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Crosby schiesst Kanada ins Glück

Von Adrian Ruch. Aktualisiert am 01.03.2010

Zum Abschluss der Olympischen Spiele in Vancouver hat Kanada den Eishockeyfinal gegen die USA mit 3:2 nach Verlängerung gewonnen und im Land Begeisterungsstürme ausgelöst. Das Siegestor schoss Sidney Crosby.

Das goldene Tor: In der 68.Minute bezwingt Kanadas Sidney Crosby US-Keeper Ryan Miller mit einem platzierten Schuss aus kurzer Distanz.

Das goldene Tor: In der 68.Minute bezwingt Kanadas Sidney Crosby US-Keeper Ryan Miller mit einem platzierten Schuss aus kurzer Distanz.
Bild: Keystone

188 Millionen Dollar auf Eis

Beim Eishockeyfinal der Männer stand auch eine ganze Menge «Geld» auf dem Eis. Zusammengezählt 188 Millionen Dollar verdienen die 46 Spieler der beiden Finalisten – pro Jahr notabene. Die kanadische Equipe war mit einer Lohnsumme von etwas mehr als 110 Millionen die «teuerste» der Winterspiele in Vancouver, gefolgt von den Amerikanern (77,5). Das grösste Salär der Finalisten bezieht Sidney Crosby, der mit 9 Millionen Dollar gleich viel verdient wie die Russen Alexander Owetschkin und Jewgeni Malkin.

Es war, als wären die ersten 16 Tage der Olympischen Winterspiele nur ein gigantisches Vorspiel für den finalen Akt gewesen. Ein emotionales, spektakuläres Aufwärmen für jenen Moment, auf den eine überwältigende Mehrheit der 33 Millionen Kanadier gewartet hatte. Eine schmackhafte Vorspeise für «das Spiel der Spiele», wie die Zeitung «The Province» den Eishockeyfinal ankündigte. Vancouver, ja das ganze Land, befand sich gestern im Ausnahmezustand. Aus Sicherheitsgründen verfügte die Polizei, dass Alkoholverkaufsstellen um 14 Uhr schliessen mussten. Im Stadtzentrum öffneten viele Bars und Restaurants mit Fernseher bereits um 7 Uhr morgens und füllten sich sofort. «Eishockey ist kein Sport in Kanada, es ist ein Kult, eine Religion», sagte Brian Burke, der General Manager des US-Teams. Bis zu 25'000 Franken wurden im Internet für die teuersten Tickets geboten. Der kanadische Coach Mike Babcock wusste um den riesigen Druck auf den Schultern seiner Akteure, als er sagte: «Verstehen sie mich nicht falsch; wir lieben unser Land, aber wir möchten in erster Linie für uns selber gewinnen.»

Lärm und Adrenalin Im Canada Hockey Place war das Ahornblatt allgegenwärtig, die Stimmung elektrisierend. Als die kanadischen NHL-Stars die Eisfläche betraten, stieg der Lärmpegel im Oval auf ein ungesundes Mass an. In der Schweiz hätte die Suva gelbe Ohrenstöpsel verteilt. Die Atmosphäre übertrug sich auf die Gladiatoren auf Kufen. Nicht nur der Schweiss, auch das Adrenalin floss bei den nordamerikanischen Rivalen in Strömen. Wer nur eine Sekunde an der Bande stand, zahlte unweigerlich einen hohen Preis. Und jeder Check der Einheimischen wurde lautstark bejubelt. Anders als etwa die Slowaken im Halbfinal waren die Amerikaner bereit, blaue Flecken in Kauf zu nehmen, und vor allem: Sie teilten auch aus. Es entwickelte sich eine rasante, intensive, ausgeglichene Partie. US-Coach Ron Wilson, einst ein brillanter Verteidiger beim HC?Davos, hatte vor dem Match die Favoritenrolle trotz dem Sieg im Gruppenspiel den Gastgebern zugeschoben. «Die Spieler Kanadas verdienen durchschnittlich 3 Millionen Dollar mehr als unsere. Die Kanadier haben mehr Topskorer und ausgezeichnete Akteure in ihren Reihen.» Die Rot-Weissen verfügten denn auch über mehr Spielkultur, doch die Blauen hielten mit ihrem Speed und ihrem gradlinigen Eishockey hervorragend dagegen.

