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«Die Stars müssen häufiger verlieren»

Von Adrian Ruch. Aktualisiert am 24.07.2014

Der Franzose Gilles Simon gehört dem ATP-Spielerrat an und möchte genau wie Stan Wawrinka Präsident werden. Im Interview spricht er über die Probleme und die Zukunft seines Sports.

Gilles Simon: «Alle schwärmen von Gstaad, und doch hat es nur einen Top-20-Spieler im Tableau.»

Gilles Simon: «Alle schwärmen von Gstaad, und doch hat es nur einen Top-20-Spieler im Tableau.»
Bild: Keystone

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Roger Federer war sechs Jahre lang Präsident des ATP-Spielerrats. Was hat er erreicht?
Gilles Simon: Ich selber bin seit zwei Jahren dabei. Das Wichtigste waren in dieser Zeit die Verhandlungen mit den Vertretern der Grand-Slam-Turniere. Wir zwangen sie, die Preisgelder innert vier Jahren zu verdoppeln. Dieser Erfolg wäre ohne Federer unmöglich gewesen.

Warum?
Die Unterstützung der Spitzenspieler war wichtig. Federer gehört nicht zu denen, die mehr Geld brauchen, trotzdem kämpfte er für dieses Anliegen und ging das Risiko ein, in den Medien und der Öffentlichkeit schlecht dazustehen. Er machte wirklich einen ausgezeichneten Job.

Wäre es nicht wichtiger, dass an den Challenger-Turnieren mehr Geld verteilt würde als an den Grand-Slam-Events?
Es war richtig, zuerst den Kampf mit den Grand-Slam-Turnieren auszufechten. Der Anteil, mit dem die Spieler am Gewinn dieser Events partizipierten, war lächerlich. Es sollten alle profitieren, auch die Erstrundenverlierer...

...die nun 30000 Euro verdienen.
Das scheint eine hohe Summe zu sein, doch es gilt die Ausgaben eines Tennisprofis zu berücksichtigen. Wenn die Nummer 90 der Welt viermal in der ersten Runde ausscheidet, decken die 120000 Euro decken gerade mal den Lohn und die Spesen des Coachs. Wir müssen versuchen, die Spiesse wenigstens ähnlich lang zu machen. Stars wie Federer und Djokovic haben zwei Coachs, einen Fitnesstrainer, einen Physiotherapeuten, einen Bespanner – alles, was sie wollen. Und sie treten dann gegen Gegner an, die sich nicht einmal einen Coach leisten können. Kein Wunder, gewinnen sie in den frühen Runden oft 6:1, 6:2, 6:0.

Weshalb ist das ein Problem?
Das hat man im Frauentennis gesehen. Als die Besten die anderen deklassierten, hiess es sofort, das Turnier beginne erst in der zweiten Woche richtig. Wir müssen für ein gutes Produkt sorgen. Spieler, die sich keinen Privatcoach leisten können, haben kaum eine Chance, sich zu verbessern, und werden daher von Federer und Nadal auf dem Platz zerstört. Das ist kein gutes Signal. Die Spieler sollen nicht mehr Geld in die Tasche stecken, sondern die Einnahmen wieder investieren, etwa in einen Physiotherapeuten.

Und wie sollen jene, die nicht zu den ersten 120 gehören, über die Runden kommen?
Die Idee ist, dass die kleineren Turniere nachziehen müssen, doch es gibt ein Problem: Im Kalender hat es viele Turniere, die keinen Gewinn erzielen, doch sie machen nicht Platz für andere Veranstalter, die erfolgreich wirtschaften könnten.

Viele kleinere Turniere haben Mühe, finanziell über die Runden zu kommen. Das Swiss Open ist zwar rentabel, aber weil es zur 250er-Kategorie zählt, ist es kaum möglich, Topspieler nach Gstaad zu locken.Wie lässt sich dieses Problem lösen?
Ich habe Ideen, aber ich muss betonen: Ich äussere meine persönliche Meinung. Das Hauptproblem sind die ATP-1000er-Events. Weil es Pflichtturniere sind und man die Punkte wie bei den Grand Slams nicht ersetzen kann, ist für einen Top-50-Spieler der Kalender quasi vorgegeben.

Inwiefern?
13 Turniere sind Pflicht, dann muss man vier 500er-Events bestreiten. Dazu kommen die Turniere, um die man wegen des Termins nicht herumkommt: ein Turnier vor dem Australian Open, ein Rasenturnier vor Wimbledon. Ohne Davis-Cup sind schon 19 Turniere fix. Mir hat noch nie ein Spieler gesagt, das Swiss Open sei schlecht – im Gegenteil, alle schwärmen von Gstaad, und doch hat es nur einen Top-20-Spieler im Tableau. Heute machen 50 Prozent aller Veranstalter von 250er-Turnieren Verlust – das Problem ist offensichtlich.

Und wie sieht Ihre Lösung aus?
Es muss weniger Pflichteinsätze geben, sechs 1000er-Events wären genug, und die Teilnahme an den 500er-Turnieren müsste freiwillig sein. Wer ein kleines Turnier bestreitet, schiesst sich oft selber in den Fuss. Wenn ich in Nizza, wo ich geboren wurde, spielen will, muss ich hintereinander in Rom, Madrid, Nizza und Paris antreten – das ist zu viel. Wichtig wäre auch, dass man die Punkte ersetzen kann. So hätte etwa ein Spieler, der in Miami in der ersten Runde gescheitert ist, einen echten Anreiz, ein kleines Turnier zu bestreiten, um Punkte zu sammeln. Das wäre für alle gut. Die Spieler wären flexibler in der Planung, die kleineren Turniere hätten bessere Felder.

