«Selbstvertrauen ist etwas Flüchtiges – es kommt und geht»
Von Reto Kirchhofer, Adrian Ruch. Aktualisiert am 20.10.2011 2 Kommentare
Saul Miller: «Es gilt, das Angstgefühl in Liebe zu transformieren.» (Bild: Andreas Blatter)
Vom Physiker zum anerkannten Psychologen
Dr. Saul Miller zählt zu den führenden Sportpsychologen weltweit. Der Kanadier studierte zuerst Physik, wandte sich später dem Studium der Psychologie zu und doktorierte an der University of London. Seit einem Vierteljahrhundert berät der ehemalige Eishockey-Torhüter sowohl Sportler als auch Firmen, Gesundheitsorganisationen und Künstler. Während sechs Jahren leitete er eine Klinik zur Behandlung chronischer Schmerzen.
Miller und SCB-Trainer Larry Huras lernten sich vor einigen Jahren an der Coaches Conference kennen. Seither arbeiten die beiden zusammen: Huras hatte bereits während seiner Zeit beim HC Lugano auf Millers Unterstützung gezählt; 2009 holte er den Psychologen auch beim SC Bern ins Betreuerboot. Miller arbeitet zweimal pro Saison während zweier Wochen vor Ort mit der Equipe – jeweils im Herbst und vor den Playoffs.
Im nordamerikanischen Sport wirkte Miller bei diversen Teams in verschiedenen Sportarten: Er arbeitete mit Mannschaften aus der National Hockey League (NHL), National Football League (NFL), Major League Baseball (MLB) und der National Basketball Association (NBA). Millers Arbeit basiert auf den vier Säulen Fokus, emotionale Kontrolle, Einstellung und mentale Vorbereitung – die Tätigkeit im Eishockey bildet den Schwerpunkt seiner Arbeit. Miller hat acht Bücher verfasst und unterhält eine kostenpflichtige Homepage mit Tipps. Er lebt in Vancouver (Ka), sein Alter mag er nicht preisgeben – «60 plus», sagt er. rek
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Was ist für Sie mentale Stärke?
Saul Miller: Auf das fokussiert sein, was man tun will – ganz egal, was passiert. In Bezug auf das Eishockey definiere ich mentale Stärke als absolute Zielstrebigkeit und Konzentration auf das, was der Spieler auf dem Eis erreichen will.
Wird der mentalen Komponente im Eishockey genug Aufmerksamkeit geschenkt?
Nein. Ich beobachte eine überproportionale Gewichtung der physischen Elemente. Natürlich müssen die Spieler in guter körperlicher Verfassung sein; natürlich brauchen sie Technik. Aber wenn ich mit den Spielern spreche, sagen die meisten, der mentale Aspekt sei sehr, sehr wichtig – und dennoch tun sie nicht genug, um sich in diesem Bereich Fähigkeiten zu erarbeiten.
Wie läuft der Prozess ab, wenn Sie erstmals mit einem Team zusammenarbeiten?
Normalerweise spreche ich zuerst mit den Trainern: Wo sind die Probleme? In welche Richtung soll die Entwicklung führen? Danach fordere ich eine kurze Analyse sämtlicher Spieler ein. Im nächsten Schritt spreche ich zum Team und stelle die vier Schwerpunkte meiner Arbeit vor...
...die da wären?
Fokus, emotionale Kontrolle, Einstellung – dazu gehören Selbstvertrauen, Commitment, Belastbarkeit – und mentale Vorbereitung.
Was hat Ihnen Larry Huras gesagt, als er Sie 2009 nach Bern holte?
Der SCB sei ein gutes Team, das in den Playoffs weit kommen könne, aber er habe Bedenken wegen dem, was in der Vergangenheit geschehen sei. Daraufhin haben wir mit der Basisarbeit und meinen vier Schwerpunkten begonnen.
Hören Ihnen die Spieler im dritten Jahr immer noch zu?
Ich denke schon. Es ist eine gute Beziehung entstanden. Während meines Besuchs habe ich mindestens mit 20 der 25 Spieler individuell gesprochen. Es geht nicht mehr um Grundlagen, wir sprechen auch über Themen wie Kommunikation, Führungsverhalten.
Wie oft sind Sie in Bern?
Zweimal pro Saison. Einmal komme ich im Herbst, danach nochmals vor den Playoffs. Ich bleibe jeweils 10 bis 12 Tage.
Als Sie Ihre Arbeit beim SCB aufnahmen, hatten die Spieler ein Verliererimage – ein Jahr später waren sie Meister. Inwiefern beeinflussen unterschiedliche Ausgangslagen Ihre Arbeit?
