«Ach, Boris Becker hat wirklich keine Ahnung»

Roger Federer strebt diese Woche in Halle seinen achten Titel an. Mit den Aussagen von Boris Becker über sein Verhältnis zu Novak Djokovic hat er grosse Mühe.

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Vor einer guten Woche verlor der FC Basel den Cupfinal gegen Sion. Am gleichen Tag schlug Stan Wawrinka im Roland-Garros-Final Novak Djokovic. Welches Resultat hat sich stärker auf Ihre Stimmung ausgewirkt?
Der Tag verlief in Phasen. Als ich in der Pause beim Zwischenstand von 0:1 das Resultat von Stan checkte, hatte der Paris-Final erst gerade begonnen. Als wir dann 0:3 verloren hatten, lag Stan mit 4:6, 3:3 in Rückstand. Wenn Djokovic den ersten Satz gewinnt, gewinnt er fast immer auch den Match, vor allem an Grand-Slam-Turnieren. Ich hoffte, Stan würde den Satzausgleich schaffen und die Partie danach ausgeglichen verlaufen. Am Anfang war der Nachmittag sicher nicht lässig…

…was sich dann änderte.
Genau. Ich fuhr zu meinen Eltern nach Hause, wo grilliert wurde. Die FCB-Niederlage war relativ einfach zu verkraften, weil Sion einfach besser gewesen war. Obwohl ich mich als Fan schon fragte, weshalb Sion derart stark gespielt hatte und der FCB nicht besonders gut. Der Sieg von Stan überwog für mich bei weitem, ich freute mich extrem für ihn. Die Bedeutung des French-Open-Titels ist gewaltig; das werden wir Schweizer vielleicht Jahrzehnte lang nicht mehr erleben. Nach dem Matchball erhob ich mich von der Couch und riss die Hände nach oben – fast, als hätte ich selber gewonnen. Es war wunderbar.

Wie stufen Sie Wawrinkas Leistung ein?
Was er zeigte, war gigantisch, fantastisch. Es war ein Traum, wie er am Schluss spielte.

«Wenn er, wie man so schön sagt, ‹on fire› ist, lässt sich Stan kaum stoppen.»

Verstärken Wawrinkas Erfolge Ihre Lust, selber noch einen Grand-Slam-Titel zu gewinnen?
Logisch, zumal ich seit zwölf Monaten sehr gut spiele. Stan hat in den vergangenen anderthalb Jahren zwei Grand-Slam-Titel geholt, doch ich habe ihn in dieser Zeit häufiger geschlagen als er mich, und ich habe auch mehr Titel geholt. Das zeigt: Mein Spiel ist da. Bei Stan geht es mehr auf und ab, aber wenn er ein Hoch hat, ist sein Niveau extrem hoch. Davon kann ich mich inspirieren lassen. Wenn er, wie man so schön sagt, «on fire» ist, lässt sich Stan kaum stoppen.

So heiss sind Sie an den Grand-Slam-Events zuletzt nicht mehr gelaufen.
Ich muss schauen, dass auch ich mein Niveau in den Endphasen dieser Turniere auf die nächste Stufe hieven kann. Das gelang mir zuletzt nicht; ich habe das Gefühl, in New York, Melbourne und vielleicht zuletzt auch in Paris wäre mehr drin gelegen. Aber: Solange ich gut spiele und Chancen kreiere, werde ich wieder nahe an die Titel kommen und auch mal den nächsten Schritt machen können, davon bin ich überzeugt.

Anders als früher begegnet Ihnen Kumpel Wawrinka sportlich auf Augenhöhe. Inwiefern verändert die Konkurrenzsituation das persönliche Verhältnis?
Wenn du stärker in Konkurrenz stehst, trainierst du normalerweise seltener zusammen. So habe ich es bisher jedenfalls gehandhabt. Ich habe in meiner Karriere ein einziges Mal mit Nadal trainiert – und mit Djokovic noch gar nie. Es gibt schliesslich Hunderte von Spielern, mit denen man trainieren kann. Doch bei Stan ist das etwas anderes. In Bezug auf unser Verhältnis ist immer noch alles beim Alten. Wir kennen unsere Rollen und wissen um die Freundschaft. Wir freuen uns bei Erfolgen für den anderen, denn wir spielen nicht dauernd gegeneinander und haben deswegen Probleme. Im Training können wir gegenseitig voneinander profitieren.

