Wie der Goalie beschützt wird

Lars Leuenberger, der letztjährige Meistertrainer des SC Bern, äussert sich einmal wöchentlich zu den Playoffs.

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Biel hat sich gegen den SCB vorbildlich geschlagen und alle drei Auswärtsspiele kompetitiv gestaltet. Doch wenn jemand eine Serie 4:1 gewinnt, muss nicht darüber diskutiert werden, wer besser war. Trotzdem erschrak ich am Dienstagabend etwas, als ich sah, wie viele guten Chancen sich die Bieler erspielten. Die Berner müssen sich steigern, doch das wissen sie selber.

Die Serie war geprägt von zwei sehr guten Goalies, wobei Leonardo Genoni das Duell für sich entschieden hat. Er hatte einen durchschnittlichen Abend, an dem er einen haltbaren Treffer erhielt – und schon unterlag der SCB. In den anderen Partien zeigte Leo sein Weltklasseformat. Normalerweise gewinnt jenes Team mit dem besseren Torhüter eine Playoff-Serie.

Für die Topfavoriten ist die erste Playoff-Runde immer heikel: Man kann eigentlich nur verlieren. Insofern haben die ZSC Lions zum zweiten Mal hintereinander das Pech, auf eine gestärkte Mannschaft zu stossen. Vor einem Jahr trafen sie auf uns, heuer müssen sie sich mit Lugano auseinandersetzen. Die Luganesi haben seit dem Trainerwechsel in der Defensive riesige Fortschritte erzielt. Unter Greg Ireland bekommen sie im Durchschnitt ein Tor weniger als noch unter Doug Shedden – das ist eine gewaltige Differenz. Ireland verteilt die Belastung auch besser auf viele Schultern. Linus Klasen ist derzeit nur ein Schatten seiner selbst, aber die Mannschaft vermag dies zu kompensieren.

In den Playoffs ist das Leben der Spieler spannender, aber auch kraftaufwendiger. Zum einen steht dreimal in der Woche ein Ernstkampf auf dem Programm, zum anderen ist die Intensität höher, der Körpereinsatz stärker. Im Verteidigungsdrittel wird noch konsequenter gearbeitet, es ist daher schwieriger, sich durchzusetzen. Der ZSC ist auch des­wegen in Nöten, weil ein grossartiger Spieler wie Roman Wick erst im fünften Match sein erstes Tor erzielte. In den Playoffs geht es nicht zuletzt um Charakter, um die Fähigkeit, sich unter erschwerten Bedingungen durchzusetzen. Ein Paradebeispiel in dieser Hinsicht ist Andrew Ebbett, der unter Druck aufblüht, wie seine fünf Tore und drei Assists gegen Biel beweisen. Genau deshalb ist die Playoff-Statistik bei der Verpflichtung eines Ausländers ein äusserst wichtiges Kriterium.

Wichtig sind aber auch Spieler, die eine «gesunde» Härte ins Spiel bringen. Leute wie Simon Moser, Tristan Scherwey und Thomas Rüfenacht, die auf den Körper spielen, verleihen einer Mannschaft viel Schub. Einen Typen wie «Rüfi» im Team zu haben, ist wichtig. Er geht den Gegnern unter die Haut, provoziert mit Vernunft, verzichtet oft darauf zurückzuschlagen. Anders als früher kann man nicht einen Schlüsselspieler mit einer überharten Aktion ausschalten oder einschüchtern – einerseits wegen der Sperren, anderseits, weil die Teams breiter aufgestellt sind. Meistens ist es übrigens nicht so, dass der Coach einen Spieler auffordert, eine Schlägerei anzuzetteln. Die meisten Akteure kennen ihre Rolle, und sie spüren, wenn es gilt, ein Zeichen zu setzen.

Die Rauferei am Ende des Matchs in Biel fand ich halb so schlimm. Klar, die Schläge, die Ebbett in den Nacken erhielt, waren nicht ungefährlich, aber letztlich ist nichts passiert. Ich weiss nicht genau, was zwischen Robbie Earl und Rüfenacht los war, aber insgesamt handelte es sich um eine – bis zu einem gewissen Grad verständliche – Frust­aktion der Bieler. Dass die SCB-Spieler in die Ecke fuhren, als Genoni involviert war, war eine logische Reaktion. Sie mussten eingreifen, das ist ein ungeschriebenes Gesetz im Eishockey. Als Team darf man es sich nicht gefallen lassen, wenn der Goalie attackiert wird. Wie er beschützt wird, sagt einiges über den Zustand einer Mannschaft aus.

Wichtig ist mir aber die Vernunft. Man soll hart spielen, aber die Gesundheit des Widersachers achten. Die Genfer haben gegen den EV Zug die Balance nicht gefunden – und letztlich sich selber geschadet. Das ist insofern über­raschend, als dass Servette für seine sehr harte, aber relativ saubere Spielweise bekannt ist. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.03.2017, 08:29 Uhr

Lars Leuenberger, der letztjährige Meistertrainer des SC Bern. (Bild: Beat Mathys)

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