Sport

«Für enge Kurven über 120 km/h ist der Mensch nicht geeignet»

Trainerlegende Karl Frehsner über die Olympischen Winterspiele und die Entwicklungen im Spitzensport.

Karl Frehsner: «Für Topathleten zählt nur noch der Sieg, denn der Zweite interessiert niemanden mehr.»

Sophie Stieger

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Trainer-Ikone im Skizirkus

Karl Frehsner (70) hat mit den Ski-Nationalmannschaften der Schweiz und Österreichs 53 Medaillen gewonnen. Heute ist der gebürtige Österreicher Berater der talentierten Schweizer Skirennfahrerin Lara Gut (derzeit verletzt). Bei Swiss-Ski trägt er seit einigen Jahren die Verantwortung für die Entwicklung neuer Rennanzüge – für die Olympischen Spiele in Vancouver arbeitete er mit Spezialisten der japanischen Firma Descente zusammen. Wegen seiner Kompromisslosigkeit trug Frehsner im Skizirkus den Übernamen «der eiserne Karl». In einem Zwischenjahr war er Fitnesstrainer des Formel-1-Piloten Heinz-Harald Frentzen im Team von Peter Sauber. Als Bergsteiger hat er die Eigernordwand bezwungen. Frehsner lebt in Dietikon ZH. (res)

Shaun White war einer der Superstars in Vancouver. In der Halfpipe zeigte der Amerikaner einen Double Cork. Das ist ein doppelter Rückwärtssalto mit drei Schrauben. Der Sprung gilt als lebensgefährlich. Ist das zu verantworten?
Spitzensportler gehen immer ans absolute Leistungslimit. Das ist nicht in allen Sparten gleich gefährlich. In der Halfpipe endet vielleicht einer von 1000 Double Corks mit einer schwereren Verletzung. Das ist das Risiko, das der Sportler auf sich nimmt, um seiner Leistung das i-Tüpfelchen aufzusetzen.

Der georgische Schlittler Nodar Kumaritaschwili flog aus dem Eiskanal von Whistler Mountain, prallte gegen eine Eisenstange und starb. Anderntags wurde wieder gefahren.
Ich habe in meinem Leben ziemlich viel gesehen. Beim Bergrettungsdienst musste ich Menschen holen, die abgestürzt waren. Deswegen kannst du aber nicht einfach sagen, «morgen mach i nix». Das Leben geht weiter. Es passieren jeden Tag Unfälle. An und für sich war der Sturz des Georgiers ja gar kein Problem: Die schlimmen Folgen wären vermeidbar gewesen. Dass man entlang der Strecke kein Auffangnetz angebracht hat, verstehe ich nicht.

Der olympische Eiskanal ist so schnell, dass der Schweizer Bobfahrer Daniel Schmid sagte: «Hier fahre ich nicht mehr runter, die Gesundheit ist mir wichtiger.» Was würden Sie ihm als Trainer sagen?
Ich würde ihm gratulieren, denn dazu braucht es Mut. Es macht die Grösse eines Athleten aus, wenn er sagt: «Das ist für mich nicht lösbar, dieser Anforderung bin ich nicht gewachsen.»

Die NZZ schrieb, Olympische Spiele seien Gratwanderungen zwischen Tempowahn und Sicherheitsdenken, zwischen den Ansprüchen der Zuschauer und Sponsoren und jenen der Sportler. Was wollen denn die Sportler?
Sie wollen Wettkämpfe unter Bedingungen, die für alle weitgehend gleich sind. Sie wollen ihre Leistung präsentieren und mögen es, wenn der Schwierigkeitsgrad hoch ist, weil sich dann die Besten durchsetzen. Aber sie wollen kalkulierbare Risiken und verlangen ausreichende Sicherheitsmassnahmen.

Das Fernsehen und die Sponsoren verfolgen bei der olympischen Show andere Ziele.
Das Fernsehen ist zum dominanten Faktor geworden. Die TV-Stationen sind als kommerzielle Unternehmen weitgehend abhängig von den Sponsoren. Die wollen, dass die Übertragungen zu bestimmten, zum Voraus festgelegten Zeiten stattfinden. Die rechnen auf Minuten und Sekunden genau, wann sie mit ihren Produkten im Bild sind. Die Einschaltquote ist das Mass aller Dinge.