Wawrinka trainiert auch oft mit Djokovic und Nadal.
Ja, er macht das anders, hat in diesem Bereich eine andere Einstellung. Offenbar war es für ihn der richtige Weg. Er konnte sich so Schritt für Schritt an das hohe Niveau gewöhnen. Um noch einmal auf die vorherige Frage zurückzukommen: Ich sehe unser Verhältnis immer noch gleich wie früher. Es ist schön, dass er so viel aus sich herausgeholt hat. Auf seinem Weg an die Spitze gab ich ihm immer wieder Tipps; wenn er Hilfe brauchte, war ich immer da für ihn. Weil wir uns so gut kennen, freuen mich seine Erfolge doppelt.

Boris Becker sagte letzte Woche in einem Interview mit dem «Telegraph», es sei ein offenes Geheimnis, dass Sie sich mit Djokovic nicht gut verstünden. Haben Sie tatsächlich ein Problem mit der
Nummer 1?

Nein, ich finde solche Kommentare unnötig. Becker kann doch nicht wissen, ob ich ein Problem mit Djokovic habe. Es ist immer gefährlich, wenn du viel redest: Manchmal sagst du Dinge, die du nicht sagen solltest. Auch ich muss in dieser Hinsicht aufpassen. Selbstverständlich hörte ich nicht gern, was Becker erzählte – immerhin war er mal mein Idol gewesen. Allerdings weiss ich nicht genau, was er wirklich gesagt hatte, zumal er danach auf Twitter einen halben Rückzieher machte.

«Becker kann doch nicht wissen, ob ich ein Problem mit Djokovic habe.»

Sie verstehen sich mit Djokovic also gut.
Es ist bekannt, dass ich anfänglich mit Novaks Art auf dem Platz Mühe hatte, doch heute verhält er sich wunderbar und äusserst fair. Ich habe kein Problem mehr mit Novak. Es ist nicht so, dass wir uns dauernd sehen. Unsere besten Freunde sind andere Leute, aber wir begegnen uns normal und reden entspannt zusammen.

Becker machte auch die Aussage, es sei nicht möglich, dass man wie Sie von allen gemocht werde. Er warf Ihnen vor, wegen des Images die wahren Gefühle zu verstecken. Müssen Sie sich oft verstellen?
Ach, Becker hat wirklich keine Ahnung. Eigentlich müsste er mich gut genug kennen, um zu wissen, dass ich ein entspannter Typ bin. Ich jedenfalls schätze ihn; ich betrachte ihn nicht in erster Linie als Coach von Djokovic, sondern ich sehe ihn als Boris Becker, zu dem ich früher hochschaute. Ich bin freundlich und höflich zu den Menschen, ohne dass ich mich verstellen muss. Klar, manchmal muss ich mich zusammenreissen, wenn ich müde oder nicht gut gelaunt bin – doch das gehört zum Job. Mir sagt jedenfalls niemand, wie ich mich verhalten muss.

Alles Ungewöhnliche, was jemand tut, wird heute innert Minuten rund um die Welt verbreitet. Was hat sich für Sie als Prominenter durch die fotofähigen Handys und die sozialen Medien verändert?
Es hat tatsächlich einiges geändert, aber ich beklage mich deswegen nicht. Ich bin nun mal eine öffentliche Person. Manchmal bin ich happy, in der Öffentlichkeit zu stehen, manchmal hätte ich es lieber anders, doch das kann man sich nicht aussuchen. Doch etwas ist klar: Durch die Smartphones ist die Privatsphäre weg.

Ist Ihr Leben dadurch mühsamer, anstrengender geworden?
Nein, es geht noch. Wenn es ein Föteli von mir gibt, dann gibt es halt eines. Wenn ich das unbedingt vermeiden will, bleibe ich im Hotelzimmer. Aber ich passe nun nicht wegen der neuen Generation von Geräten und Medien mein Leben an. Ich musste mich an die neuen Umstände gewöhnen, doch heute gehören sie einfach dazu. In Dubai und vor allem in der Schweiz kann ich immer noch ganz normal mein Leben leben, das finde ich schön. Klar, in Grossstädten ist die Situation schwieriger, aber glücklicherweise verhalten sich die meisten Leute mir gegenüber nett und respektvoll.

