Sport
SCB-Trainer Huras: «Die Playoffs sind nichts für Schwache»
Von Reto Kirchhofer. Aktualisiert am 09.03.2010
Meistertrainer
Larry Huras (54) gehört zu den profunden Kennern des Schweizer Eishockeys. Er stand als Trainer mit Ambri im Playoff-Final (1999) und wurde mit den ZSC Lions (2001) sowie Lugano (2003) Meister. Der gewiefte Kommunikator mit ausgeprägtem Showtalent besitzt bei Bern noch einen Vertrag bis Saisonende 2010/2011. rek
War der Olympiasieg Kanadas für Sie als Kanadier etwas Spezielles?
Larry Huras: Natürlich, ich war sehr stolz auf die Leistung dieser Mannschaft. Das Finalspiel hat mich wirklich beeindruckt.
Gibt es Erkenntnisse aus dem olympischen Turnier, die Sie auch im Hinblick auf die Playoffs in der Schweiz als nützlich erachten?
Wenn man nach der besten Leistung strebt, braucht es immer auch Schmerzen. Die Niederlage der Kanadier in der Vorrunde gegen die USA war schmerzlich, aber sehr nützlich. Denn danach rückte das Team noch näher zusammen. Aber ehrlich gesagt habe ich nicht viele Eishockeyspiele gesehen, sondern mehr Ski alpin, Skispringen und Curling verfolgt. Skifahren ist ein grosses Hobby von mir.
In den nächsten Wochen dürften Sie dafür kaum Zeit haben. Ist Ihr Team vor Beginn der Playoffs dort, wo Sie es gerne hätten?
Wir sind am richtigen Ort. Während der Olympiapause konnten wir das Team sehr gut vorbereiten, obwohl drei Spieler in Vancouver gewesen waren, die danach wieder integriert werden mussten. 2006 bei Lugano musste ich vor den Playoffs auf neun Nationalspieler verzichten. Das war um einiges schwieriger.
Sie treffen im Viertelfinal auf Ihren Ex-Verein. Was erwartet den SCB in der Serie gegen Lugano?
Ich habe vor der Saison gesagt, es gebe zwei Teams, die mehr Talent als der SCB besässen: Kloten und Lugano. Diese Saison hat Lugano bisher als Team nicht gut gespielt. Das kann ein Problem der Chemie, der Taktik oder des Trainings gewesen sein. Aber individuell ist Lugano sehr stark, wenn alles passt, ist die Mannschaft enorm gefährlich. Wir müssen uns aufs Eishockey konzentrieren und nicht auf den üblichen Zirkus rund um die Playoffs. Der neue Trainer Philippe Bozon bringt mehr Emotionen und Leidenschaft ins Team. Aber wir sind bereit. Die Playoffs sind nichts für Schwache – in körperlicher und in mentaler Hinsicht.
Der SCB hat die Qualifikation trotz abschliessender Niederlage in Biel als Sieger beendet. Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Hans (Kossmann, der Assistenztrainer, die Red.) und ich dürfen stolz auf das Team sein. Wir hatten unglaublich viel Verletzungspech: Ziegler, Dubé, Josi, Furrer, Rytz, um nur einige zu nennen. Unser Ziel war ein Platz unter den besten vier. Dass wir nun so viele Punkte haben, spricht für die Breite und die Leistung der Mannschaft.
Im Vergleich zu früheren Saisons konnte der SCB in der Qualifikation viele Spiele nach Rückstand noch gewinnen...
...und diese neue Qualität ist sehr wichtig im Hinblick auf die Playoffs. Dass wir viele Spiele wenden konnten, beweist, dass wir den Charakter und die Einstellung haben, die ein Meisterkandidat haben muss.
Die Sturmformationen scheinen zu harmonieren. Gibt es da überhaupt noch Platz für den rekonvaleszenten Christian Dubé?
Die zentrale Frage lautet: Was ist beim SCB wichtig? Wir haben einen Plan für das Team, der für jeden Spieler eine Rolle vorsieht. Die Spieler sollen diese Rolle akzeptieren und möglichst gut ausfüllen. Spieler wie Dubé oder auch Thomas Ziegler müssen verstehen, dass sie nach ihren Verletzungen ihre früheren Rollen vorerst nicht haben werden. Die Playoffs sind ein Marathon, kein Sprint. Denken Sie an den HC Davos, der letztes Jahr trotz neun Playoff-Niederlagen Meister wurde. Es bringt nichts, sich auf einen 0:1-Rückstand oder eine 2:1-Führung zu fixieren. Man muss langfristig denken – in einer Serie können die Rollen immer wieder wechseln. Wir werden uns vor jedem Match fragen: Was braucht die Mannschaft heute? Wir müssen für jede einzelne Partie die beste Kombination finden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir vom ersten bis zum letzten Playoff-Spiel stets mit denselben Linien antreten werden.
