Martin Plüss: «Ich hatte eine Superzeit»

Martin Plüss, der 40 Jahre alte Captain, verlässt den SC Bern nach neun Jahren als vierfacher Meister. Wie seine Zukunft aussehen wird, weiss nicht einmal er selbst.

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Wann beginnen Sie mit dem Sommertraining?
Martin Plüss: Fangfrage! (lacht) Keine Ahnung. Alles ist offen, wirklich. Ich bin selbst gespannt, wie es weitergehen wird.

Aber an Ihrem Grundsatz­entscheid, weiterzuspielen, hat sich nichts geändert?
Ich möchte jetzt den Meistertitel geniessen und diesen Erfolg auskosten. Es ist phänomenal, was wir mit der Titelverteidigung ­erreicht haben. Diese Freude soll im Vordergrund stehen, nicht der Gedanke an die Zukunft.

Trotzdem: Vor einigen Monaten sagten Sie: «Spiele ich so weiter, wie ich mir das vorstelle, dann möchte ich mindestens eine ­Saison anhängen.» Zum ersten Teil der Aussage: Haben Sie so weitergespielt, wie Sie sich das vorgestellt hatten?
Ich finde: Ja, ich habe eine starke Saison gespielt.

Ergo werden Sie Ihre Karriere fortsetzen.
Ergo ist es so, dass es damals, als ich diesen Satz sagte, mein Ziel war, eine Lösung mit dem SC Bern zu finden. Das klappte nicht. Danach traf ich einen neuen Entscheid: volle Konzentration aufs Eishockey – und dass ich mir erst nach der Saison Gedanken über die Zukunft machen würde.

Tristan Scherwey sagt: «Plüssi, aufhören? Das kann ich mir nicht vorstellen.»
Ich kann und will zu meiner Zukunft Stand heute nicht Stellung nehmen. Was ich sagen kann: Ich habe ausser mit Bern mit keinem Klub Gespräche geführt. Das ist die Wahrheit, alles ist offen.

Eine letzte Frage zur Zukunft: Werden Sie an der WM für die Schweiz spielen?
Es gibt keine Abmachung oder sonst etwas. Ich habe mit Trainer Patrick Fischer nicht gesprochen. Was soll ich also dazu sagen?

Ob es für Sie überhaupt ein ­Thema ist, die WM zu spielen?
Weshalb zu etwas Stellung beziehen, was nicht konkret ist? Sollte mich Patrick Fischer anrufen, werde ich mich damit auseinandersetzen.

Sie standen zuletzt stark im Fokus: Da war Ihr 40. Geburtstag, da waren Ihre letzten Playoffs als Captain mit dem SCB. Wie sind Sie damit umgegangen?
Wie immer in meiner Karriere ­habe ich versucht, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das Wesentliche war und ist: gewinnen! Das ist gelungen, darüber empfinde ich grosse Freude.

Zuletzt gab es einige Porträts über Sie zu lesen. Ein Titel lautete: «Der Musterprofi». Können Sie sich damit identifizieren?
Ich bin professionell, übernehme Verantwortung. Mit dieser Seite des Musterprofis kann ich mich identifizieren. Aber der Begriff ist auch negativ behaftet, er riecht nach «angepasst», «widerstandslos». Das passt sicher weniger. Ich habe die Dinge stets beim Namen genannt.

Nach dem Titelgewinn wirkten Sie sehr gefasst, verfolgten die Feierlichkeiten als stiller Geniesser. War es ein Geniessen?
Absolut. Ich bin einer, der gerne beobachtet, Eindrücke sammelt. Das geht nur, wenn man sich die Zeit dafür nimmt. Ich habe die Emotionen gerne aufgesaugt.

Es gab auch einiges zu beobachten: Thomas Rüfenacht mit der Skibrille, Eric Blum mit dem ­Samuraischwert . . .
. . . und ich hatte meine Tabakpfeife dabei! (schmunzelt)

Haben Sie sie benutzt?
Die Jungs haben mir keinen ­Tabak gegeben. Aber ich liess mir sagen, es sei gar nicht so einfach, Tabak zu rauchen. (lacht)

Als Sie nach dem Trubel nach Hause kamen, einen Moment für sich hatten: Kam da ein ­Gefühl der Wehmut auf?
Ich habe sehr gerne in Bern gespielt. Ich habe es geliebt, vor dieser Kulisse zu spielen. Wir hatten ein fantastisches Team, es gab und gibt in Bern viele Leute, mit denen ich gerne zusammen bin. Mit dem Titelgewinn überwiegen die vielen positiven Emotionen.

