Sport
«Das French Open wird der Schlüssel für Federer sein»
Dossiers
Artikel zum Thema
- «Für Federer ist Tennis kein Kraftakt»
- «Er ist mein Freund, mein Coach»
- Federer bleibt der Beste - Djokovic erstmals Nummer 2 der Welt
Stichworte
John McEnroe, Sie werden kommende Woche 51, sind im März aber in Zürich am neuen Turnier der ATP-Champions-Tour noch immer als Spieler zu sehen. Was treibt Sie noch auf die Tennisplätze: das Geld, der Ruhm, der Ehrgeiz, die Lust am Wettkampf?
Eine Kombination von allem. Wenn die Leute schätzen, was man macht, und einem mit Respekt begegnen, ist das doch angenehm. Solange ich spiele, bin ich sichtbar, habe etwas zu sagen und kann hoffentlich Kinder motivieren, Tennis zu spielen. Ich kann ein Botschafter des Tennis sein und merke viel besser, wie der Sport sich entwickelt. Zudem treiben mich Turniere an, noch härter zu trainieren.
Die Nachwuchsförderung liegt Ihnen am Herzen?
Ich bin daran, eine Tennisakademie in New York aufzuziehen. New York ist für mich zwar die grossartigste Stadt der Welt, aber seit 25 Jahren hat sie keinen Weltklassespieler mehr hervorgebracht, als mein Bruder Patrick es schaffte.
Wie hart trainieren Sie selber noch?
An drei Tagen pro Woche stehe ich auf dem Platz, dreimal bin ich im Fitnessstudio, einem Tag pausiere ich. Solche Turniere wie Zürich sind anspruchsvoll, weil man an drei, vier Tagen in Serie spielen muss. Im Vergleich zu früher weiss man heute aber besser, wie man gezielt trainieren kann. Auch die Betreuung ist viel besser.
Die Gegner auf der Champions-Tour sind bis 15 Jahre jünger als Sie. Müsste man nicht eine Kategorie für über 50-Jährige einführen?
Das wäre vielleicht eine gute Idee. Aber ich liebe es, an Herausforderungen zu wachsen. Zudem spielen wir ja nur zwei volle Sätze, da dauern Spiele selten zwei Stunden, aber ein Ivanisevic serviert immer noch mit 210 km/h, ein Krajicek kann dich immer noch vom Platz schiessen, ein Edberg bewegt sich immer noch toll. Doch ich weiss, dass ich an einem guten Tag gegen jeden eine Chance habe, wie die Siege über Sampras, Courier oder Ivanisevic zeigen.
Sie haben Ihr Image als Tennisbösewicht behalten. Wenn Sie heute beim Schiedsrichter reklamieren, ist das nur Show oder meinen Sie es immer noch ernst?
Beides. Immerhin gibt es bei uns den Videobeweis ja noch nicht. Viele Zuschauer erinnern sich an früher - und bei uns geht es ja auch um die Unterhaltung und nicht nur darum, den Gegner zu bezwingen. Wir wollen den Fans auch eine gute Show bieten.
Roger Federer sagte in Australien, Tennis habe sich in den vergangenen Jahren zu einer neuen Sportart entwickelt. Heute könne man am Netz fast nichts mehr gewinnen, weil alle viel besser retournieren und passieren würden. Einverstanden?
Roger versteht zwar enorm viel vom heutigen Tennis, aber ich bin anderer Meinung. Ich denke, die Spieler arbeiten heute zu wenig an der Platzierung ihrer Aufschläge und vernachlässigen das Training ihres Netzspiels. Natürlich schlagen heute alle den Ball viel härter. Zu meiner Zeit konnte man fünf Meter hinter der Grundlinie keine Winner schlagen. Aber auf einem schnellen Belag könnte man am Netz noch immer Erfolg haben - selbst wenn man nur nach jedem dritten Aufschlag ans Netz kommt. Aber solange Roger jedes Turnier gewinnt, rate ich ihm sicher nicht, sein Spiel zu ändern.
Wie hat sich das Tennis aus Ihrer Sicht entwickelt?
Wir spielten früher meistens auf schnelleren Belägen und pflegten einen anderen Stil. Bei uns war das Timing viel wichtiger, man musste den Ball früh treffen. Als dann Lendl die Nummer eins wurde, änderte sich das Spiel. Er schlug härter auf, dafür weniger präzis, hatte eine gute Vorhand und war unglaublich fit. Mit der verbesserten Technologie der Rackets und der Saiten gab es einen weiteren Schub für das Powertennis und das Grundlinienspiel. Aber Tennis bewegt sich in Zyklen. Das Netzspiel wird wieder zurückkommen.
Sie hatten vor dem Australian Open auf Andy Murray getippt. Hat Sie Federer in Melbourne überrascht?
Noch vor dem Final setzte ich auf Murray. Weil ich nicht dachte, dass Federer dieses Niveau halten kann. Er nutzte seine ganze Erfahrung und setzte den Gegner auch psychologisch unter Druck, indem er sagte: Ich habe schon alles gewonnen, du nichts . . . Um ihn zu schlagen, muss man hungriger sein als er, und Murray war nicht hungrig genug. Er hätte, wie am US Open Del Potro, drei Stunden lang mitkämpfen und ein Niveau erreichen müssen wie nie zuvor in seinem Leben, und das gelang ihm nicht. Er griff sich an den Rücken, an den Knöchel, schien nicht restlos bereit. Federer merkte das und nützte es aus. Er ist schon erstaunlich.
Kann Federer 2010 als dritter Mann den Grand Slam schaffen, in dem er alle vier Majorturniere gewinnt?
Am schwierigsten ist für ihn das French Open, das wird der Schlüssel sein. Vieles hängt davon ab, wie die Sandsaison verlaufen und in welcher Form Rafael Nadal nach Paris kommen wird. Wenn Nadal gesund ist, ist er der stärkste Spieler, den ich auf Sand je gesehen habe.
Sie trauen Federer den Grand Slam also nicht zu?
Das habe ich nicht gesagt. Ich sagte immer, Federer sei der grösste und wunderbarste Tennisspieler, den es je gab. Bei ihm ist alles möglich, er kann auch den Grand Slam holen. In Wimbledon gibt es ohnehin nur ganz wenige Spieler, die ihn schlagen können. Und wenn er zum ersten Mal mit drei Grand-Slam-Turnier-Siegen im Rücken nach New York kommen würde, hätte er eine riesige Unterstützung, weil viele ihm den Grand Slam gönnen würden. Weil er schon viele Rekorde besitzt, würde er sich wahrscheinlich auch nicht unter Druck setzen lassen. Als Rod Laver seinen zweiten Grand Slam holte (1969), war er auch schon 31 Jahre alt. Die Leistungsdichte war aber viel weniger hoch.
Was erwarten Sie noch von Nadal?
Für mich ist klar, dass Federer im vergangenen Jahr von Nadals Verletzung profitierte. Ich bin etwas traurig, dass Nadal seinen Schwung verloren hat. Aber vieles ist selbst verschuldet. Wenn man sieht, wie viel Kraft er braucht, um sich zu bewegen - Federer dagegen fliegt über den Platz. Ich hoffe, dass Rafa noch einige Jahre spielen kann und seine Rivalität mit Federer weitergeht. Das wäre gut für das Tennis. Allerdings hat Nadal seine Karriere auch sehr früh begonnen und vielleicht zu früh viel erreicht. Immerhin hat er ja schon sechs Grand-Slam-Turniere gewonnen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.02.2010, 10:42 Uhr
Sport
Meistgelesen in der Rubrik Sport
Emil Frey AG Autocenter Bern




