«Beim SCB ging ich vielen auf die Nerven»

In seiner Jugend lebte Alexei Dostoinov in Moskau, New York und Zürich. Nach einem missglückten Jahr beim SC Bern sowie zwei hektischen Saisons in Russland ist der 27-jährige Stürmer in Langnau gelandet.

In Langnau fühlt sich Alexei Dostoinov wohl – in Sibirien und zuvor beim SC Bern sah dies anders aus.

In Langnau fühlt sich Alexei Dostoinov wohl – in Sibirien und zuvor beim SC Bern sah dies anders aus. Bild: Andreas Blatter

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Sollten Sie dereinst eine Bio­grafie schreiben, könnte der Titel «Der Globetrotter» lauten. Was halten Sie davon?
Alexei Dostoinov: Ich habe nicht vor, ein Buch zu schreiben. Aber bei mir ist es schon immer ein Hin und Her gewesen.

Inklusive der Zeit als Junior haben Sie bereits für achtzehn Vereine gespielt – nichts Alltägliches . . .
. . . für andere mag das komisch sein, aber ich bin es seit der Geburt gewohnt herumzureisen. Ich wuchs in Moskau auf, lebte in den USA, ging in der Schweiz zur Schule. Ich spielte ein Jahr in Kloten, dann in Zug, eine Saison später für die GCK Lions. Wir zogen oft um – es richtete sich alles nach dem Job meines Vaters.

Sie haben das Image des Reisenden. Verstehen Sie, dass Ihnen dies viele negativ auslegen?
Man wird schnell in Schubladen gesteckt. Zwischenzeitlich hatte ich den Schweizer, den russischen und den amerikanischen Pass. Mir sind immer viele Türen offengestanden, weil ich das Ausländerkontingent nicht belastet habe. Zudem mag ich das Abenteuer.

War Ihr Abstecher in die russische KHL ein Abenteuer?
Die KHL ist die zweitbeste Liga der Welt; es war ein Traum von mir, es dorthin zu schaffen.

Aber Sie spielen nun bei den SCL Tigers, weil Sie wieder wegwollten aus Russland.
In Podolsk schaffte ich den Cut nicht, wurde zum Partnerteam abgeschoben. In der zweiten Liga sind die Klubs arm. Die Reisen, bis nach Kasachstan, sind extrem mühsam. Mal waren wir sechzehn Stunden mit dem Nachtzug unterwegs; weil kein Geld für einen Charter vorhanden war, flogen wir inklusive mehrmaligen Umsteigens fast zwanzig Stunden an ein Spiel. Zunächst aber liessen mich die Verantwortlichen nicht in die Schweiz zurückkehren.

In der KHL haben Sie Tigers-Ausländer Eero Elo kennen gelernt. Er meinte, das Leben sei in Russland für einen Europäer schwierig. Können Sie ihn verstehen?
In Moskau ist es angenehm. ­Sibirien aber ist eine andere Welt. Ich lebte in der schäbigen Stadt Nowokusnezk; es ist minus 30 Grad kalt dort und gefährlich, die Gegend ist sehr arm. Es hat ein paar Bars und Kinos, sonst nichts. Viele haben ein Drogenproblem. Meine Freundin drehte fast durch. Das Leben dort ist ziemlich depressiv.

Fühlen Sie sich als Russe, als Amerikaner oder als Schweizer?
Es kommt darauf an, wo ich mich aufhalte. Ich habe nicht lange in Russland gelebt, wuchs aber mit typisch russischen Grundwerten auf. Die Schweiz ist mein Zuhause, hier habe ich meine Freunde. Und in Langnau fühle ich mich sehr wohl, und es ist toll, haben wir noch immer Playoff-Chancen.

Als Sie in Bern spielten, meinte der damalige Sportchef Sven Leuenberger, Sie seien ein Künstler, beherrschten Dinge, die andere nicht könnten. Weshalb funktionierte es beim SCB nicht?
Ich war drei Jahre jünger, noch nicht so weit wie jetzt. Nach drei Saisons in Lausanne erlebte ich beim SCB einen Kulturschock. Darauf war ich nicht vorbereitet.

«In Russland gibt  es viele Sachen, die es hier nicht gibt. Krank darfst du  in der KHL nicht werden, sonst  wirst du gebüsst.»