Das Ziel, die Herausforderung ist stets gleich: Der SC Bern will das beste Team der Liga sein. Aber nach einem Titelgewinn ist oft eine Veränderung zu beobachten: Die Spieler denken vermehrt an sich, an ihre Statistik – durch einen Titel gibt es häufig einen Wechsel vom Wir-Fokus zum Ich-Fokus. Natürlich war mein Input im ersten Jahr am stärksten. Aber nun sind die Spieler wieder hungrig, denn die letzte Saison war eine gute, aber keine grossartige.
Sie arbeiten sowohl mit durchschnittlichen als auch mit Spitzenteams. Was ist einfacher?
Es ist immer einfacher, mit erfolgreichen Teams zu arbeiten. Letztes Jahr war ich für kurze Zeit in Langnau, und dort beobachtete ich eine beachtliche Wandlung im Selbstverständnis des Teams. Trainer John Fust verrichtet sehr gute Arbeit. Er hat es geschafft, dass die Spieler an sich glauben. Bern hingegen hat eine etablierte Mannschaft, hier ist es zentral, dass die guten Spieler zusammen funktionieren. Wo immer ich arbeite, halte ich mich an die Schwerpunkte, die der Trainer vorgibt. Hat der Trainer keinen Sinn für den mentalen Aspekt des Spiels, bringt alles nichts.
Sie erwähnten die Arbeit mit den SCL Tigers. Gibt es nicht einen Interessenkonflikt, wenn zwei von Ihnen betreute Teams aufeinandertreffen?
Ich habe kurz vor Beginn der letzten Saison mit Langnau gearbeitet. Ich ging mit John Fusts Vater zur Schule, es war also quasi eine familiäre Sache (schmunzelt). Zudem hatte ich bei SCB-Sportchef Sven Leuenberger das O.K. eingeholt. Meine Regel ist: Ich arbeite pro Liga nur mit einem Team. Es gab einmal eine Ausnahme, als ich im kanadischen Junioreneishockey aufgrund einer speziellen Gegebenheit in einem Playoff-Duell mit beiden Teams zusammenarbeitete. Das war spassig, aber es sollte verboten sein.
Woran arbeiten Sie mit den SCB-Spielern im Oktober, wenn die Playoffs noch weit weg sind?
Ich spreche oft mit den Führungsspielern, sie sind verantwortlich dafür, dass meine Nachrichten auch jeden Spieler erreichen. Ansonsten sind es primär Übungen zu den vier erwähnten Schwerpunkten.
In Ihrem Buch «Hockey Tough» handelt ein Kapitel vom «Zurückkämpfen nach Verletzungen». Diese Problematik ist beim SC Bern seit Saisonbeginn ein Thema. Wie können Sie den Verletzten helfen?
Der Klub verfügt über eine gute medizinische Versorgung. Ich versuche, den Spielern mentale Hilfe zu bieten, die es ihnen unter Umständen erlaubt, nach Verletzungen schneller ins Team zurückkehren. Es handelt sich um Konzentrations- und Entspannungsübungen sowie um Techniken zum Entwickeln von Energie. Ich war in Kanada sechs Jahre in einer Klinik für Patienten mit chronischen Schmerzen tätig, verfüge also auf diesem Gebiet über einen gewissen Background.
Ein Schwerpunkt in «Hockey Tough» sind die Gespräche zum Thema Effizienz mit ehemaligen Topstürmern wie Pawel Bure, Luc Robitaille, Markus Näslund. Die Chancenauswertung der SCB-Stürmer ist oft ungenügend. Wie gehen Sie dieses Problem an?
Ein guter Skorer hat klare Erwartungen: Er erwartet den Puck, er will den Puck, er will schiessen, er will treffen. Sind die Fähigkeiten vorhanden, lautet die Frage: Was kann man tun, um das Level der Erwartung zu erhöhen? Zentral ist, dass sich der Spieler als Skorer sieht, freies Eis sucht, Spiel und Puck antizipiert. Ich will, dass sich jeder Spieler exakt bewusst ist, was er auf dem Eis tun will. Die Spieler müssen mögliche Situationen visualisieren. Was muss ich tun, um effizient zu sein?
Die Chancenverwertung ist ein generelles Problem im Schweizer Eishockey. Fehlen die geborenen Skorer?