Was zeichnet diese ­Meistermannschaft aus?
Die Mannschaft hat mit sehr viel Energie gespielt und mit Freude. Sie war auch spielerisch stark und international konkurrenzfähig. Zudem spielten wir sehr konstant. Und natürlich hatte das Team sehr viel Charakter.

Kari Jalonen lobte Sie als ­Captain, der stets auf der Höhe seiner Aufgabe gewesen sei. Was sagen Sie zum Trainer?
Ich nehme Kari sowie seine Assistenten Ville (Peltonen; die Red.) und Samuel (Tilkanen) zusammen: Diese drei haben hockeytechnisch den Durchblick. Die Trainings waren super. Du merkst, dass Ville und Kari auch als Spieler auf höchstem Niveau tätig waren. Das grosse taktische Wissen ist das eine, aber die Trainer können dir auch individuell etwas beibringen. Was sie sagen, hat Hand und Fuss.

Sie hatten während Ihrer SCB-Zeit sechs Trainer: John van Boxmeer, Larry Huras, Antti Törmänen, Guy Boucher, Lars Leuenberger und Jalonen. Welcher hat Sie am stärksten geprägt?
Die jetzigen Trainer und Antti Törmänen. Ihre Sichtweise vom Eishockey und die Art, wie sie denken, das liegt mir am nächsten.

Ist es Zufall, stammen diese Trainer aus dem Norden?
Wahrscheinlich nicht. Ich möchte festhalten: Es gibt in dieser Sache nicht gut oder schlecht. Aber mir entspricht diese nordische Denkweise. Es ist wichtig, wie man trainiert, wie man ein Team entwickelt. Es geht aber auch ­darum, jeden Spieler individuell weiterzubringen. Eishockey ist komplex. Einige Trainer sehen es auch komplex, andere sehen es simpel. Oder anders formuliert: Es gibt Trainer, die dir sagen, was du besser machen musst. Und es gibt Trainer, die dir sagen, wie du es besser machen kannst. Das ist ein Unterschied.

Sie sind 2008 nach Bern gekommen. Seither hat sich im Team eine Siegermentalität ent­wickelt. Wie war das möglich?
Es gab die Phase, als Bern in der Qualifikation oft dominierte, aber in den Playoffs früh scheiterte. Es reifte der Entschluss, die Mannschaft müsse anders zusammengestellt werden. Dieses Vorhaben wurde in der Folge sukzessive umgesetzt. Das spricht für Bern, für den Klub: Mit Durchschnitt gibt sich hier keiner zufrieden. Es ist ein Prozess, und der Grat ist schmal, wie 2014 das Verpassen der Playoffs nach dem Titelgewinn gezeigt hat. Aber: Generell wird in Bern sehr gut gearbeitet. Wenn ich die Atmosphäre im Team jetzt mit jener aus meinen Anfängen beim SCB vergleiche, dann sehe ich einen Riesenunterschied. Der Teamgeist ist super, wirklich super. Und glauben Sie mir: Es ist viel schwieriger, in einem Topteam mit vielen starken Spielern einen guten Spirit zu haben. Das ist eher unüblich – und das zeichnet Bern aus.

Mit David Jobin, Marc Reichert und Ihnen verlassen drei Teamplayer mit viel Erfahrung die Mannschaft. Kann sie diesen Verlust kompensieren?
Die Bedeutung von Jobi und ­Richi wurde eher unterschätzt. Trotzdem: Der gute Teamgeist ist da. Es gibt viel Leadership in dieser Mannschaft, sie ist eingespielt und sehr gut aufgestellt.

Mit dem Abgang der drei ältesten Spieler verbleibt ein Vertreter der alten Garde: Beat Gerber.
Ach, Bidu. Ich habe ihn zuletzt oft aufgezogen und als «Oldie» bezeichnet – im Wissen, dass es ihn wurmt, bald der Älteste zu sein. Aber nun kommt ja offenbar mit Mika Pyörälä ein Spieler nach Bern, der noch älter ist als Bidu. Diese Verpflichtung nimmt mir den Wind aus den Segeln – aber sie ist sehr wertvoll für Gerbers Seelenfrieden.

Sie verlassen Bern mit vier Meistertiteln – und welchem Gefühl?
Ich hatte eine Superzeit. Ich war neun Jahre lang im Klub, sieben davon als Captain. Wir standen fünfmal im Final, holten viermal den Titel. Das ist eine erfolgreiche Bilanz. Und diese Titelverteidigung geisterte auch immer irgendwo herum. Dass es zum Schluss damit geklappt hat, das freut mich unglaublich. In Bern zu spielen, das ist cool!

(Berner Zeitung)

Erstellt: 19.04.2017, 20:21 Uhr

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