Wie wirkt sich dieser Druck aus?
Im Skiweltcup machen die Sponsoren bei Verschiebungen happige finanzielle Abzüge. Und bei Olympischen Spielen ist noch viel mehr Geld im Spiel. Also sind alle bestrebt, die Starts rechtzeitig erfolgen zu lassen. Natürlich entscheidet am Schluss immer die Wettkampf-Jury über Austragung oder Verschiebung. Aber auch die kann sich den kommerziellen Argumenten nicht einfach verschliessen.

Werden im Zweifelsfall die Interessen der Sponsoren über die Interessen der Sportler und ihre Sicherheit gestellt?
Ja, ich glaube. Die Grenze ist jetzt bald erreicht.

Dann ist das wohl auch die Erklärung dafür, dass man die Skifahrerinnen fast ohne Training auf die schwierigste Abfahrt des Winters geschickt und fürchterliche Stürze in Kauf genommen hat?
An eine so schwierige Aufgabe hätte man die Athletinnen nicht ohne weitere Trainings heranlassen sollen. Für Abfahrten ist im Reglement ein Trainingslauf vorgesehen – früher waren es bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften fünf oder sechs. Man kann es jetzt drehen, wie man will, aber es hatte niemand die Möglichkeit, einen Trainingslauf vom Start bis ins Ziel zu machen. Das Argument, Anja Pärson und Dominique Gisin seien wegen Fahrfehlern gestürzt, greift da eher kurz.

War der Startentscheid folglich verantwortungslos?
Verantwortungslos würde ich nicht sagen, denn alle Mannschaftsführer waren einverstanden, wie gross auch immer der Druck auf sie war. Es hat sich auch keine der Athletinnen beklagt. Mit so etwas einverstanden zu sein, ist vielleicht nicht vernünftig, aber auch nicht verantwortungslos.

Die Wissenschaft hilft, dass Sportler waghalsiger werden, schneller fahren und komplexere Sprünge zeigen. Ist die Forschung für den Spitzensport ein Fluch?
Nein, im Gegenteil. Sie macht den Spitzensport erst interessant. Die Forschung untersucht die Eignung und Belastbarkeit von Materialien wie auch das Verhalten von Menschen in Extremsituationen. Die Ergebnisse kommen der Wirtschaft zugute, die wiederum den Spitzensport am Leben erhält.

Können Sie uns ein Beispiel geben?
Nehmen Sie die Bekleidung: Man entwickelt für den Rennsport Stoffe, die wenig Luftwiderstand bieten und trotzdem einen optimalen Wärmeaustausch erlauben. Früher trugen Rennfahrer Lackanzüge, unter denen sie schwitzten wie in einer Sauna. Bei minus 10 Grad war das ein grosses Gesundheitsrisiko. Oder die Entwicklung der Carvingski: Die Erkenntnisse aus dem Spitzensport haben zur Konstruktion von Ski geführt, mit denen Freizeitsportler mit minimalem Kraftaufwand sauber die Pisten herunterkommen. Spitzenfahrer werden damit an die absoluten Leistungs- und Belastungsgrenzen geführt.

Wohin geht das letztlich? Da gerät doch ein System allmählich ausser Kontrolle.
Ich glaube nicht. Man darf die Grenzen ausloten, muss aber gleichzeitig für Sicherheit sorgen. Wie in der Formel 1, die noch nie so sicher war . . .

. . . weil die Fahrer in einem verstärkten Cockpit sitzen. Wintersportler sind dagegen fast ungeschützt.
(lacht) Vielleicht kann man ja da auch noch ein paar Dinge erfinden. Ansonsten muss man mit der Geschwindigkeit oder den Sprüngen so weit zurückgehen, dass der menschliche Körper nicht in eine totale Überforderung gerät. Für enge Kurvenradien mit Tempi über 120 km/h ist er definitiv nicht geeignet.