Es gibt einige überdurchschnittliche Skorer: Damien Brunner in Zug, Julien Sprunger in Freiburg, bei Bern sind es Ivo Rüthemann, Martin Plüss – über Jahre hinweg. Auch Ryan Gardner hat die Qualität, 15 bis 20 Tore pro Saison zu erzielen. Und Pascal Berger hat das Potenzial, ein guter Skorer zu werden. Wenn du einmal nicht triffst, darfst du dich nicht darauf konzentrieren, dass du nicht triffst. Die Frage muss lauten: Was kann ich tun, damit ich wieder treffe? Die Beine bewegen, den Puck spielen, Zug zum Tor entwickeln.
Und was sagen Sie Spielern wie Joel Kwiatkowski, die zu oft Strafen kassieren?
Ein Merkmal des SCB-Teams ist, dass es hart arbeitet und smart spielt. Wer sich in eine Position bringt, in der er eine Strafe nehmen muss, spielt nicht schlau. Ich arbeite mit den Spielern daran, was sie tun müssen, um stets auf der Höhe des Geschehens zu sein. Beweg die Füsse! Halte den Kopf oben! Antizipiere das Spiel! Wichtig ist, sich nicht in Situationen zu manövrieren, in denen man foulen muss. Die Vorgabe ist: Wir sind ein smartes Team, also tue nichts, was nicht smart ist. Ich weiss, dass ich Ihre Frage damit nicht konkret beantwortet habe.
Lehren Sie die Spieler, Trash Talk anzuwenden?
Nein.
Aber Sie zeigen auf, wie man damit umgehen soll.
Natürlich. Gehe ich durch die Nachbarschaft, und ein Hund bellt, werde ich kaum zurückbellen, oder? Wenn also ein Hund des gegnerischen Teams bellt, soll dies nicht unser Fokus sein.
Provokationen gibt es immer wieder.
Benutze sie, oder sie benutzen dich. Es gibt wenige Spieler, denen Trash Talk etwas hilft. Antwortest du auf diese Art der Zerstörung, bringt dich dies vom Weg ab. Ich denke nicht, dass Trash Talk ein Zeichen mentaler Stärke ist.
Sind nordamerikanische Profis mental stärker als Schweizer?
Es gibt Beispiele von Schweizer Spielern, die in mentaler Hinsicht professionell arbeiten. Ivo Rüthemann etwa – und vor allem Marco Bührer. Ich habe noch nie einen Goalie erlebt, der in mentaler Hinsicht derart seriös arbeitet wie er. Aber generell sind die Umstände in Nordamerika anders: Du kämpfst von klein auf sehr hart, um Schritt für Schritt weiterzukommen. Auf jeder Stufe ist die Konkurrenz riesig. Du musst in jedem Spiel, in jedem Einsatz deine Leistung bringen. Machst du dies nicht, tritt sofort der Nächste an deine Stelle. Die Nordamerikaner verfügen aufgrund des härteren Verdrängungskampfs über mehr Antrieb als die Schweizer. Aber die Situation im Schweizer Eishockey wird diesbezüglich immer besser.
Sie arbeiten mit Teams aus den höchsten nordamerikanischen Ligen in Eishockey, Basketball und Baseball. Weshalb bezeichnen Sie Eishockey als «ultimativen Teamsport»?
Eishockey ist äusserst interaktiv. Jeder Spieler nimmt teil, die Linien wechseln alle 45 bis 60 Sekunden. Dazu kommt das physische Element, jeder Spieler steht für den anderen ein. Klar, Baseball ist auch ein Teamsport, und trotzdem geht es um Individuen: Ich komme hin, um den Ball zu schlagen. Auch Fussball ist ein schönes Teamspiel, aber Eishockey ist dynamischer, schneller, physischer – der ultimative Teamsport eben.
Ist es auch der mental anspruchsvollste Sport?
Das kann man nicht so sagen. Auch Tennis ist ein hartes Spiel – du bis auf dich gesellt, hast keinerlei Unterstützung von aussen. Ähnlich ist es im Golf. Es wäre interessant, gäbe es im Golf plötzlich Bodychecks, dann wäre es interessanter zum Zuschauen (lacht). American Football ist fast wie Krieg. 150-Kilo-Brocken prallen aufeinander – mein Gott, das ist physische Brutalität. Ich betreute auch olympische Schützen. Diese Präzision, eine 9 ist schon ein Tiefschlag. In jeder Sportart ist die mentale Herausforderung eine etwas andere.
Ist die mentale Komponente im Einzelsport wichtiger als im Teamsport?