Viele klagten, die Saison sei zu lang und zu anstrengend. Nun ist sie etwas kürzer, und was ist geschehen? In Asien wurde eine Exhibition-Liga geformt. Für Aussenstehende wirken die Tennisprofis ziemlich gierig.
Da haben Sie recht. Die Entwicklung gefällt auch mir nicht. Für mich ist die Saison nicht zu lang. Schlechter klassierte Spieler und Doppelspezialisten müssen das ganze Jahr über die Möglichkeit haben, Geld zu verdienen. Doch ich sehe zwei Probleme.

Und die wären?
Erstens gibt es viele Leute, die Geld in den Tennissport stecken möchten, doch sie finden im Rahmen der ATP-Tour keinen Platz für ihre Investitionen. Die Prämien der Showevents sind total fast so hoch wie das Gesamtpreisgeld der Tour; das ist nicht gut. Zweitens bin ich unsicher, ob die Teilnahme an Exhibitions eine gute Saisonvorbereitung ist. Aber Tennis ist ein Job. Würden Sie hingehen, wenn Sie in Asien in einem Monat so viel verdienen könnten wie sonst im ganzen Jahr?

Wahrscheinlich schon.
Eben. Auf 5 Prozent mehr Einnahmen würden die meisten wohl verzichten, aber wenn jemand auf lockere Art sein Einkommen verdoppeln kann, wäre er blöd, würde er das Geld nicht nehmen.

Stan Wawrinka will Präsident des Spielerrats werden, Sie möchten das auch. Wer wird gewählt?
Viele Berufskollegen haben mich gebeten, das Amt zu übernehmen. Ich war überrascht, wie sich Wawrinka äusserte, weil er bisher nicht dem Spielerrat angehört hat. Ich fände es besser, er würde erst mal Einsitz nehmen, bis er über das nötige Hintergrundwissen verfügt. Auf der anderen Seite ist mir auch klar, dass es für die Bedeutung und die Glaubwürdigkeit des Rats gut ist, wenn ein Topspieler an der Spitze steht.

Wie wichtig ist Ihnen das Amt?
Als Präsident hast du nicht mehr Macht oder sonstige Vorteile. Ich drängte mich nicht vor; die anderen Mitglieder des Spielerrats forderten mich nach Federers Rücktritt auf, den Job zu übernehmen.

Wie kann man das Produkt Männertennis noch verbessern? Federer sagt zum Beispiel, die Beläge seien zu ähnlich.
Federer hat sich stets an den ähnlichen Belägen gestört, weil er überzeugt ist, sich besser an unterschiedliche Bedingungen anpassen zu können als seine Hauptrivalen Djokovic, Murray und vor allem Nadal. Doch wären die Sandplätze extrem langsam und Rasen- sowie Hallencourts super schnell, hätten sie alle nur halb so viele Titel gewonnen.

Warum?
Wenn Federer zwei Tage nach einem Sandplatzturnier auf Rasen gegen Nadal spielt, gewinnt er sicher. Müsste er aber gegen Raonic antreten, der auf dem ultraschnellen Gras eine Woche trainiert hätte, weil er auf dem langsamen Sand in der ersten Runde ausgeschieden wäre, hätte Federer einen schweren Stand. Die Stars hätten generell mehr Mühe, ganz bestimmt.

Weshalb sind die Bedingungen so, wie sie heute sind?
Es war eine politische Entscheidung. Es wurde den Topspielern, die besser waren als die anderen, bewusst ermöglicht, auf allen Unterlagen Titel zu holen, ohne das Spiel umstellen zu müssen. So erhielt das Männertennis die heutigen Superstars. Vor allem ein Mann, dessen Namen ich nicht nennen möchte, hatte sich dafür eingesetzt, weil der Sport so besser zu verkaufen war.

Sind Sie dafür, die Bedingungen stärker zu differenzieren?
Ja, und zwar aus einem Grund: Uns fehlen junge Spieler, die sich durchsetzen können. Die «Big 4» werden nicht mehr ewig an der Spitze sein. Doch für die Zukunft des Tennissports brauchen wir junge Spieler, welche die Superstars schlagen, solange diese noch ihr bestes Tennis spielen. Wir müssen vermeiden, dass die Nummer 5 von heute die Nummer 1 von morgen ist. Das wäre ein grosses Problem, das sieht man bei den Frauen.

Inwiefern?
Die WTA hatte eine tolle Top 10 gehabt, doch dann traten innert kurzer Zeit viele Topspielerinnen zurück oder in den Hintergrund. Plötzlich holten Samantha Stosur und Francesca Schiavone Grand-Slam-Titel, ohne besser zu spielen als zuvor. Es ist schwierig, die neue Generation zu vermarkten, wenn Newcomer zuerst drei-, viermal in Serie gegen Djokovic und Nadal verlieren.

Genau so ist es aber...
Eben. Die Stars müssen endlich häufiger verlieren, also brauchen wir unterschiedliche Beläge. Es wäre auch sonst gut: Die Fans bekämen mehr unterschiedliche Spielstile zu sehen.

Wawrinka ist 29-jährig. Hat sein Triumph in Melbourne das Tennis nicht belebt?
Doch sein Australian-Open-Titel war gut – vor allem, weil er wunderbares Tennis spielt. Wawrinka bringt durch seinen Stil Abwechslung in die Spitzengruppe. Das war bei Murray anders; als er mehrere Finals gegen Djokovic bestritt, kam keine Begeisterung auf. Wawrinkas Erfolge sind gut für die ATP-Tour, aber wir brauchen vor allem junge Spieler, die für Furore sorgen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.07.2014, 10:52 Uhr

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