beherrschen. Und ohne diesen Sprung lässt sich nächste Woche in der Olympia-Halfpipe von Cypress Mountain kaum Edelmetall gewinnen. Im Gegensatz zum Topfavoriten hat der Schweizer noch nie drei Double Corks in einen Lauf gepackt. Er habe noch ein Ass im Ärmel, sagt er und behauptet, «jene Trickkombination, die ich im Kopf habe, ist eher schwieriger als der Lauf, den Shaun White zeigen wird. Es wird für ihn kein einfaches Game.» Entscheidend werde letztlich die Höhe und Ausführung der Sprünge sein.

Die Show geht weiter

Was sich Iouri Podladtchikov in den Kopf setzt, zieht er normalerweise durch. Seine Eltern, ein Geophysiker und eine Mathematikerin, hatten für den Sprössling einst eine akademische Karriere geplant. Doch der Sohn ging in Davos ans Sportgymnasium und machte dann sein Hobby zum Beruf. Vom Weg abbringen lässt er sich kaum. Dass der Amerikaner Kevin Pearce, der als gefährlichster Herausforderer Shaun Whites gegolten hatte, beim Üben des Double Cork schwer stürzte und eine ähnliche Kopfverletzung davontrug wie Daniel Albrecht, änderte nichts an Podladtchikovs Einstellung. «Das ist zwar eine traurige Geschichte, doch in unserem Sport werden Grenzen verschoben, und zwar ohne Rücksicht auf Unfälle – und das finde ich richtig: The Show must go on.»

Ein grossartiges Spektakel werden die wagemutigen Snowboarder im Halfpipe-Final der Männer sicherlich bieten – eine mitreissende Show mit Shaun White in der Hauptrolle. Oder übernimmt diesen Part diesmal Goldgräber Iouri Podladtchikov? (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.02.2010, 09:00 Uhr