Sport

  • Region
  • Schweiz
  • Ausland
  • Wirtschaft
  • Börse
  • Sport
  • Kultur
  • Panorama
  • Leben
  • Auto
  • Digital
  • Wissen
  • Forum

«Ich will nicht Betrüger warnen»

Von Adrian Ruch. Aktualisiert am 13.02.2010

John Fahey, der höchste Dopingbekämpfer der Welt, sagt in Vancouver: «Die Gefahr, erwischt zu werden, ist so gross wie noch nie.» Er spricht auch über die Fifa, die Profiligen in den USA, über Russland und Gendoping.

John Fahey ist der höchste Dopingbekämpfer der Welt.

John Fahey ist der höchste Dopingbekämpfer der Welt.
Bild: Keystone

Durch Ihr Amt beschäftigen Sie sich intensiv mit Doping. Haben Sie nun stets ein mulmiges Gefühl, wenn Sie einen Sportler eine aussergewöhnliche Leistung erbringen sehen?

John Fahey: Leise Zweifel sind manchmal da, aber ich hoffe jeweils, dass der Athlet sauber ist und die Geschichte nicht traurig endet. Wer Exzellenz demonstriert bekommt, will glauben, er erlebe etwas Aussergewöhnliches, etwas Weltbewegendes, und nicht, er sehe das Werk eines Betrügers.

Sind Ihre Zweifel stärker, wenn Sie Ausdauersportlern zuschauen?

Nein, das spielt keine Rolle. Es gibt Mittel, welche die Koordination fördern, es gibt Mittel, die beruhigend wirken. Mit Doping kann in jeder Sportart eine Leistungssteigerung erzielt werden.

Gemäss einem Sprichwort verdirbt Geld den Charakter. Steckt zu viel Geld im Profisport?

Grundsätzlich bin ich froh, wenn Sportler fair entschädigt werden. Das erlaubt es ihnen, den Sport langfristig zu betreiben und zu versuchen, kontinuierlich besser zu werden. Andererseits frage ich mich schon, ob die Summen, die etwa im Fussball gezahlt werden, nachhaltig und vertretbar sind. Können Vereine langfristig überleben, wenn sie Saläre und Transfersummen zahlen, wie es in der englischen Premier League üblich ist?

Machen Sie sich Sorgen?

Um klar zu sein: Ich kritisiere nicht die Spieler, die das Geld annehmen, sondern jene, die es anbieten. Ich frage mich, ob nicht nur einzelne Klubs zerstört werden, sondern auch der Fussball als Ganzes gefährdet wird. Das wäre sehr schade, denn ich mag Fussball sehr.

Stört es Sie, dass die Einnahmen von Sportstars wie David Beckham und Tiger Woods höher sind als das Wada-Budget?

(Zuckt mit den Schultern) Ich kann es nicht ändern. Aber in diesem Zusammenhang muss ich immer schmunzeln, wenn zum Beispiel die Verantwortlichen der Major League Baseball in den USA sagen, sie hätten zwar keine unabhängige Kontrollinstanz, aber verfügten trotzdem über ein tolles Anti-Doping-System. Dann sperren sie einen Betrüger für 50 Spiele...

Das ist ein Viertel der Saison.

Genau, und das Argument ist jeweils, dass der Spieler in dieser Zeit nicht bezahlt wird. Dann verdient er statt 25 nur noch 18 Millionen – was soll das für eine Strafe sein? Es wird im Sport, um es umgangssprachlich zu formulieren, zum Teil mit obszönen Summen gehandelt. Aber sie basieren offenbar auf den Gesetzen des Marktes, und ich gehöre zu jenen, die fest an die Marktwirtschaft glauben. Ich störe mich manchmal nur daran, dass so wenige so viel erhalten, und hoffe, der Sport leide nicht darunter.

Weshalb passen etliche grosse Profiligen ihre Anti-Doping-Regeln nicht dem Wada-Kodex an?

Sie sind frei und müssen das nicht tun. Aber ich frage Sie: Wenn der Internationale Leichtathletikverband mit den schnellsten Läufern der Welt den Wada-Kodex anerkennt, weshalb tun es die Major League Baseball, die National Basketball Association und die National Football League nicht? Ich wundere mich, was diese Ligen zu verbergen haben. Ich denke, sie riskieren, langfristig ihre Integrität zu verlieren.

Wie ist das Einvernehmen mit der Fifa?

Die Fifa hält sich an den Wada-Kodex. Wir haben eine konstruktive, freundschaftliche Beziehung zur Fifa. Ich traf mich im letzten Oktober in Zürich mit Joseph Blatter und seinen engsten Mitarbeitern. Wir führten angeregte Diskussionen und beschlossen, gemeinsam Programme durchzuführen. Herr Blatter und ich haben das gleiche Ziel: Er will keine Betrüger im Fussball haben, und ich will in allen Sportarten, inklusive Fussball, keine Betrüger haben.

Richard Pound, Ihr Vorgänger, hat einst gesagt, jeder positive Dopingfall sei ein Erfolg. Sehen Sie das ebenso?

