«Hier darf jeder seine Meinung sagen»
Von Adrian Ruch, Vancouver. Aktualisiert am 11.02.2010
John Furlong, der CEO des Vanoc, wie das OK der Olympischen Winterspiele in Vancouver offiziell heisst, befindet sich im Dauerstress. Am Dienstag trat er im Stadtzentrum von Vancouver gemeinsam mit IOK-Präsident Jacques Rogge zu Ehren des offiziellen Zeitmessers Omega auf. Im Vorfeld dieses Events gewährte er dieser Zeitung dank der Vermittlung des Schweizer Uhrenherstellers ein exklusives Interview.
Wer steht in den kommenden zweieinhalb Wochen mehr unter Druck – Sie oder Eishockey-Superstar Sydney Crosby?
John Furlong: Wenn Sie dies alle Kanadier fragen würden, entschieden sich wohl die allermeisten für Crosby. Ich sage es anders: Er hat unheimlich viel Druck, ich habe unheimlich viel Druck.
Wie wichtig sind die Resultate der kanadischen Sportler für den Erfolg der Winterspiele?
Sehr wichtig. Kanadier sind generell sportbegeistert und freuen sich auf Olympia. Aber die Aussicht, die Nationalhymne zu hören, wenn man den Fernseher einschaltet, verstärkt die Energie gewaltig. Beim Besuch anderer Olympischer Spiele empfand ich Medaillengewinne für das Austragungsland immer als grossartig, sie lösten eine spezielle Stimmung aus.
Inwiefern hat diese Erkenntnis Ihre Arbeit beeinflusst?
Weil wir wussten, dass Erfolge kanadischer Sportler elektrisierend wirken würden, haben wir sie in den letzten Jahren mit allen Mitteln unterstützt.
Wie fühlen Sie sich wenige Tage vor der Eröffnungsfeier?
Ich spüre eine gewisse nervöse Anspannung, habe ein flaues Gefühl im Magen – genau wie ein Spitzensportler vor einem Wettkampf, der eine grosse Herausforderung beinhaltet. Doch das ist keine Überraschung. Es steht extrem viel auf dem Spiel. In den nächsten Wochen zeigt sich, was meine Arbeit in den letzten 14 Jahren wert war.
Wie wirkt sich diese Anspannung auf Ihren Alltag aus?
Ich erlebe jede Sekunde als intensiv. Ich nehme jedes Detail war, sehe, was noch nicht perfekt ist. Das ist eine Belastung, aber ich habe ein gutes Gefühl. Wir haben hart gearbeitet, unsere Hausaufgaben gemacht. Ich komme gerade aus dem olympischen Dorf, wo mir IOK-Mitglieder sagten, sie hätten noch nie ein besseres Village gesehen.
Was bereitet Ihnen am meisten Sorgen – das Wetter, die Dopingproblematik, der Schneemangel in Cypress Mountain?
Das Problem in Cypress Mountain haben wir im Griff. Am meisten bin ich gespannt, wie sich unsere Logistik in den ersten Tagen bewähren wird. Wir machten unsere Planung basierend auf der kanadischen Kultur. Nun müssen wir sehen, ob sie auch für Gäste aus der ganzen Welt funktioniert. Wir werden genau beobachten, wie sich unsere Besucher verhalten und fortbewegen, damit wir, wenn nötig, rasch reagieren können. Nach ein paar Tagen werden sich die Abläufe eingespielt haben.
Sie waren zuvor schon Präsident des Kandidaturkomitees. Konnten Sie all Ihre Versprechen einhalten?
Wir haben es versucht und unsere Verantwortung sehr ernst genommen. Wir haben uns verpflichtet, nachhaltige Olympische Spiele für das ganze Land zu organisieren, alle Kanadier zu integrieren –selbst jene, die es sich nicht leisten können, Wettkämpfe zu besuchen. Eine der grössten Leistungen des Organisationskomitees ist, dass es gelungen ist, alle Gemeinden der Ureinwohner einzubinden. Die olympischen Dörfer in Vancouver und Whistler sind umweltfreundlich, nachhaltig, der Zeit weit voraus. Ich streite aber nicht ab, dass man zu Beginn einer Bewerbung manchmal naive Versprechen macht, die sich später in der Realität als nicht umsetzbar erweisen.
