Mehr als Genoni

Der Meister lässt viele Schüsse, aber wenig Tore zu. Das ist kein Zufall, sondern auf das System zurückzuführen. Die Abwehr ist ein Trumpf des SCB – auch in der morgen (19.45 Uhr) beginnenden Halbfinalserie gegen Lugano.

Ramon Untersander wäre eigentlich Verteidiger, hält sich aber gerne in der Angriffszone auf.

Ramon Untersander wäre eigentlich Verteidiger, hält sich aber gerne in der Angriffszone auf. Bild: Andreas Blatter

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Die Jobbeschreibung «Eis­hockeyverteidiger» trifft den Tätigkeitsbereich von Eric Blum, Ramon Untersander und Maxim Noreau nur unzureichend. Das Trio hält sich mit Vorliebe in der Angriffszone auf, zuweilen taucht der eine oder andere genau wie Roman Josi in der NHL sogar hinter dem gegnerischen Tor auf. Obwohl die drei am meisten eingesetzten Verteidiger allesamt offensiv ausgerichtet sind, erweist sich die Abwehr des SC Bern als äusserst sattelfest.

In der Qualifikation hatte kein Team weniger Gegentore zugelassen, im Playoff-Viertelfinal biss sich der EHC Biel an Goalie Leonardo Genoni und dessen Vorderleuten die Zähne aus. In vier der fünf Partien gelang den Seeländern höchstens ein Treffer. «Die Mischung macht es aus», meint SCB-Sportchef Alex Chatelain.

«Jeder Verteidiger hat Qualität, die Rollen sind klar verteilt. Jeder weiss genau, was er zu tun hat und was von ihm verlangt wird. Zudem arbeiten die Stürmer sehr gut gegen hinten. Und wenn du viel Vertrauen in den Goalie hast, spielt es sich leichter», sagt Claudio Moggi, Stürmer der SCL Tigers, was den SCB-Abwehrverbund aus Sicht des ­Widersachers auszeichnet.

Un­tersander, mit 13 Toren und 18 Assists der beste Punktesammler unter den SCB-Verteidigern, sieht es gleich. Er lobt einerseits Keeper Leonardo Genoni und ­anderseits die Angreifer, «die uns sehr gut unterstützen». Auch Beat Gerber betont: «Alle sechs Spieler auf dem Eis müssen gut arbeiten, damit der Gegner nicht zu Chancen kommt.»

Harmonierende Duos

Entscheidend ist, dass die Verteidigerpaare gut harmonieren. So passen der physisch starke Justin Krueger sowie der elegante Läufer David Jobin ausgezeichnet ­zusammen. Das Duo Gerber/Noreau war zuweilen fast unüberwindbar, wie die hervorragenden Plus-Minus-Bilanzen in der Qualifikation (+17, +19) beweisen. «Bei uns hat es von Anfang an gut geklappt. Ich spiele gern neben einem Offensivverteidiger. Ich kann ihm meistens die Angriffsauslösung überlassen und mich voll auf die Defensive konzentrieren», erzählt Haudegen Gerber.

Das Paar Untersander/Blum funktioniert, obwohl es aus zwei ähnlichen Spielertypen zusammengesetzt ist. «Wer sich in der besseren Position befindet, geht in den Angriff mit, der andere ­sichert ab», erklärt Untersander. Sportchef Chatelain weist darauf hin, dass Blum und Untersander seit Saisonbeginn zusammenspielen. «Zudem klappt es, weil beide ausgezeichnete Schlittschuhläufer sind.»

Die starke interne Konkurrenz hat zur Folge, dass die anderen Verteidiger im SCB-Kader nur wenig Eiszeit erhalten, wenn sie überhaupt im Aufgebot figurieren. Durch die Verletzung No­reaus kommt im Halbfinal voraussichtlich Calle Andersson neben Gerber zum Einsatz. Der Schwede mit Schweizer Lizenz hat seine Stärken genau wie der Kanadier in der Offensive. Auch neben ­Andersson fühle er sich wohl, meint Gerber, aber dieser sei jung und daher deutlich weniger ab­geklärt als Noreau. Was Gerber verschweigt: In der eigenen Zone hat Andersson noch erhebliche Schwächen. Auf Nachfrage sagt der Routinier: «Ich fordere ihn immer auf, bissig in die Zweikämpfe zu steigen.»

Offene Aussenbahnen

Der SCB hat in der Qualifikation überdurchschnittliche viele Schüsse aufs Tor zugelassen, mehr als die anderen Spitzenteams und beispielsweise auch mehr als Playout-Teilnehmer Gottéron. «Traue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast», lautet ein geflügeltes Wort. An dieser Stelle sollen nicht die erhobenen Zahlen angezweifelt werden, doch entscheidend ist deren korrekte Interpretation. Eine Erklärung dafür, dass die Gegner viel aufs, aber relativ ­selten ins Berner Tor geschossen haben, ist die Klasse von Goalie Genoni.

Doch ebenso massgebend ist das von Coach Kari ­Jalonen implementierte Spielsystem. «Entscheidend ist, dass wir nach einem Puckverlust in der Mittelachse sehr gut stehen», sagt Gerber. Wenn jeder seinen Job erledigt, bewegen sich die fünf Feldspieler als kompakte Einheit rückwärts. Die Mutzen greifen in der Mittelzone gewöhnlich nicht an und lassen die Gegner auf der Aussenbahn ins Drittel eindringen, schliessen aber die Mitte. «Wir achten darauf, möglichst nur Schüsse von aussen zu gewähren», erläutert Untersander. Diese vermag ­Genoni meistens zu halten. Der Zürcher ist zudem ein Meister darin, die Scheibe in ungefährliche Bereiche abzulenken.

Wenige Stockfouls

Etwas weiteres zeichnet die SCB-Verteidiger aus: Sie verbringen wenig Zeit auf der Strafbank. Krueger hat in der Qualifikation 14 2-Minuten-Strafen verbüsst, sonst kommt keiner auf eine zweistellige Anzahl. Ganz anders die Konkurrenz: Von Davos haben vier Verteidiger 12 oder mehr kleine Bankstrafen abgesessen, bei Zug sowie Lugano sind es sogar deren sechs.

Auch diese SCB-Stärke ist auf den Kurs Jalonens zurückzuführen. «Er hat uns vom ersten Tag an klargemacht, dass er keine Stockfouls sehen will», berichtet Untersander. Die Devise ist klar: Die Berner sollen im Zweikampf den Stock in einer Hand halten und dieser den Boden berühren. Setzen sie das um, sind Vergehen wie Haken und Stockschlag nicht möglich.

Man darf gespannt sein, ob die SCB-Verteidiger auch im Halbfinal gegen Lugano eine dominante Rolle spielen können. Denn gegen die ZSC Lions setzten sich die Tessiner, jahrelang nicht fürs Verteidigen bekannt, mit dem Erfolgsrezept des Meisters durch: Die Zürcher schossen zwar viel, aber meistens von aussen, und trafen daher zu selten ins Netz. (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.03.2017, 11:48 Uhr

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