Genoni – die Berner Mauer

Leonardo Genoni ist vierfacher Schweizer Meister und in der National League A seit langem der konstanteste Torhüter. Aber erst jetzt, mit 29 Jahren, ist der Goalie des SC Bern in der Nationalmannschaft richtig angekommen.

Die Kunst des Fokussierens: Leonardo Genoni vermag sich wie kaum ein anderer Spieler auf das Wesentliche zu konzentrieren. An der WM ist er der grosse Schweizer Rückhalt.

Die Kunst des Fokussierens: Leonardo Genoni vermag sich wie kaum ein anderer Spieler auf das Wesentliche zu konzentrieren. An der WM ist er der grosse Schweizer Rückhalt. Bild: Keystone

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Wenn es um diese eine Geschichte geht, weicht Leonardo Genoni gerne aus. «Das ist schon lange her», pflegt er dann zu sagen. Oder: «Ich möchte nicht schlecht über jemanden sprechen, der nicht mehr da ist.»

Der 29 Jahre alte Torhüter hat am liebsten eine weisse Weste. Schmutzige Wäsche waschen ist überhaupt nicht sein Ding. Trotzdem muss die Geschichte an dieser Stelle erzählt werden – auch weil sie aufzeigt, dass das Verhältnis zwischen dem Meistergoalie und dem Nationalteam nicht immer ein glückseliges gewesen ist.

2015, an der Weltmeisterschaft in Prag, teilen sich Genoni und Reto Berra in den Gruppenspielen die Aufgabe zwischen den Pfosten. Genoni hat wenige Wochen zuvor mit Davos den Titel geholt; er überzeugt auch in Prag, kassiert in drei Partien nur drei Gegentore, die Fangquote beträgt über 95 Prozent. Berra war bei Colorado keine Stammkraft. Er bekundet auch an der WM Mühe: vier Spiele, fünfzehn Gegentore, die Fangquote klar unter 90 Prozent. Trainer Glen Hanlon nimmt Notiz davon und versichert Genoni, er werde im Viertelfinal gegen die USA im Tor stehen.

Doch auf der Zugreise zum Spielort Ostrava weicht Hanlon dem Torhüter plötzlich aus, und schliesslich sagt er ihm vor dem Match, er werde nun doch auf Berra setzen. Ähnliches erlebt Tristan Scherwey. Hanlon sagt dem SCB-Angreifer eines Abends, er solle sich gut vorbereiten, weil er am nächsten Tag spielen werde. Scherwey wird bis Turnierende nie nominiert. Die falschen Versprechen sorgen nach den Titelkämpfen für heftige Diskussionen und sind ein Grund dafür, weshalb Hanlon seinen Job trotz Erreichen der Viertelfinals bald los ist.

Die Frage nach der Klausel

2017 bestreitet Genoni seine vierte Weltmeisterschaft. Er war 2011 (Kosice), 2014 (Minsk) und 2015 dabei, kam aber nur auf sechs Einsätze. Nun ist der konstanteste Goalie der NLA mit 29 Jahren erstmals an einem Grossanlass die Nummer eins der Schweiz. Die früheren Nationaltrainer Sean Simpson und Hanlon waren den Sirenengesängen aus Übersee hörig, bevorzugten Torhüter mit NHL-Renommee. 2017 aber setzt Patrick Fischer ohne Wenn und Aber auf den vierfachen Meister.

Der Trainer sorgte vor dem Turnierstart für Transparenz, setzte Genoni und den zweiten Torhüter Jonas Hiller von der Rangordnung in Kenntnis. Genoni dankt das Vertrauen mit starken Leistungen: ohne Gegentor gegen Norwegen, ohne Gegentor gegen Weissrussland, ohne Gegentor nach seiner frühen Einwechslung gegen Kanada. Nach dem Match gegen die Kanadier wurde im Internet ein Bild herumgeboten mit der Bitte, dieses doch als neues Foto für Genonis Spielerprofil zu verwenden. Das Sujet: eine Mauer. Zudem stand plötzlich die Frage im Raum, ob der Torhüter über eine Ausstiegsklausel für die NHL verfüge.