Ich sehe es ähnlich. Jedes Mal, wenn ein Betrüger aus dem Rennen genommen wird, ist es ein positives Ereignis für die fairen Athleten. Jeder Dopingfall ist also ein Sieg für die sauberen Sportler.

Sie haben in Vancouver verkündet, dass in den vergangenen Monaten über 30 Athleten gegen Anti-Doping-Regeln verstossen haben und deshalb an den Olympischen Spielen nicht teilnehmen können. Sind Sie mit der Ausbeute zufrieden?

Es ist positiv, dass über 30 Betrüger nicht gegen die sauberen Sportler, welche die grosse Mehrheit bilden, antreten können.

Werden wir die saubersten Olympischen Spiele in der jüngeren Geschichte erleben?

Ich will keine Voraussage wagen, wie viele Dopingfälle, das effektive Kontrollsystem, für das hier die medizinische Kommission des IOK zuständig ist, zu Tage fördert. Aber ich kann Ihnen Folgendes sagen: Die Gefahr, erwischt zu werden, ist so gross wie noch nie. Einerseits hoffe ich, dass wir saubere Spiele erleben werden, andererseits möchte ich den potenziellen Betrügern eine Botschaft überbringen: Wer schlau ist, dopt nicht. Und wer schon gedopt hat, reist besser wieder ab, statt Schande über sich, seine Familie, seinen Sport und sein Land zu bringen.

An der Tour de France 2008 wurden Fahrer erwischt, die sich mit der zuvor unbekannten Substanz Cera gedopt hatten. Ist hier bereits die nächste Dopingmittel-Generation im Umlauf?

Diese Frage darf ich nicht beantworten – der Überraschungseffekt ist wichtig. Ich will nicht Betrüger warnen, indem ich sage, ob wir etwas Neues entdeckt haben. Wenn wir sie erwischt haben, werden sie es wissen.

Wie gehen Sie das gravierende Problem in Russland an, wo es viele Dopingfälle gibt und Kontrolleure aus dem Ausland behindert werden?

Ich hatte am Mittwoch eine Sitzung mit dem russischen Sportminister Witali Mutko. Er bestätigte mir, dass Russland sein Anti-Doping-Programm verbessern will. Es war ermutigend, zu hören, dass es künftig erlaubt sein wird, Dopingproben auszuführen und anderswo zu analysieren, und dass Kontrolleure nun problemlos ein- und ausreisen können. Er sprach auch von neuen Gesetzen, die für Dopingbetrüger harte Strafen bis zum Freiheitsentzug vorsehen.

Waren seine Worte glaubhaft?

Ich ging mit dem Gefühl aus der Sitzung, dass Herr Mutko aufrichtig und engagiert ist. Der russische Ruf in der Dopingbekämpfung ist nicht der beste, aber ich spüre, dass der Wille da ist, etwas zu ändern.

In welchen anderen Ländern gibt es ähnlich gelagerte Probleme?

Ich will nicht mit den Fingern auf einzelne Sportarten oder Länder zeigen, aber ich kann Ihnen sagen, welche Nationen wir beim Entwickeln eines effektiven Anti-Doping-Programms assistieren: Russland, Jamaica, Nigeria, Brasilien und die Türkei.

Es gibt immer wieder Athleten, die sich darüber beklagen, für jeden Tag eine Stunde angeben zu müssen, wo sie zu finden sind.

Die überwiegende Mehrheit der Sportler sagt, diese Einschränkung in der persönlichen Freiheit sei ein kleiner Preis für einen sauberen Sport. Jenen, die sich beklagen, kann ich nur sagen: Spitzensportler sein ist freiwillig, hört doch auf damit.

Welches sind die grössten Herausforderungen, die sich den Dopingbekämpfern in der nahen Zukunft stellen werden?

Die grösste Gefahr ist Selbstzufriedenheit. Wir müssen unseren Weg weitergehen, uns nicht nur um Spitzen-, sondern auch um Freizeitsportler kümmern. Gelingt es uns, auf die Gefahren von Drogenmissbrauch hinzuweisen und einen Mentalitätswandel zu bewirken, können wir viel erreichen. Verschwenden Jugendliche keinen Gedanken daran, zu betrügen, werden sie später auf Topniveau auch keine Probleme machen.

Fürchten Sie sich vor Gendoping?

Nein, wir haben uns schon intensiv damit beschäftigt. Uns ist bisher kein konkreter Fall bekannt, aber wir wissen, dass diese Herausforderung auf uns zukommen dürfte. Gendoping ist aussergewöhnlich gefährlich. Es wird immer schwarze Ritter geben, die trotz der Gefahren bereit sind, zu manipulieren, daher gibt es für uns als weisse Ritter nur eines: Wir müssen besser, cleverer sein und den Athleten, die auf Grund ihres begrenzten Wissens daran denken, Gendoping anzuwenden, klarmachen, dass sie ihr Leben gefährden. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.02.2010, 08:36 Uhr

0

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

Noch keine Kommentare