Ursprünglich lautete das olympische Motto «Mitmachen ist wichtiger als siegen». In Vancouver erklärten die Österreicher den Schweizern im Skispringen den Materialkrieg. Wie ist das zu vereinbaren?
Der Streit um Simon Ammanns Bindung hat doch nur gezeigt, wie wichtig Material und Forschung heute sind.

Aber denken Sie an den America's Cup zwischen Alinghi und Oracle. Die Teams stritten monatelang vor Gericht, um anschliessend ein paar Stunden zu segeln. Geht auch Olympia diesen Weg?
Wegen der Kommerzialisierung bekämpft man sich an der Spitze bis aufs Blut. Der olympische Gedanke «Dabeisein ist alles» spielt für die ersten 20 der Rangliste keine Rolle. Für die gilt nur der Sieg, alles andere ist Niederlage, der Zweite interessiert niemanden mehr. Die Journalisten spielen da eine verhängnisvolle Rolle. Sie sprechen beim Zehnten von «katastrophalem Versagen». Die wissen doch alle gar nicht, was eine wirkliche Katastrophe ist.

Skicross ist eine neue, verrückte Sportart. Eine Redaktionskollegin meinte, es dauere wohl nicht mehr lange, bis einer bei einem Zusammenstoss skalpiert werde.
Neu ist die Sportart nicht. Es gab vor 30 Jahren Schweizer Abfahrtsmeisterschaften, bei denen vier Fahrer gleichzeitig starteten. Das war nicht weniger gefährlich. So, wie die Wettkämpfe in Cypress Mountain aufgezogen worden sind, ist es eine vernünftige Sache. Die Rennen waren anspruchsvoll und liefen bei einem vertretbaren, kontrollierten Tempo ab. Entsprechend harmlos waren die Zusammenstösse und Stürze. Mir gefällt Skicross. Es ist ein Kampf, bei dem man seine eigenen Fähigkeiten gut einschätzen muss und den Gegner taktisch überlisten kann.

Ist Skicross mehr Spitzensport oder mehr TV-Show? Es muss einer schon ein verdammt guter Athlet sein, wenn er an der Spitze mitmischen will. Der Amerikaner Daron Rahlves und der Schweizer Beni Hofer, die beide keine Medaille gewannen, waren ja früher im Skiweltcup dabei. Rahlves war sogar Weltmeister im Super-G.

Könnte Skicross bei Olympia Schule machen? Werden schnelle, gefährliche Sportarten allmählich durch einfachere, spektakulärere Disziplinen ersetzt?
Das mag sein. Man darf allerdings nicht vergessen, dass Skicross eine neue olympische Sportart ist. Im Snowboard sahen wir 1998 in Nagano in der Halfpipe nicht viel mehr als ein paar harmlose Dreher und Sprünge. Heute sind wir beim doppelten Rückwärtssalto mit dreifacher Schraube angelangt. Auch Skicross wird nun verbessert, verfeinert und weiterentwickelt. Die heutigen Pioniere und Quereinsteiger werden durch Profis ersetzt; die Konkurrenz wird härter. Wenn man nun die Schwierigkeiten im Gelände so erhöht, dass sie für den menschlichen Organismus zum Problem werden, schlägt man den falschen Weg ein. Skicross lebt nicht nur von der akrobatischen Komponente, sondern auch von der taktischen.

Würden Sie die Spiele von Vancouver als gelungen bezeichnen?
Die Organisation war beeindruckend, und es gab viele Topleistungen. Für mich liegt ein grosser Wert der Olympischen Spiele allerdings auch darin, dass man Leuten aus aller Welt begegnet, insbesondere Sportlern, die keine Chancen auf einen Spitzenplatz haben und dennoch begeistert mitmachen.

Das erinnert an die alten Ideale.
Ja, aber auch daran, wie extrem die Leistungsspitze heute ist – und wie sehr sich das Fernsehspektakel nur um diese paar wenigen Athleten dreht.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.02.2010, 16:50 Uhr

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