Alexei Dostoinov

Inwiefern?
In Bern war alles pingelig geregelt. Wirklich maximal! Es wurde sehr professionell gearbeitet, aber einige Dinge wurden ziemlich seltsam gehandhabt. Es war ganz anders als in Lausanne. Dort hatte ich mir viel erlauben können.

Stimmt es, dass Sie in Bern einige Male zu spät im Training erschienen?
Gut möglich. (überlegt) Ich war mehrmals knapp dran. Im Kopf war ich noch in Lausanne, ging in der Freizeit oft ins Waadtland. Dort hatten die Leute kein Problem mit mir. Beim SCB ging ich vielen auf die Nerven. Viele regten sich wegen mir auf, verstanden mich nicht. Unter Antti Törmänen funktionierte es noch, er hätte mich vielleicht formen können. Mit Guy Boucher passte es nicht mehr. Aber ich habe mich nicht angepasst, das war mein Fehler.

Haben Sie sich geändert?
In der KHL merkte ich, wie wichtig das Zweikampfverhalten ist. Vermehrt den Körper einzusetzen, das hätte mir sicher auch in Bern geholfen. Ich weiss nun, dass man immer Vollgas geben muss. Ich gab auch früher alles, tat dies aber nicht so bewusst wie heute. Es mag kaum Aussetzer leiden.

Erst recht nicht, wenn der Coach wie in Langnau Heinz Ehlers heisst.
Das Verhalten in der Defensive ist ihm sehr wichtig. Wer seine Vorgaben umsetzt, hat es gut mit ihm. Man muss aufpassen, was man mit dem Puck anstellt. (lacht)

Hätte es vor drei, vier Jahren mit Ehlers als Trainer noch nicht funktioniert?
Vielleicht ist es gut, haben wir uns erst jetzt getroffen. Aber es sollte nicht der Eindruck entstehen, ich hätte mit harten Trainern Mühe.

Wie meinen Sie das?
Ich ging mit 16 in die USA. Ich war der Bub, meine Mitspieler waren quasi Männer. Physisch war ich der Schwächste. Die Ambiance im Training war rau, es ging unglaublich kompetitiv zu und her. Das war ziemlich hart.

Zurück nach Russland. Wie überrascht sind Sie vom ge­waltigen Dopingschlamassel?
Anzumerken gilt es, dass viele über die Substanz Meldonium stolperten. Diese war 2015 noch legal, einige schliefen danach, versäumten es, die Regeln zu studieren. In Russland war es gang und gäbe, dieses Mittel zu schlucken.

Haben Sie Meldonium auch eingenommen?
Ja, es lag bei uns in der Garderobe auf dem Tisch. In Russland gibt es viele Sachen, die es hier nicht gibt. Ein Arzt befindet sich immer beim Team. Er pflegt dich wie im Spital, tut dies aber legal. Krank darfst du in der KHL nicht werden, sonst wirst du gebüsst.

Erwiesen ist, dass Hunderte russische Sportler in den letzten Jahren gedopt haben, was landesintern vertuscht wurde.
In Russland ist vieles möglich. Man kann Dinge vertuschen – was in der Schweiz undenkbar wäre. Hält dich ein Polizist an, kannst du ihm ein Geschenk geben, dann musst du die Busse vielleicht nicht bezahlen. Es gibt alternative Lösungswege. Sport ist in Russland sehr wichtig, aber das Niveau ist gesunken. Doch der Stolz der Leute ist geblieben. Ein schlechtes Abschneiden an den Spielen in Sotschi – das wäre untragbar gewesen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 06.01.2017, 09:37 Uhr

Zur Person

Alexei Dostoinov wurde in Moskau geboren. Als 3-Jähriger zog er mit seiner Familie in die USA, mit 10 siedelte er in die Schweiz über, weil sein Vater hierzulande eine Firma führte. Zwischenzeitlich besass Dostoinov drei Pässe, Amerikaner ist er mittlerweile nicht mehr. Der Flügelstürmer gehörte zum russischen U-20-Nationalteam, spielte während dreier Saisons in den nordame­rikanischen Nachwuchsligen. Der Durchbruch gelang ihm in Lausanne, im Waadtland war er 2013 massgeblich am Aufstieg beteiligt. Beim SC Bern lief es ihm danach nicht wunschgemäss, im Tausch mit Marc Reichert wurde er nach Ambri-Piotta transferiert. Die SCL Tigers sind sein sechster Klub seit September 2015. Für Langnau hat er bisher acht Partien absolviert (4 Skorerpunkte), sein Vertrag läuft bis Ende Saison.

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