Nennen Sie bitte ein Beispiel.
Ursprünglich wollten wir das International Broadcast Center für die Fernsehanstalten in Richmond installieren. Doch wir haben bei der Planung realisiert, dass dies nicht sinnvoll wäre. Nun steht das IBC im Stadtzentrum.
Derzeit finden in der Stadt diverse Protestaktionen statt. Beklagt wird etwa, dass die Kosten viel höher sind als einst veranschlagt.
Wir leben in einem freien Land; hier darf jeder seine Meinung sagen, ohne sich dadurch bedroht zu fühlen. Diese wichtigen kanadischen Werte respektieren wir. Die Aufwendungen für die Sicherheit haben wir angehoben, um allen Besuchern ein ungetrübtes, fantastisches Vergnügen zu ermöglichen.
Irritiert Sie die Kritik nicht?
In Vancouver gibt es das ganze Jahr über an jedem Wochenende Proteste und Demonstrationen. Vor diesem Hintergrund erachte ich den Anteil der Olympiagegner als sehr gering. Die Unterstützung in der Bevölkerung ist gross.
Vor sieben Jahren sprachen sich hier 64 Prozent für die Olympischen Spiele aus. Wie würde dieselbe Abstimmung heute ausfallen?
Ich bin davon überzeugt, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen nach den Spielen von einem grossartigen Event für Kanada sprechen wird. Sie werden sich darüber freuen, dass wir unser Land und seine vielen Facetten der Welt präsentieren konnten. Jede Region, jede Provinz, jede Ureinwohnergemeinde ist hier vertreten. Die Menschen werden sich als Teil der Olympischen Spiele fühlen. Das zu schaffen war nicht einfach und sehr anstrengend.
Die Kritiker sagen, man hätte das viele Geld besser in den Kampf gegen die Armut investiert.
Wir haben in diesem Bereich viel gemacht; seit dem Zuschlag durch das IOK ist enorm viel Geld in Sozialwohnungen und in Projekte für Minderprivilegierte geflossen. Wir engagieren uns auch in Downtown Eastside; Leute aus dieser Gegend arbeiten für uns; und wir haben im Quartier 50000 Eintrittskarten verteilt. Wir bemühen uns, zu helfen und vorbildlich zu agieren, aber letztlich sind dies Probleme der Gesellschaft und nicht die Probleme von «Vancouver 2010».
Inwiefern profitiert Vancouver über den Grossanlass hinaus?
Seit dem Zuschlag für die Winterspiele sind in Vancouver 2 Milliarden kanadische Dollar (2 Milliarden Franken, die Red.) in Unterkünfte investiert worden, auch durch die olympischen Dörfer entsteht Wohnraum für die Gemeinschaft, und für jede einzelne Veranstaltungsstätte besteht ein Plan für die Zukunft. Ich habe immer gesagt: Es geht nicht nur um die nächsten 60 Tage (inklusive Paralympics, die Red.), sondern um die nächsten 60 Jahre.
Sie arbeiten seit 14 Jahren für die Olympischen Spiele in Vancouver. Was werden Sie tun, wenn die letzte Medaille verteilt ist?
Keine Ahnung. Ich kann mich nicht mehr an den letzten Tag erinnern, an dem mich Olympia nicht beschäftigt hat. Insofern werde ich froh sein, die Gelegenheit zu bekommen, über das Geschehene zu reflektieren. Bisher habe ich mir keine Zeit genommen, über die Zukunft nachzudenken. Ich konzentriere mich darauf, meine Arbeit zu machen, mein Team zusammenzuhalten und das Projekt über die Ziellinie zu bringen.
Zur Person
John Furlong wanderte vor über 30 Jahren aus Irland nach Kanada aus. Der CEO des Organisationskomitees der Olympischen Spiele in Vancouver (Vanoc) betrieb früher selber intensiv Sport, und zwar in den Sparten Gaellic Football, Basketball, Handball und Squash. Furlong hat fünf Kinder und neun Enkelkinder. (Berner Zeitung)
Erstellt: 11.02.2010, 10:20 Uhr
