Die Kultur des Gewinnens

Sportredaktor Reto Kirchhofer zum 15. Meistertitel des SC Bern.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gut, besser, SCB! Hockeybern feiert seine 15. Meisterschaft. Dem SC Bern ist zudem das Husarenstück gelungen, als erste Equipe seit den ZSC Lions vor 16 Jahren den NLA-Titel erfolgreich zu verteidigen. Was sind die Gründe?

Nach dem Triumph 2016 wurde der Trainerstab umbesetzt und dadurch ein neuer Reiz gesetzt. Jeder Spieler musste sich unter Kari Jalonen von neuem beweisen. Der fordernde Finne sorgte dafür, dass im Team nie ein Gefühl der Erfolgssattheit aufkam. Zudem zählt Jalonen auf taktischer Stufe zu den Besten: Die Gegner verfingen sich in seinem System.

Torhüter Leonardo Genoni wurde seinem Ruf als Königstransfer gerecht: Der Zuzug aus Davos hielt schlicht und einfach meisterlich. Und dass die Mannschaft von groben Ausfällen verschont blieb, machte die beeindruckende Saison mit Qualifikationssieg und Meistertitel erst möglich. Doch Trainer, Torhüter und Verletzungsglück zum Trotz: Der Hauptgrund für die Bärenstärke ist ein anderer. Mehr dazu später.

Der SCB ist der erfolgreichste Klub in diesem Jahrzehnt. Zählen wir das Jahr 2010 grosszügig zur Dekade, ergibt das vier Meisterschaften in acht Jahren: 2010, 2013, 2016, 2017. Was hat die Begründung dieser Dynastie ermöglicht? Der Erklärungsansatz führt zu einem Vergleich mit der Geschichte. Der Historiker Wolfgang Schivelbusch analysiert im Buch «Kultur der Niederlage» drei Kriegsverlierer – die amerikanischen Südstaaten 1865, Frankreich 1871, Deutschland 1918 – und deren Reaktion auf die Niederlage. Seine These: Nach Niederlagen erhält der Fortschritt mehr Dynamik. Wenn der Verlierer von heute die richtigen Konsequenzen zieht, wird er zum Sieger von morgen.

Dieser Prozess hat in Bern stattgefunden. Nach zwei Viertelfinalpleiten de suite fand im Sommer 2009 ein Paradigmenwechsel statt: Leadership und Leidenschaft vor Technik und Talent lautete die Devise. Prompt triumphierte der SCB 2010. Seither ist er das Etikett des Playoff-Verlierers los. Um das Herz Martin Plüss und den Motor Byron Ritchie bildete sich ein starker Kern, mit dem 2013 der nächste Erfolg gelang.

Das Team war in dieser Zusammensetzung aber über dem Zenit, dieser Aspekt wurde im Klub unterschätzt. Es benötigte 2014 eine Niederlage in Form verpasster Playoffs, damit die Verantwortlichen erneut die Lehren zogen. Die Erkenntnis: Es brauchte mehr Geld für gute Spieler, es brauchte frisches Blut, es brauchte ein neues Image mit Persönlichkeiten wie Eric Blum, Simon Moser und Thomas Rüfenacht. Et voilà.

Langweiliges Hockey hier, kontrolliertes Hockey da: Was wurde zuletzt nicht alles über System und Taktik der Berner referiert und schwadroniert. Dabei geht es um etwas anderes: Über jedem System stehen Herz und Mentalität. Beim SCB existiert eine beeindruckende Siegermentalität – das ist der entscheidende Punkt. Dieses Gefühl der Stärke kommt nicht von heute auf morgen, es bedarf eines funktionierenden Kerns an Führungsfiguren, somit cleverer Kaderplanung über Jahre hinweg. Spieler wie Plüss, Marc Reichert und Beat Gerber von der alten Garde sind zu nennen; ebenfalls Blum, Moser und Tristan Scherwey, die in diese Rolle hineingewachsen sind. Dazu kommt der Kanadier Andrew Ebbett als geborener Leader.

Dieses so wichtige Teamgefüge wird nun auf die Probe gestellt. Die drei Ältesten müssen gehen: Der SCB verliert seinen Führungsspieler und Captain Plüss, den Dienstältesten David Jobin und mit Reichert einen Teil der Seele. So wird die wichtigste Aufgabe darin bestehen, den Kern an Führungsspielern zu erhalten und dabei die Siegermentalität zu bewahren. Bleibt dieser Kreislauf in Bern in Bewegung, wird der SCB weiterhin top sein. Es muss nicht immer eine Niederlage sein, die am Anfang des nächsten Hochs steht. Auch im Erfolgsfall können die richtigen Schlüsse gezogen werden. Das ist die Kultur des Gewinnens.
reto.kirchhofer@bernerzeitung.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.04.2017, 00:55 Uhr

Sportredaktor Reto Kirchhofer. (Bild: Urs Baumann)

Artikel zum Thema

Der SCB krönt sich in Zug zum Meister

Der SC Bern gewinnt nach dem Spiel am Samstag auch die sechste Partie der Finalserie deutlich mit 5:1 und holt sich in Zug verdient den Meistertitel. Der SCB verteidigt somit auch den Titel aus dem Vorjahr. Bernerzeitung.ch/Newsnet berichtete live. Mehr...

So begann in Bern die Meisterfeier

Der SC Bern ist wie schon im letzten Jahr auswärts Meister geworden. Und wie schon im letzten Jahr feierten im heimischen Stadion tausende Fans. Mehr...

Dossiers

Kommentare

Blogs

Gartenblog Warten auf die Wärme
Echt jetzt? Die Tussi im Mann
Serienjunkie Die Erben von «Twin Peaks»

Service

Schnelle Info für zwischendurch

Lesen Sie die Nachrichten aus der Region in Echtzeit.

Die Welt in Bildern

Der alte Zopf erlebt derzeit eine Renaissance: Besucherinnen des Coachella Valley Music & Art Festivals 2017 im Empire Polo Club in Indio, Kalifornien. Das Festival findet jährlich statt und dauert über zwei Wochenenden. Es zählt weltweit zu den grössten Festivals. (22. April 2017)
(Bild: Rich Fury / Getty) Mehr...