Roger Federer, es ist Zeit für reinen Wein
Von Philipp Kobel. Aktualisiert am 20.09.2010 6 Kommentare
Adrian Ruch ist Leiter der Sportredaktion. (Bild: BZ)
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Roger Federer war in Astana nicht dabei, und doch war er an der bitteren 0:5-Niederlage mitschuldig. Der Superstar hatte kurzfristig abgesagt und seine Teamkollegen erstmals seit 1998 im Auf-/ Abstiegsspiel im Stich gelassen – wohl in der Hoffnung, die Schweiz würde dank dem am US Open glänzenden Stanislas Wawrinka den Ligaerhalt schaffen.
Über die Bedeutung des Davis-Cups im klassischen Individualsport Tennis kann man sich streiten. Und es ist jedem freigestellt, ob er sein Heimatland vertreten will. Insofern ist es Federers gutes Recht, seine persönliche Karriere und die Familie in den Vordergrund zu stellen.
Was man dem Baselbieter aber vorwerfen kann, ist die Vorgehensweise sowie den Mangel an Ehrlichkeit. Ungewissheit bis in letzter Minute ist für die anderen Spieler unangenehm und alles andere als leistungsfördernd sowie für die Swiss-Tennis-Verantwortlichen problematisch. Spielt die langjährige Nummer 1, wird eine ganz andere Infrastruktur benötigt, zum Beispiel um die Sicherheit zu gewährleisten. Das ganze Umfeld ist nach den Wünschen Federers organisiert – mit den entsprechenden finanziellen Konsequenzen. Das Auswärtsspiel in Astana kostet den Verband rund 150'000 Franken.
Müdigkeit ist ein dürftiger Grund für das Fernbleiben. Federer hat mehrfach festgehalten, wie gerne er für die Schweiz spiele und dass er die «Salatschüssel» gewinnen wolle. In Tat und Wahrheit hat er die Prioritäten anders gesetzt. 2004 spielte er letztmals im Achtelfinal. Immerhin half er jeweils mit, den Abstieg zu vermeiden, und hielt sich damit die Option offen, einen Angriff auf den Titel zu starten.
Doch nun ist der Traum vom Davis-Cup-Sieg ausgeträumt; denn 2011 spielt die Equipe Suisse statt in der Weltgruppe in der Europa-/Afrika-Zone. Es ist fraglich, ob Stanislas Wawrinka, auch er ein Familienvater, langfristig bereit ist, ohne Federers Unterstützung fürs Nationalteam anzutreten. Doch selbst wenn der Romand weiterhin dabei wäre und die Rückkehr ins Oberhaus gelänge, wären die Aussichten nicht rosig.
2012 findet das olympische Tennisturnier in Wimbledon statt. Federer möchte in seinem Lieblingsstadion die letzte Chance auf Gold im Einzel unbedingt nutzen; der Teamwettbewerb wird daher kaum im Vordergrund stehen. Und mit jedem Jahr, das vergeht, wird die Wahrscheinlichkeit geringer, dass der Ausnahmeathlet in der Lage ist, den Rest der Welt fast im Alleingang zu besiegen.
Insofern ist es an der Zeit, dass Roger Federer Verbandsverantwortlichen, Mitspielern und Fans reinen Wein einschenkt. Auch wenn dies seinem Image kurzfristig abträglich wäre, weil es zahlreiche Schweizer gibt, welche die moralische Verpflichtung, fürs Heimatland persönliche Interessen zurückzustellen, durchaus hoch gewichten. Langfristig wird das halbherzige Commitment zum Davis-Cup das Renommee des Baselbieters freilich nicht negativ beinflussen. Zu viel hat Federer erreicht, zu viel Ehre hat er für die Eidgenossenschaft eingelegt, zu anständig, sympathisch, bescheiden tritt er in der Öffentlichkeit auf.
Wer 16 Grand-Slam-Titel und vier Auszeichnungen als Weltsportler des Jahres im Palmarès hat, wird nicht daran gemessen, ob er im Davis-Cup triumphiert hat. Der erste Titel im Teamwettbewerb für die Schweiz wäre in der Karriere Federers nur das i-Tüpfelchen gewesen. Wäre...
(Berner Zeitung)
Erstellt: 20.09.2010, 07:59 Uhr
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6 Kommentare
Super Text. Wenn man der Gösste aller Zeiten sein will, dann muss man in seiner Kariere wenigstens ein Mal sein Land zum Sieg führen. Nadal tat das schon zwei mal mit Spanien und Djokovic ist auf dem bestem Weg mit Serbien...Für Roger Federer ist es schon zu spät, er schafft`s nicht mehr! Antworten

