«Du hast das Gefühl, dass alles funktioniert»
Von Adrian Ruch, Melbourne. Aktualisiert am 26.01.2011
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Als Jim Courier, selber eine ehemalige Nummer 1, Roger Federer nach dessen Sieg gegen Stanislas Wawrinka auf dem Centre-Court interviewt, sagt der Schweizer unter anderem: «Wer weiss, was in den nächsten beiden Runden passiert?» Der Satz tönt unverdächtig, doch er verrät viel über das Denken Federers. Der 29-Jährige geht selbstredend davon aus, nach dem morgigen Halbfinal am Sonntag auch das Endspiel zu bestreiten. Eine mögliche Niederlage kommt in seiner Gedankenwelt schlicht nicht vor. Die innere Überzeugung ist im Spitzentennis fundamental. Viele Partien entscheidet jener Spieler für sich, der die drei, vier ganz wichtigen Punkte gewinnt. Und wer von seinen Fähigkeiten überzeugt ist, hat grössere Chancen, diese Big Points zu holen. «Selbstbewusste Typen treffen eine Entscheidung und ziehen die Sache durch. Es geht nicht immer gut, trotzdem würde Federer eine getroffene Entscheidung auf dem Platz nie hinterfragen», erklärt der frühere Weltranglistenerste Mats Wilander, was im Kopf grosser Champions vorgeht.
Siege bringen Selbstvertrauen
Die Deutsche Andrea Petkovic meint, es gebe Menschen, die selbstbewusst geboren würden, während andere sich das Selbstvertrauen erarbeiten müssten. Tatsächlich gibt es unterschiedliche Typen, doch nichts wirkt sich stärker auf das Selbstvertrauen aus als der Erfolg. «Hast du viele Spiele gewonnen, riskierst du mehr, während du in schlechten Phasen dazu tendierst, den Ball nur im Spiel zu halten», erzählt der Amerikaner Mardy Fish. Und genau dieses Zögern nützen die Gegner dann gnadenlos aus. Selbst bei Federer ist der Glaube an die eigenen Fähigkeiten nicht immer gleich ausgeprägt. Im vergangenen Frühling fehlte ihm nach der Lungenentzündung die Spielpraxis, und er bezog einige unerwartete Niederlagen. In der Folge agierte er unbewusst etwas zu passiv, was sich negativ auf die Ergebnisse auswirkte. Doch Federer wäre nicht Federer, würde er diesen Rückschlägen nicht noch etwas Positives abgewinnen. «Wenn du harte Zeiten erlebt hast, macht es dich stärker. Es ist einfach, gut zu spielen, wenn du dich gut fühlst. Wichtig ist, sich auch durchzukämpfen, wenn du unsicher bist und den Ball etwas weniger gut spürst.»
Derzeit strotzt der 29-Jährige freilich vor Selbstvertrauen. Kein Wunder, er hat 27 der 28 letzten Einzel gewonnen. «Das Selbstvertrauen spürst du in jedem Bereich, sogar im Training, wenn du Sachen ausprobierst. Du hast das Gefühl, dass alles funktioniert.» Es sei interessant, was das Selbstvertrauen alles auslösen könne. Wenn es für einmal nicht nach Wunsch laufe, «merkst du es kaum, weil du dich auf das Positive konzentrierst». Genau diese Einstellung ist an Grand-Slam-Turnieren wichtig. Die Tennisprofis spielen manchmal am Tag und manchmal am Abend, manchmal mit und manchmal ohne Wind, manchmal ist es heiss und manchmal kühl, meistens ist der Gegner rechts-, doch manchmal auch Linkshänder. Unter diesen unterschiedlichen Bedingungen ist es kaum möglich, stets auf Topniveau zu agieren. Doch echte Champions setzen sich auch an einem unterdurchschnittlichen Tag durch. «Und solange sie gewinnen, werden sie nicht unsicher, auch wenn sie mal schlecht spielen», erklärt Federers Coach Paul Annacone.
Duell der Tiebreak-Könige
Genau durch diese Fähigkeit hat sich der Titelverteidiger am Australian Open 2011 bisher ausgezeichnet. Er lässt sich durch den missglückten zweiten Satz gegen Tommy Robredo nicht beunruhigen, setzt sich trotzdem durch und spielt gegen Wawrinka zwei Klassen besser. Ob das Selbstvertrauen im Halbfinal ein entscheidender Faktor sein wird, ist unklar. «Ich muss auf dem Platz selbstbewusst auftreten, nur so kann ich Federer oder Nadal schlagen», sagt Novak Djokovic. Das wird ihm diesmal leicht fallen, denn seit er mit Serbien im Davis-Cup triumphiert hat, befindet er sich im Hoch. Zudem gehört er generell zu jenen, denen das Selbstvertrauen in die Wiege gelegt worden ist. Djokovic ist ein Mann für die Big Points. Er hat in seiner Karriere 64 Prozent aller Tiebreaks gewonnen und nimmt derzeit in der «ewigen» Bestenliste (seit diese Statistik geführt wird) vor Pete Sampras Platz 2 ein. Angeführt wird diese Statistik mit 66 Prozent übrigens von Roger Federer. (Berner Zeitung)
Erstellt: 26.01.2011, 07:49 Uhr

