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Schönes Volksfest in Rot-Weiss

Von . Aktualisiert am 01.03.2010
Adrian Ruch ist Leiter der Sportredaktion.

Adrian Ruch ist Leiter der Sportredaktion. (Bild: Andreas Blatter)

Die Olympischen Winterspiele 2010 sind Geschichte. In Vancouver, Whistler und Cypress Mountain sind in den letzten 17 Tagen Träume wahr geworden und Träume geplatzt, Tränen der Freude und Tränen der Enttäuschung geflossen, Stars geboren und Stars gestürzt worden. Die Zuschauer erlebten nicht nur grossartige Leistungen der weltbesten Athleten aus diversen Sparten, sondern auch das ganze Spektrum der Emotionen – genau diese Kombination macht Sport derart faszinierend.

Anfänglich war die Stimmung in British Columbia allerdings gedrückt. Der tragische Unfall des georgischen Rodlers Nodar Kumaritaschwili legte einen dunklen Schatten über die Eröffnungsfeier und die ersten Wettkämpfe. Der Eiskanal in Whistler war überhaupt das grösste Problem im Rahmen dieser Olympischen Spiele. Offenbar ist die Bahn schlicht zu schwierig und zu gefährlich; selbst Schlitten aus traditionsreichen Bobnationen wie Deutschland und die Schweiz beklagten Sturzopfer.

Die Schuld am Desaster darf allerdings nicht dem Organisationskomitee Vanoc in die Schuhe geschoben werden; es kann gar nicht über das nötige Knowhow in diesem Bereich verfügen. Die Beschaffenheit eines Eiskanals muss letztlich der Internationale Bob- und Skeletonverband verantworten, dessen Experten die Bahn homologiert haben.

Das zweite grosse Ärgernis waren die frühlingshaften Temperaturen respektive der Schneemangel in Cypress Mountain. Snowboardwettkämpfe im Nieselregen auf weissen Bändern in grüner Umgebung bereiten weder den Aktiven noch den Zuschauern Freude. Dass aus Sicherheitsgründen bei diversen Events die Stehplätze aufgehoben werden mussten, passte ins Bild. Um die kritische Höhe der Skistation im Norden der Grossstadt hatte man gewusst, und auch die Gefahr von Wetterkapriolen in Whistler war bekannt gewesen. Sowohl das Vanoc als auch das IOK nahmen diese Risiken bewusst in Kauf, und wurden zum Teil dafür bestraft.

Trotzdem ist es Humbug, wenn (vor allem) britische und russische Medien von den schlechtesten Winterspielen in der Olympiageschichte schreiben. Gerade in der Krise zeigte das Vanoc seine Stärken. Die Eröffnungsfeier wurde nach dem Tod des Rodlers geringfügig angepasst und würdig über die Bühne gebracht. Zudem wurden weder Mühen noch Kosten gescheut, um in Cypress Mountain aller Unbill zum Trotz olympiawürdige Wettkampfstätten zu bieten. Organisatorisch lief fast alles reibungslos, auch das Verkehrskonzept bewährte sich.

Doch der grösste Trumpf von Vancouver 2010 war die Anteilnahme und die Begeisterung der Bevölkerung. Hunderttausende von Menschen feierten in Vancouver Olympia und sich selbst, viele von ihnen trugen stolz die kanadischen Nationalfarben zur Schau. Auch in Whistler war die Stimmung ausgezeichnet – welch ein Unterschied zu Torino 2006, als die Olympischen Spiele ausserhalb der Wettkampfstätten kaum spürbar gewesen waren. Vorteilhaft war auch, dass der Event durch keinen Dopingskandal erschüttert wurde. Dieser Umstand kann freilich auf zwei Arten interpretiert werden: Einerseits könnten die vielen Kontrollen Wirkung gezeigt und für das sauberste Olympia seit langem gesorgt haben, andererseits könnte auch die Erklärung zutreffen, dass die Betrüger den Dopingbekämpfern weit voraus sind und mit (noch) nicht nachweisbaren Substanzen hantieren.

Das IOK muss sich im Hinblick auf die Zukunft der Olympischen Spiele einige Fragen stellen: Ist eine Disziplin wie Fraueneishockey, in der nur zwei Nationen für den Titel in Frage kommen und in der Vorrunde viele Resultate zweistellig ausfallen, olympiawürdig? Genügen die Richtlinien einer Sportart, wenn, wie im Bob geschehen, zwei in einer Casting-Show rekrutierte Athletinnen innert knapp dreier Jahre die Olympiaqualifikation schaffen? Ist es sinnvoll, wenn sich im Skicross 32 der 35 teilnahmeberechtigten Fahrer für den Final qualifizieren? Wie kann verhindert werden, dass die NHL ihren Stars die Teilnahme am Eishockeyturnier in Sotschi verweigert? Wie können künftig Pannen vermieden werden wie jene im Eisschnelllauf, als auf Druck eines Sponsors untaugliche Eismaschinen eingesetzt wurden?

In Vancouver und Whistler war nicht alles Gold, was glänzte. Von den besten Olympischen Spielen überhaupt zu sprechen wäre sicherlich übertrieben. Und doch fällt die Gesamtbilanz positiv aus. Die Kanadier waren trotz starken Patriotismus hervorragende Gastgeber, welche sich engagiert und freundlich um die Besucher aus aller Welt kümmerten. Und weite Teile der Bevölkerung hauchten dem Megaevent durch die Begeisterungsfähigkeit Leben ein. Die fröhlichen Menschen machten aus den Olympischen Spielen ein Volksfest in Rot-Weiss, das die Olympioniken so rasch nicht vergessen werden. (Berner Zeitung)

Erstellt: 01.03.2010, 08:20 Uhr

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