Nun, Genoni hat in seinem Dreijahresvertrag mit Bern keine Klausel. Überhaupt lässt er sich an der WM auf keinerlei Spekulationen ein. «Ich sehe mich auch nicht als Nummer eins», sagt er. «Wir Goalies sind ein starkes Team im Team. Es spielt keine Rolle, wer im Tor steht.»

Keine Diskussion

In Paris zeigt sich eine von Genonis grössten Stärken: Er vermag wie kaum ein anderer eine Partie abzuhaken und unverzüglich neu zu fokussieren. So sagte er nach dem 3:4 gegen Frankreich: «Wir müssen die Niederlage wegstecken und das Selbstvertrauen ­sofort wieder aufbauen.» 17 Stunden später liess er sich von den Weissrussen nie bezwingen, strahlte eine immense Ruhe aus. Ablenkung findet der SCB-Torhüter beim Lernen. Als letzten Freitag die Spieler im Restaurant des Teamhotels den Journalisten zur Verfügung standen, erkundigte sich Genoni beim Medienchef, ob dieser Raum auch sonst frei zugänglich sei. «Hier könnte ich gut lernen.» Genoni absolviert ein Fernstudium in Betriebswirtschaft.

Dass die Schweiz in Paris die K.-o.-Runde erreichen wird, ist auch Genonis Verdienst. SCB-Mitspieler Simon Bodenmann sagt: «Ob im Klub oder im Nationalteam: Leo strahlt viel Sicherheit auf die Mannschaft aus. Das ist enorm wertvoll. Er hält alles – und immer noch ein bisschen mehr.» Trainer Fischer sagt: «Über Leo müssen wir nicht diskutieren. Seine Leistungen sagen alles aus.» Und dieses Jahr erübrigt sich auch die Diskussion, wer am Donnerstag im Viertelfinal das Tor hüten wird. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.05.2017, 11:03 Uhr

Vorschau

Bereits vor dem letzten Gruppenspiel heute gegen Tschechien (16.15 Uhr) steht die Schweiz als Viertelfinalist fest. Weil Kanada gegen Norwegen mit 5:0 gewann, können die Nordländer die Schweizer in der Tabelle nicht mehr überholen.

Damit haben die Schweizer das wichtigste Ziel an diesem Turnier erreicht. Nach dem enttäuschenden 11. Platz an der letztjährigen WM in Moskau ist dieser Erfolg für Nationaltrainer Patrick Fischer, der seit Dezember 2015 im Amt ist, ein Befreiungsschlag.

Fischer und die Verantwortlichen des Verbandes zogen aus der Enttäuschung die richtigen Schlüsse. Mit dem schwedischen Assistenten Tommy Albelin verpflichteten sie einen ausgewiesenen Spezialisten für die Defensive. Das System passten sie dahingehend an, dass die Mannschaft im Vergleich zu Moskau deutlich kompakter spielt. Das zahlt sich in Paris aus.

Der Einzug in die Viertelfinals muss für die Schweiz stets das Ziel an einer WM sein. Das war zuletzt aber alles andere als selbstverständlich, noch mehr seit 2012, seit in der Vorrunde in zwei Achtergruppen gespielt wird. Mit dem neuen Modus schafften die Schweizer erst zum dritten Mal den Sprung in die K.-o.-Phase. Zudem steht fest, dass die Schweiz in der Weltrangliste in den Top 8 bleibt.

Für die Partie gegen Tschechien ist der Einsatz von Phi­lippe Furrer fraglich. Der Ver­teidiger von Lugano erlitt am Sonntagabend gegen Finnland (2:3 n. V.) zu Beginn des zweiten Drittels eine Verletzung an den unteren Extremitäten. Am Montag wäre ein Einsatz von Furrer nicht möglich gewesen.

Joël Genazzi, der gegen die Finnen nach einem Check ebenfalls kurzzeitig das Eis hatte verlassen müssen, geht es derweil wieder besser. Der Lausanner Verteidiger sollte spielen ­können. sda

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