In Paris kam ein junger Mann auf das Feld, um mit Ihnen ein Selfie zu machen, trotzdem bewahrten Sie kühlen Kopf. Gab es schon Momente, in denen Sie um Ihre Sicherheit fürchten mussten?
Nein, zum Glück nicht. Auch in Paris hatte ich keine Angst; ich merkte sofort, dass die Situation nicht gefährlich war…

… aber?
Das Problem war, dass schon am Vortag am Ende meines Trainings 15 bis 20 Kinder auf den Platz gerannt waren. Als dann auf dem Centre-Court vor 15'000 Zuschauern und einem Millionenpublikum am Fernsehen wieder so etwas passierte, ohne dass das Sicherheitspersonal eingegriffen hatte, musste ich festhalten: Das ist ungenügend. Ich weiss, es ist nichts passiert, aber ich wollte den Vorfall nicht unter den Teppich kehren. Es ist wichtig, dass die Sicherheitsleute aufmerksam sind. Das French Open war die ideale Plattform, die Problematik anzusprechen. Es ging nicht darum, das Turnier schlechtzumachen. Wir Tennisprofis sind zugänglich und wollen das auch bleiben, aber die Sicherheit muss gewährleistet sein.

Anfänglich waren Sie im Umgang mit Internetmedien sehr zurückhaltend. Mittlerweile sind Sie auf Twitter selber ziemlich aktiv. Gehört das heute zum guten Ton, oder macht Ihnen die Interaktion mit den Fans Spass?
Manchmal denke ich, das könnte für den Fan lässig sein. Ich mache gerne Fotos, und es bereitet mir Spass, ab und zu einen anderen, für meine grosse Fangemeinde ungewohnten Blickwinkel zu zeigen. Das ist der einzige Grund; ich verdiene keinen Rappen mit Instagram oder Twitter. Aber ich bin mit Messages eher vorsichtig; ich will keine Fehler machen.

Handy- respektive Internetsucht ist zum ernsthaften Problem geworden. Wie häufig nutzen Sie internetfähige Geräte?
Ich bin nicht einer, der dauernd online ist. Ich versuche, das Telefon so oft wie möglich wegzulegen. Ich will nicht in den Sog geraten. Man muss aufpassen, denn man kann die sozialen Netzwerke auch falsch nutzen. Man darf nicht alles sehen wollen und schon gar nicht alles glauben. Es geht darum, herauszupicken, was einem wichtig ist.

«Durch die Smartphones ist die Privatsphäre weg.»

Sie schränken Ihren Medienkonsum also bewusst ein.
Ja, aber wenn ich unterwegs bin, lese ich schon gern im Internet, was in der Schweiz und in Basel geschieht. Vor dem Fernseher bin ich dafür selten, weil meine Kinder oft um mich herum sind. Ich versuche schon, meinen Kindern mit halbwegs gutem Beispiel voranzugehen. Zudem telefoniere ich lieber mit den Menschen, als dass ich schreibend Nachrichten austausche.

Viele Kinder leiden, auch weil sie zu oft den Computer oder das Handy benutzen, unter Bewegungsarmut und Übergewicht. Was tun Sie, damit dies Ihren Kindern nicht passiert?
Beim Essen schaue ich auf Abwechslung. Meine Kinder müssen nicht alles gern haben, aber sie sollen wenigstens alles probieren. Zudem gehen wir möglichst oft ins Freie. Drinnen ist die Gefahr gross, dass man vor dem Fernseher oder dem Computer sitzt.

Die Töchter sind bald sechs Jahre alt. Sind sie von den technischen Geräten schon fasziniert?
Nein, sie zeichnen gern, machen gern Scherenschnitte und spielen gern mit Lego. Aber eben. Wir gehen mit ihnen möglichst jeden Tag nach draussen; die frische Luft tut einfach gut, man fühlt sich gleich wohler. Es ist doch etwas anderes, das Interview draussen zu führen, oder nicht?

Stimmt, Sie haben recht.
Wir gehen mit den Kindern oft in Parks oder treiben mit ihnen Sport: Tennis spielen, schwimmen oder was auch immer.

Durch das Internet ist die Welt ein Dorf geworden. Wann und wo kam es zuletzt vor, dass Sie nicht erkannt wurden?
(überlegt) Ich weiss nicht mehr wo. Aber es passierte kürzlich, dass mich eine Frau nicht erkannte. Wir sprachen vielleicht fünf Minuten miteinander, und ich merkte, dass sie keine Ahnung hatte, wer ich bin. Darüber war ich froh, es war schön, frisch von der Leber weg reden zu können (lacht). Aber das kommt sehr selten vor.