Die Rolle des Ersatzausländers ist aber definitiv für Simon Gamache reserviert.
Im Moment hat er diese Rolle, das ist richtig. Aber seine Einstellung stimmt, ich hatte in der Vergangenheit bereits fünfte Ausländer, die in der Garderobe einen negativen Einfluss ausübten. Wenn wir Simon brauchen, wird er zu 100 Prozent bereit sein, das weiss ich.
Sie haben während eines Vortrags ein Zitat von Charles Maurice de Talleyrand erwähnt: «Ich habe mehr Angst vor einer Armee von 100 Schafen, angeführt von einem Löwen, als vor einer Armee von 100 Löwen, angeführt von einem Schaf.» Wer sind beim SCB die Playoff-Löwen?
Sicher die Captains, Plüss und Vigier, dann Roche und Rüthemann. Aber wir haben nicht 4 Löwen und 18 Schafe. Ich fordere 22 Löwen, die bärenstark spielen. Wir haben viel Leadership in der Gruppe, nun sollen alle Verantwortung übernehmen.
Bern ist in den letzten Jahren dreimal als Qualifikationssieger in der ersten Playoff-Runde gescheitert. Spüren Sie diesbezüglich bei Spielern und im Umfeld eine gewisse Nervosität?
Wir sprechen nicht über Vergangenes, das ist ein Thema für die Zuschauer und die Medien. Wir haben ein neues Team, neue Charaktere, einen neuen Coachingstaff. Wir schauen nach vorne.
Neben dem ständigen Betreuer Jörg Wetzel haben Sie im Hinblick auf die Playoffs mit dem Amerikaner Saul Miller einen zweiten Psychologen engagiert.
Die Spieler müssen verstehen, dass in den Playoffs Situationen auf uns zukommen werden, in denen wir Druck spüren. Was machen wir mit dem Druck? Wie können wir ihn positiv verarbeiten und nutzen? Mit Hilfe der zwei Psychologen wollen wir den Spielern Methoden aufzeigen, wie sie mit Druck umgehen können. Die Idee ist, dass jeder Spieler seine beste Leistung bringen kann, egal, ob wir 3:0 vorne oder 0:3 zurückliegen. Die Konzentration muss hoch sein. Jeder Spieler ist für seine Emotionskontrolle verantwortlich
...dies gilt auch für den Trainer. Die Anforderungen an den SCB sind hoch, ein frühes Scheitern wäre fatal. Wie gehen Sie mit diesem Erfolgsdruck um?
Ach, wissen Sie, ich stehe seit so vielen Jahren ständig unter Druck, ich weiss gar nicht, wie es ist, ohne Druck zu arbeiten (lacht). Den grössten Druck mache ich mir selbst. Auch ich muss meine Emotionen kontrollieren, und das ist kein Problem – solange die Schiedsrichter gut sind (schmunzelt).
Wer wird Meister?
(Überlegt) Die Gesundheit wird der wichtigste Faktor sein. Wie erwähnt, es ist ein Marathon, kein Sprint. Ein breites Kader ist von hohem Wert, und wir haben derzeit fünf Überzählige. Wir gehören zu einer Gruppe von Favoriten wie Servette, Zug und Kloten. Auch Arno Del Curto ist mit Davos immer gefährlich in den Playoffs. Gottéron und Lugano erachte ich als Aussenseiter.
Sie hatten den SCB früher, unter anderem auch als Trainer Luganos, immer als Wunschgegner bezeichnet. Ist der jetzige SCB unter Trainer Larry Huras für die anderen Teams immer noch ein Wunschgegner?
Ich denke nicht. Wir sind gerade in den Heimspielen immer «the team to beat»; in der PostFinance-Arena hat ein gegnerisches Team nie Druck. Aber auswärts, wenn der Druck für unseren Gegner mindestens ebenso gross ist, sind wir bisher die Nummer 1 der Liga. Das ist für die Playoffs sehr wichtig. Aber der SCB als Wunschgegner, da müssen Sie andere Trainer fragen, und ich hoffe doch schwer, sie werden «Nein» sagen.
(Berner Zeitung)
Erstellt: 09.03.2010, 09:46 Uhr