Sie ist unterschiedlich. Im Teamsport hast du die Unterstützung der Mitspieler – die Stärke des Wolfs ist sein Rudel, die Stärke des Rudels ist der Wolf. Im Teamsport gibt es mehr Struktur; einzelne Athleten wie beim SCB Rüthemann, Plüss, Vigier und Bührer ziehen die anderen mit. Einzelsportler sind extrem verantwortungsbewusst in ihrer mentalen Vorbereitung, denn sie sind für alles selbst verantwortlich, das gibt Druck – den haben allerdings auch Teamsportler, denn sie müssen auch die Erwartungen der Mitspieler und des Trainers erfüllen.
Erfolgreiche Sportler erwähnen oft, sie seien «in der Zone» gewesen. Können Sie diesen Zustand in Worte fassen?
Fokus und Gefühl, das ist es, was zählt. Wenn du «in the zone» bist, erscheinen dir die Dinge nicht so schnell, wie sie in Wirklichkeit sind. All die Sachen um dich herum sind ausgeblendet, das Tempo ist verlangsamt. Du reagierst schnell, aber es fühlt sich langsam an. Ein Beispiel: Im Baseball sagt der Schläger, wenn er sich in diesem Zustand befindet, der Ball erscheine ihm grösser als in der Realität. Spüren wir aber Druck, ist das Gegenteil der Fall: Für den nervösen Schläger ist der Ball kleiner, schneller.
In Ihrem neusten Buch, «Performing Under Pressure», erklären Sie die Schwierigkeit, Leistung unter Druck zu erbringen.
Ich habe gerade eine E-Mail eines Violinisten aus England erhalten. Er will an der Major-Queen-Elizabeth-Competition teilnehmen und möchte, dass ich ihn unterstütze. Ich mache oft Coaching via Skype – ab und zu auch mit dem SCB. Aber nun zu Ihrer Frage
Was ist Ihr Ratschlag, wenn sich jemand vor Druck fürchtet?
Er muss Angst in Liebe umwandeln. Das sind für mich die grossen Gegensätze: Angst steht für Druck, Versagen. Es gibt viele Arten: die Angst vor Peinlichkeiten, die Angst vor Blossstellung, die Angst vor Verletzungen, die Angst, das Team zu enttäuschen. Es gilt, das Angstgefühl in Liebe zu transformieren: Ich liebe die Herausforderung! Ich liebe das Spiel! Liebe ist Kraft. Diesen Prozess unterstütze ich mit Visualisierungen und Atmungstechniken.
Sie schrieben einst in einem Blog über Roger Federer. Können Sie erklären, weshalb er die wichtigen Spiele nicht mehr gewinnt?
Ich bin ein grosser Fan; Federer spielt einen unglaublichen Stil. Natürlich gilt es auch Nadal und Djokovic zu bewundern, aber die Spiele von Federer sind attraktiver – Federer verfügt über mehr Grazie. Er hat eine ganze Generation inspiriert, und nun ist die nächste Spielerwelle da. Die Konkurrenz ist stärker geworden, und ja, vielleicht ist Federer mental etwas schwächer als früher.
Macht das Selbstvertrauen die Differenz aus?
Selbstvertrauen ist etwas Flüchtiges – es kommt und geht. Markus Näslund sagte mir einmal: «Wenn ich skore, verspüre ich das Gefühl, als könnte ich in jedem Einsatz treffen. Aber skore ich ein paar Spiele nicht, beginne ich sofort zu zweifeln und frage mich, ob ich je wieder treffen werde.»
Tiger Woods war bekannt dafür, unter Druck hervorragend zu spielen. Seit seinen privaten Problemen agiert er nicht mehr auf höchstem Niveau. Wie stark wirken private Einflüsse auf die Leistung der Athleten?
Tiger Woods’ Tief ist eine Kombination physischer und emotionaler Probleme. Zuerst kam der Tod seines Vaters, der eine äusserst dominante Figur in Tigers Leben gewesen war. Es folgte der sexuelle Schwachsinn mit all den Enthüllungen. Zudem musste Tiger wegen Knieproblemen seinen Schwung anpassen. Woods und Federer haben ihren Sport verändert, die Konkurrenz fürchtete sich vor ihnen, weil sie derart dominant spielten. Aber die Situation hat geändert – nun lehren sie niemanden mehr das Fürchten. (Berner Zeitung)
Erstellt: 20.10.2011, 14:04 Uhr
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2 Kommentare
...wenn man extrem überbezahlte Durchschnittsathleten in der geschützten Werkstatt der Schweizer Ligen noch psychologisch betreuen muss, ist das Ende der Fahnenstange wohl erreicht. Absolut lächerlich. Ich schaue nur noch Rugby und Boxen. Antworten

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