Ihre Mutter stammt aus Südafrika. Was empfanden Sie, als Sie erstmals die Armut in den Townships sahen?
Ich hatte die Probleme in Südafrika aufgrund von Erzählungen schon lange gekannt, doch als ich sie mit eigenen Augen sah, war ich schon 20-jährig. Meinen Kindern wird es einmal anders gehen, sie haben schon auf Fotos gesehen, dass Papi in Afrika war. Ich habe ihnen gezeigt, wie dort viele Menschen wohnen und was sie essen.

Hat Sie die Herkunft Ihrer Mutter veranlasst, mit Ihrer Stiftung vorwiegend in Afrika tätig zu sein?
Ich bin in die Sache hineingewachsen. Als junger Tennisprofi bekam ich mit, was Andre Agassi und Tiger Woods für Stiftungen betrieben, wofür sich Unicef und das Rote Kreuz einsetzten, was die ATP-Tour für wohltätige Zwecke tat. Dann kamen immer mehr Anfragen, das ganze Spektrum. In dieser Phase muss man sich entscheiden, ob man alles ein wenig machen oder sich auf etwas konzentrieren will.

Sie haben sich für Letzteres entschieden.
Ich helfe auch immer wieder anderen Stiftungen, indem ich T-Shirts unterschreibe, Schläger für Versteigerungen zur Verfügung stelle oder Geld spende. Doch mit meiner Foundation wollte ich für etwas Bestimmtes stehen, und Afrika ergab durch die Herkunft meiner Mutter am meisten Sinn. Ich wollte etwas für Kinder tun. In Afrika ist es nicht selbstverständlich, dass sie eine Schule besuchen können. Daher beschloss ich, dort den Hebel anzusetzen.

Bisher haben 215'000 Kinderund Jugendliche von der Roger Federer Foundation profitiert. Was bedeutet Ihnen das?
Es ist schön, so vielen helfen zu können, wobei die Zahl für mich nicht richtig fassbar ist: 215'000, das entspricht ganz Basel! Ich merke erst richtig, was wir bewirken, wenn ich vor Ort bin, deshalb sind diese Reisen für mich so wichtig. Die Kinder wirken happy, und sie sind hoffentlich nicht nur glücklich, weil ich dort bin. Ihre Eltern bedanken sich bei mir; ich sehe, dass die Lehrer zufrieden sind. Zudem bekomme ich Rückmeldungen, wenn meine Eltern oder andere aus dem Stiftungsrat nach Afrika reisen. Derzeit bin ich sehr zufrieden, wie es läuft. Wir haben grosse Ziele: Bis 2018 möchten wir 1 Million Kinder unterstützt haben.

Wann reisen Sie das nächste Mal nach Afrika?
Ich musste einige Reisen auf das nächste Jahr verschieben, doch nach dem Turnier in Wimbledon werde ich einen Trip nach Malawi machen.

Haben Sie auch schon mal Raupen gegessen, oder sind Sie schon auf Elefanten geritten?
Nein, aber ich bin mal auf einem Strauss geritten und schon nach fünf Sekunden wieder runtergefallen (lacht). Ich habe auch schon Krokodile gefüttert, aber ich bin grundsätzlich nicht so der Draufgänger – weder bei Achterbahnen noch beim Essen von merkwürdigen Dingen.

«Ich habe auch schon Krokodile gefüttert, aber ich bin grundsätzlich nicht so der Draufgänger.»

Sie ermöglichen den afrikanischen Kindern eine Schulbildung. Bald sind Ihre Töchter im Schulalter. Wird an den Turnieren dann eine Lehrerin dabei sein?
Seit einem Jahr ist eine Kindergärtnerin dabei, das klappt gut. In einer perfekten Welt möchte ich, dass meine Kinder aufwachsen wie alle anderen auch, doch ich spiele immer noch gern und erfolgreich Tennis. Aber wenn der Effort zu gross wird und die Kinder vom Leben auf der Tour genug haben, brechen wir die ganze Übung sofort ab. Doch vorderhand reisen Mirka und die Kinder noch gern, und wir können als Familie viel Zeit zusammen verbringen.

Das tönt, als ob es noch eine Weile so weitergehen wird.
Unser Leben ist sehr spannend, aber uns ist bewusst, dass die Zeit kommen wird, in der die Schule alles diktieren wird. Doch vorerst machen wir so weiter, und bald beginnen die Mädchen mit der Schule, dann wird auch ein Lehrer mitreisen. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

(Erstellt: 17.06.2015, 10:49 Uhr)

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