Abpraller ausgenutzt In der 13. Minute, kurz nachdem die Scheibe hinter Roberto Luongo, dem beliebten Goalie der Vancouver Canucks, auf der Torlinie liegen geblieben war, ging Kanada durch Jonathan Toews in Führung, weil dieser auf einen Abpraller am schnellsten reagierte. Im zweiten Abschnitt zeigten die Kanadier im Boxplay, dass sie nicht nur die offensiv stärkste Mannschaft sind, sondern auch zerstören können. Die USA erarbeitete sich keine einzige Chance und musste kurz danach, in der 28. Minute, das 0:2 einstecken. Corey Perry reüssierte wie schon Toews nach einem Abpraller. Im Canada Hockey Place war die Hölle los; es schien, als möchten rund 15'000 der 17?748 Zuschauer auf der Stelle mit der Siegesfeier beginnen. Doch die Mannschaft Ron Wilsons war noch längst nicht bereit, die Goldmedaille abzuschreiben. Immerhin hatte die Schweiz in der Vorrunde gegen die Kanadier ein 0:2 ganz und die Slowaken in der Vorschlussrunde ein 0:3 fast wettgemacht. Und tatsächlich:?In der 33. Minute brachte Ryan Kesler die Hoffnung mit dem 1:2 zurück, wobei Publikumsliebling Luongo nicht besonders gut aussah.

24,4 Sekunden vor Schluss Ansonsten war auf den Mann mit der Nummer 1 auf dem Rücken aber Verlass. Je länger der Final dauerte, je näher Kanada dem kollektiven Glücksgefühl kam, desto mehr geriet der Torwart ins Zentrum des Geschehens. Auf der Tribüne wechselten sich nun «Go Canada, go»-Sprechchöre mit tausendfachen Seufzern ab. Der Sturmlauf der US-Boys eröffnete den Einheimischen Konterchancen:?Drei Minuten vor Schluss tauchte Sidney Crosby allein vor Ryan Miller auf – er hätte seine Landsleute ins Glück schiessen können, doch der US-Keeper blieb im Duell Sieger. Die Uhr lief unerbittlich gegen 0, die Amerikaner hatten Miller längst für einen sechsten Feldspieler ausgetauscht. Die Fans im Stadion und in ganz Kanada waren bereit für die ultimative Party. Doch 24,4 Sekunden vor der Sirene sorgte Zach Parise für den Ausgleich und für betretenes Schweigen im Stadion.

Ein neuer Nationalheld Der Showdown ging in die Verlängerung – vier gegen vier Feldspieler, das nächste Tor für den Olympiasieg. Die Kanadier hatten Vorteile, aber auch die Amerikaner Chancen. Und dann, das Warten hatte sich gelohnt, schoss Sidney Crosby sein Land ins Glück, ins Delirium. Wen interessierte noch, dass der Superstar zuvor im Olympiaturnier kaum Akzente gesetzt hatte? Der 22-Jährige mit dem Milchgesicht und den goldenen Händen ist ab sofort ein Volksheld. Und sollten in Kanada wieder einmal Olympische Spiele ausgetragen werden, dürfte Crosby die Fackel entzünden, so wie das vor 17 Tagen in Vancouver Wayne Gretzky getan hatte. Kanada ist ein Eishockeyland. Die einheimischen Athleten haben 14 Goldmedaillen gewonnen, mehr als jede andere Nation. Doch die letzte Medaille hat mehr Gewicht als alle anderen zusammen. Von ihr hängt der Zustand der Volksseele ab. Und um die steht es in nächster Zeit ausgesprochen gut. (Berner Zeitung)

Erstellt: 01.03.2010, 08:10 Uhr

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