«Es gibt wichtigere Dinge als Tennis»
Wimbledon-Sieger Rafael Nadal sagt: «Mein Hauptrivale ist immer der nächste Gegner.» (Bild: EPA)
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Es sind mehrere Stunden vergangen, seit Rafael Nadal nach dem Final gegen Tomas Berdych auf dem «heiligen Rasen» von Wimbledon den Pokal in Empfang genommen hat. In einen kleinen Raum wartet eine kleine Gruppe ausgewählter Journalisten aus aller Welt auf den Tennisstar aus Manacor. Der Beginn des Gesprächs verzögert sich wegen der Dopingkontrolle. Als der 24-Jährige dann endlich kommt, trägt er noch immer jene weissen Shorts, die hinten einen grün-braunen Flecken aufweisen, weil sich der Spanier im Moment des Triumphs auf den Rücken fallen liess. In der rechten Hand hat er noch die Überreste einer Pizza, die er nach ein paar entschuldigenden Worten hastig verschlingt.
Obwohl er sehr müde sein und in der Fremdsprache Englisch reden muss, gibt er sich Mühe, die Fragen ausführlich zu beantworten. Er sagt zum Beispiel Dinge wie: «Wichtig ist nicht der Ruhm, wichtig ist auch nicht, hier oder in Paris zu gewinnen. Wichtig ist, gesund und glücklich zu sein, jeden Tag zu geniessen, Spass an dem zu haben, was man macht. Ich liebe es, zu trainieren, und versuche, jeden Tag besser zu werden. Das ist es, was mich antreibt.» Hat er im Final von Berdych mehr Gegenwehr erwartet? «Das kann ich nicht sagen, denn ich steige nie mit einer bestimmten Erwartung in einen Match. Ich überlege mir nie, ob ich gewinnen oder verlieren könnte. Ich gehe mit der Einstellung auf den Platz, das Beste zu geben und jeden Ballwechsel zu spielen als wäre es der letzte.» Diese Aussage tönt nach einer Floskel, doch der Mallorquiner tickt wirklich so. Er hat die Gabe, den Tennissport nicht komplizierter zu machen, als er ist. Und er versteht es, die Relationen zu wahren: «Tennis ist nur ein Spiel, du kannst gewinnen oder verlieren. Aber es gibt im Leben viel wichtigere Dinge als Tennis. Ich bin glücklich, habe ich privat derzeit keine Probleme. Klar ist Tennis im Moment für mich sehr wichtig, immerhin ist es mein Job. Aber als es mir letztes Jahr gesundheitlich nicht besonders gut ging, sagte ich zu mir: Bleib ruhig, und sei glücklich. Du bist erst 23 und hast schon 6 Grand-Slam-Titel gewonnen.»
Mittlerweile ist Rafael Nadal bereits bei 8 Grand-Slam-Kronen angelangt und hat zu Tennislegenden wie Andre Agassi, Ivan Lendl und Jimmy Connors aufgeschlossen. Abgehoben hat er deswegen nicht, und sich selber beurteilen mag er auch nicht: «Für mich ist es eine Ehre, zu dieser Gruppe zu gehören. Aber ich bin erst 24-jährig, daher ist es für mich schwierig, über meinen Platz in der Tennisgeschichte zu sprechen. Die Anzahl Grand-Slam-Titel ist meiner Meinung nach nicht das einzige Kriterium, wenn es darum geht, die Karriere eines Spielers zu bewerten. Man muss auch berücksichtigen, wie oft Lendl das Masters gewonnen, wie viele Jahre sich Connors an der Spitze gehalten hat. Mich sollte man erst nach meiner Laufbahn beurteilen. Ich bin mit dem bisher Erreichten sehr zufrieden.»
