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Der Riese fordert den Grössten

Von Philipp Rindlisbacher. Aktualisiert am 09.02.2012

Der 26-jährige John Isner gehört nicht allein wegen seiner Rekordpartie in Wimbledon zu den ungewöhnlichsten Spielern auf der Tour. Nun spielt er mit dem amerikanischen Davis-Cup-Team in Freiburg gegen die Schweiz.

John Isner spielt mit dem US-Team gegen die Schweiz.

John Isner spielt mit dem US-Team gegen die Schweiz.
Bild: Keystone

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Seine gefährlichste Waffe: Der gross gewachsene Amerikaner John Isner gehört zu den besten Aufschlägern auf der ATP-Tour. (Bild: Keystone )

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Mit dem Finger tippt John Isner an die angestickte amerikanische Flagge auf seinem Trainingsanzug. Stolz erklärt er, es sei eine Ehre, die USA im Davis-Cup vertreten zu dürfen. Er sei ein Patriot, einer, der in der Rolle als Teamspieler aufblühe. «Die Leidenschaft für Mannschaftsbewerbe habe ich am College entwickelt», erzählt der 26-Jährige, welcher vier Jahre in Diensten der Universität Georgia spielte. «Woche für Woche fuhr ich mit Teamkollegen stundenlang im Bus quer durchs Land. Wir haben rumgealbert und unseren Coachs Streiche gespielt. Ähnlich gute Stimmung versuche ich nun im Nationalteam zu verbreiten.»

Seit 2010 gehört Isner zur Auswahl des Davis-Cup-Rekordsiegers (32 Titel), die von Freitag bis Sonntag in Freiburg die Schweiz herausfordert. Leicht lispelnd und in breitem Kaugummi-Englisch spricht er über das schwierige Erstrundenlos, sagt, er halte Stanislas Wawrinka für einen sehr starken Spieler, Roger Federer gar für den Grössten in der Tennisgeschichte. Isner seinerseits figuriert auf Position 17 der Weltrangliste; dass «gross» bezieht sich bei ihm vorab auf den Körper. Er misst 2,06 Meter, nicht zuletzt deshalb ist er einer der besten Aufschläger auf der ATP-Tour. 3320 Asse hat er in seiner noch jungen Karriere geschlagen – mehr als eines pro Aufschlagsspiel.

Ein Spiel veränderte alles

Drei Turniere hat John Isner bis anhin gewonnen und mehrere Top-10-Spieler bezwungen. Berühmt ist er aber aus anderem Grund. Es war jene Erstrundenpartie im Juni 2010 in Wimbledon, die sein Leben «komplett auf den Kopf stellte». Das über elfstündige Duell mit dem Franzosen Nicolas Mahut, das sich über drei Tage hinzog und welches Isner im 5.Satz mit 70:68 für sich entschied. Es war ein Jahrhundertspiel, das allerlei Rekorde brach. Nie zuvor hatte ein Match länger gedauert, wurden mehr Punkte gespielt (980), Bälle verbraucht (120) und Ballkinder eingesetzt (42).

Der Hype war enorm. Der Name Isner war bei Google kurzzeitig einer der meistgesuchten Begriffe, Nike liess gar T-Shirts mit der Aufschrift «70:68» drucken. John Isner wurde vom bekannten Talkmaster David Letterman eingeladen, durfte bei einem Baseballspiel der New York Yankees den ersten Pitch machen. Die Amerikaner hätten in ihm einen Helden gesehen, erzählt Isner, «für meinen Durchhaltewillen wurde ich bewundert».Das Spiel sei irre gewesen. «Bei 30:30, 50:50, 65:65 – im 5.Satz dachte ich, dass ich wahnsinnig werde. Nur die Aussicht auf den nächsten Seitenwechsel hielt mich auf den Beinen.»Im Gespräch mit Isner wird klar, dass diese Partie für ihn Fluch und Segen zugleich ist. «Ich weiss, dass ich mein Leben lang damit konfrontiert werde. Allerdings sollte man mich nicht nur auf diesen einen Match reduzieren.» Immerhin hat er einen Freund gewonnen: Isner und Mahut verstehen sich prächtig, telefonieren regelmässig.

Der Mutter sei Dank

John Isner wurde also schlagartig berühmt. Doch dass ausgerechnet er einer der beiden Protagonisten des legendären Spiels war, entbehrt der Logik. Er hatte als Junior weder viele Titel gesammelt noch zu jenen gehört, denen eine grosse Karriere vorhergesagt worden war. «Ich wollte nicht Tennisprofi, sondern Sportreporter werden, am liebsten bei ESPN (amerikanischer Sportsender; die Red.).» Zum Tennis kam der Schlaks erst als 9-Jähriger – und um des Zufalls willen. Seine Mutter schickte ihn und seine zwei älteren Brüder in ein Tennisferiencamp, weil sie etwas Zeit für sich haben wollte. Isner fand Gefallen am Spiel, wirkte aber ungelenk und schmächtig. Erst mit 14 entschied er sich für den Filz- und gegen den Basketball, der Trainingsaufwand blieb im Vergleich zu gleichaltrigen Junioren indes bescheiden. «Meine Eltern waren nicht ehrgeizig, sie setzten mich nie unter Druck», erzählt Isner.

Erst im College habe er realisiert, dass er, auch aufgrund seiner Körpergrösse, über Talent verfüge. «Auf einmal trainierte ich seriös, übte stundenlang Aufschlag und Vorhand.» Es folgte ein kometenhafter Aufstieg. Nach 139 College-Einzelsiegen bestritt Isner 2007 als Nobody das ATP-Turnier in Washington. Er gewann fünf Partien, siegte jeweils 7:6 im Entscheidungssatz. Darauf angesprochen, lacht der Amerikaner und sagt, ihm behage der Nervenkitzel. Die Statistik belegt dies: In 212 Profimatchs spielte Isner 275 Tiebreaks, deren 167 entschied er für sich. Eine Kurzentscheidung gewann Isner auch gegen Roger Federer, bezwingen konnte er den Schweizer aber noch nie. «Vielleicht klappt es am Wochenende», sagt er augenzwinkernd. In diesem Fall würde er bestimmt nicht mehr nur auf die eine Partie in Wimbledon angesprochen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.02.2012, 09:54 Uhr

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