Federers 4. Dimension
Von René Stauffer, New York. Aktualisiert am 08.09.2010 1 Kommentar
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Night sessions im weltgrössten Tenniskessel, dem 24'000 Zuschauer fassenden Arthur-Ashe-Stadion, sind eines der eindrücklichsten Erlebnisse an Grand-Slam-Turnieren – wenn man nicht gerade in der obersten Reihe sitzt. Wer, wie der Schreibende, sogar das Privileg hat, eine Vorstellung aus einer der vordersten Logen zu erleben – Box 52, Reihe AA, Sitz 6, gleich hinter Schiedsrichter Carlos Ramos –, und dann auch noch Roger Federer seine Kunst aufführt, der erhält noch ungewohntere, faszinierendere und bleibendere Eindrücke von diesem Zweikampfsport Mann gegen Mann, mit Ball und Schläger.
Neben mir sitzt Darren Cahill, der fast Federer-Coach, der übers Mikrofon Insiderinformationen live auf den TV-Sender ESPN gibt. Der frühere Gstaad-Sieger, gekleidet wie für einen Galaabend mit Anzug und Krawatte, flüstert, weil er so nahe sitzt, dass ihn die Spieler hören könnten; er führt später auch das Siegerinterview. Vor mir rangeln verstohlen zwei Ballboys mit einer Frau, die für die Getränke zuständig ist, darum, wer die nächste leere, mit dem RF-Logo versehene Plastikhülle von Federers Schläger aus dem Papierkorb mitlaufen lassen darf.
Hier, im Auge des Hurrikans, merkt man, wie unberechenbar und stark der Wind mitspielt, wie vehement der Favorit und sein hartnäckiger und cleverer Gegner Jürgen Melzer die Bälle beschleunigen und auf alle Arten beschneiden – Slice, Topspin, Winkelspiel und Stoppbälle, alles im Turbo-Tempo. Man hört, wie Melzer in seine Faust «Scheisse» flucht oder schreit und sieht, wie Federer sich abwendet und das sonst stoische, maskenhafte Gesicht mit der Hand verdeckt, weil er das Lachen nicht zurückhalten kann.
Eindrücklich ist auch der Lärmpegel, den das lauteste Tennispublikum der Welt produziert. Je näher der Matchball kommt, desto lauter, unruhiger und ausgelassener werden die Fans, vielleicht trägt auch der Alkohol dazu bei. «Roger, I love you», oder «Roger, you’re my hero», tönt es. Einige Zuschauer mit Kameras (einer hat auch ein Rotweinglas) schleichen herunter und suchen möglichst unauffällig einen freien Platz, um wenigstens kurz hautnah dabei zu sein. Ein Sicherheitsmann weist sie weg, aber zwei übersieht er.
Das Eindrücklichste am Puls der Partie aber ist die Art, wie der Tennismaestro aus der Schweiz alles an sich abperlen lässt, das um ihn herum passiert. Er wirkt wie auf seiner eigenen Insel, wie auf einer Leinwand, in einer durch zentimeterdickes Glas geschützten Kugel, in die nichts hineindringt, nur er, der Ball und der Gegner – Federers vierte Dimension, sozusagen. Selbst während Hunderte kreischen, setzt er einen tückischen Smash punktgenau ins Feld. Als ich ihn später darauf anspreche, ob es ihm tatsächlich so leicht falle, wie es aussehe, alles potenziell Störende auszuklammern, ist er etwas überrascht:«Bei den Trainings geht es viel unruhiger zu, da fliegen Bälle auf den Platz, laufen Leute herum. Ich bin abgehärtet, habe keine Mühe mit der Konzentration. Oft ist es ein Witz, wie lange wir mit dem Spielen warten, bis es ruhig ist.» Er bringt einen Vergleich: «Das ist, wie wenn du einen Artikel schreibst und jemand nebenan spricht. Du kannst ihn trotzdem schreiben.» Solange man nicht persönlich angegriffen werde, sei es auch einfach, Zwischenrufe zu ignorieren, fügt er bei. In New York bleibt ihm das auch heute erspart. Nicht einmal das sauglatte «Vamos Rafa» ist an diesem Tag zu hören. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 08.09.2010, 11:22 Uhr