Was bedeutet Nadal, zehn Monate jünger zu sein als Roger Federer bei dessen achten Major-Titel? «Jede Karriere verläuft anders», antwortet er und fügt an, der Schweizer sei im Vorteil, weil drei der Topevents auf schnellen Unterlagen stattfänden. Nadal stellt aber klar, dass er sich nicht als Sandplatzspezialisten betrachtet, ja sich nie als Sandhasen gefühlt hat. «Ich gewann schon 2005 in Montreal und triumphierte auch am Hallenturnier von Madrid auf einer sehr schnellen Unterlage. Obwohl ich das US Open noch nie gewonnen habe, sehe ich mich als kompletten Spieler, der auf allen Belägen gut spielen kann. Ich war in Paris auf Sand fünfmal und hier auf Rasen viermal im Final. Aber auf Rasen ist ein Sieg für mich schon spezieller. In dieser Saison war Roland Garros mein Hauptziel, nachdem, was im Vorjahr passiert war.» Der Linkshänder spricht die überraschende Niederlage gegen Robin Söderling, seine erste überhaupt am French Open, und die gesundheitlichen Probleme an. «Der Titel hier ist etwas ganz Besonders, zumal ich 2009 nicht hatte antreten können und ich diesmal eine schwierige Auslosung hatte. Dieser Titel bringt mir viel persönliche Befriedigung, und zwar nicht wegen der Leistung im Final oder in den letzten Wochen. Der Erfolg hier ist der Lohn für die harte Arbeit im ganzen letzten Jahr. Ich arbeitete jeden Tag hart, obwohl ich oft nicht in bester Verfassung war.»
Als Nadal, der mit starkem spanischen Akzent spricht, erklärt, weshalb er am US Open noch nie triumphiert hat, paart sich seine Bescheidenheit mit Selbstbewusstsein. «So schlecht sind meine Resultate bisher auch wieder nicht gewesen. Immerhin war ich zweimal im Halbfinal, also nicht weit vom Titel entfernt. Der Belag ist nicht das Problem, doch in den letzten Jahren reiste ich jeweils nicht in Bestverfassung nach New York.» Er zählt auf, dass er 2009 an einer Bauchmuskelzerrung litt, 2008 nach einem intensiven Sommer mit dem Abstecher an die Olympischen Spiele in Peking erschöpft war und 2007 von Kniebeschwerden geplagt wurde. «Zuvor war ich als Spieler noch nicht gut genug für den Titel.»
Obwohl eine gewisse Sprachbarriere besteht, verstehen sich Roger Federer und Rafael Nadal ausgezeichnet; der gegenseitige Respekt ist ausgeprägt. Daher ist es kein Wunder, widerspricht der Spanier jenen, die glauben, Federer befinde sich auf dem absteigenden Ast: «Das hatten die Leute schon vor zwei Jahren gesagt. Und was passierte dann? Roger gewann das US Open, das French Open und in Wimbledon. Er ist stark und erfahren genug, um wieder an die Spitze zu gelangen. Es ist sicher unmöglich, zu wiederholen, was er in den letzten sieben Jahren geleistet hat, zumal er schon sehr viele Matches in den Schultern hat. Er kann nicht immer 100-prozentig in Topform sein, aber Roger wird stark zurückkommen , da bin ich mir sicher.» Sieht er im Baselbieter, der in der Weltrangliste auf Platz 3 abgerutscht ist, immer noch seinen Hauptrivalen? Die Antwort ist typisch für Nadal: «Mein Hauptrivale ist immer der nächste Gegner. Ich denke zuerst an die erste Runde, und wenn ich das erste Spiel gewonnen habe, denke ich an das zweite. Ich mache mir über Roger keine Gedanken, wenn er in der anderen Tableauhälfte ist.»
Ganz am Schluss wird noch ein heikles Thema angeschnitten: Glaubt der Spanier an Gott? Zuerst sagt er, das sei seine Privatsache, doch dann äussert er sich doch: «Ich bete nicht. Ich kann nicht sagen, ob ich an Gott glaube oder nicht. Ich würde gerne wissen, ob Gott existiert. Doch falls es ihn gibt, muss ich nicht beten oder mich bekreuzigen. Dann ist er intelligent genug, um festzustellen, wer ein guter Mensch ist.» So weit, das zu beurteilen, wollen wir nicht gehen. Fest steht aber: Rafael Nadal ist ein grosser Champion – und trotz der grossen Erfolge ein anständiger junger Mann geblieben. (Berner Zeitung)
Erstellt: 06.07.2010, 08:09 Uhr

