Pokern, Tai-Chi, Selbstfindung

Von Simon Graf, Zug. Aktualisiert am 27.08.2010

Der Zuger Patrick Fischer bereut seinen Rücktritt aus dem Eishockey nicht – ein Blick zurück auf seine NHL-Zeit und nach vorne Richtung Trainerbusiness.

Die Freude nach der Aktivlaufbahn: Patrick Fischer steht vor einem neuen Lebensabschnitt.

Die Freude nach der Aktivlaufbahn: Patrick Fischer steht vor einem neuen Lebensabschnitt.
Bild: Keystone

Patrick Fischer hat sich in den letzten zwölf Monaten viele Gedanken gemacht. Doch jener an ein Comeback als Eishockeyprofi plagte ihn nur drei, vier Tage. Er war erst 33 und blickte auf ein gutes Jahr mit dem EVZ zurück (46 Punkte in 50 Spielen), als er im Sommer 2009 die nationale Szene mit seinem Rücktritt überraschte. «Mein Feuer als Spieler war erloschen», sagt er. «Die letzte Saison spielte ich nicht mehr Eishockey, ich arbeitete es.» Der Nationalstürmer hätte noch zwei, drei Jahre gutes Geld beim EVZ verdienen können, er sagt aber: «Wenn man diesen Sport nicht mehr lebt, geht es nicht mehr. Ich musste mir jeden Morgen gut zureden, damit ich die letzte Saison noch über die Runden brachte. Es war ein Riesenstress.»

Bei einem Indianerstamm

Seitdem ist Fischer aus den Schlagzeilen verschwunden. Er nützte das erste Jahr seines zweiten Lebens zu einer Art Selbstfindung. Mehrere Monate pokerte er semiprofessionell, an Turnieren oder per Internet, auf bis zu 16 Bildschirmen gleichzeitig. Aber irgendwann realisierte er: «Das ist total asozial. Man sitzt nur noch zu Hause oder am Pokertisch. Und auch da redet man nicht miteinander.» Zeitweise habe er nur noch von Karten geträumt, seit Dezember hat er nun keine mehr angeschaut. Der Zuger reiste auch um die Welt, etwa zu einem Indianerstamm im Dschungel, um zu erfahren: «Wie schauen die das Leben an?» Er erkannte: «Es ist extrem, wie sehr wir von unserem Kopf gefangen sind. Wenn man sich da etwas lösen kann, tut das nur gut.» Fischer klingt nicht wie ein Eishockeyspieler, als er erzählt. Er habe sich intensiv mit sich selbst, seinen Sorgen, Ängsten und auch Stärken auseinandergesetzt. Und auch mit Chakra-Lehren, Tai-Chi, Yoga. «Körper und Geist interessieren mich.»

Faszination des Europaparks

Wohin ihn das führt, weiss er noch nicht genau. Parallel absolviert er die Trainerausbildung, nächste Saison führt er Luganos Elitejunioren. Fischer sagt: «Ich weiss, dass ich Coach werden will. Ob das Eishockey- oder Lebenscoach ist, ist noch offen. Ich schaue nun einmal, wie es in Lugano wird. Das Alter von 16 bis 19 finde ich spannend. Für mich war das die härteste Zeit. Man hat viele Ablenkungen, Mädchen, Ausgang, Schule, zwei, drei verschiedene Teams. Es ist brutal, was da auf einen zukommt.»

Luganos Talente dürften Fischer aufmerksam zuhören. Denn einen Coach, der sich sogar in der NHL profiliert hat, haben sie wohl noch nie gehabt. Er selbst bezeichnet jene Monate in der zweiten Hälfte von 2006 als die, die aus seiner Karriere herausstechen. «Es ging eine Tür auf, von der ich nie gedacht hatte, dass sie sich für mich öffnen würde», sagt er. «Ich fühlte mich wie im Europapark. Das NHL-Feeling, der Groove, mit dieser Mannschaft herumzujetten, in die Hotels einzuchecken, da dabei zu sein, das kann man sich nur im Traum vorstellen. Das ist anders, als wenn du in Rapperswil spielst und mit dem Bus zurückfährst.»

Fischer stiess als 31-Jähriger mit wenig Kredit zu Phoenix und etablierte sich als Kreativspieler im Team. «In den 15 Spielen, in denen ich gesund war und richtig zum Zug kam, skorte ich 10 Punkte. Es war schön zu spüren: Ich kann da mitspielen.» Der Höhepunkt war für ihn aber auch der Anfang vom Ende. Zu Beginn von 2007 erlitt er einen beidseitigen Leistenbruch und, was schlimmer war, einen Adduktorenabriss. «Als ich im Spital lag, machte ich einen Haken hinter meine Karriere», blickt er zurück. Dank seiner unkomplizierten Art lernte Fischer in Übersee viele kennen, mit seinem Coach Wayne Gretzky freundete er sich sogar an und hält immer noch regelmässig Kontakt. «Er hat es geschätzt, dass ich ganz normal mit ihm geredet habe. Viele begegneten ihm wie Untertanen einem König.» Gretzky hat sich, nachdem der Erfolg bei den Coyotes ausgeblieben war, einstweilen aus dem Hockeybusiness zurückgezogen und verdient Geld, indem er Camps für Businessleute abhält.

«Gretzky war perplex»

Fischer bezweifelt, dass «The Great One» nochmals an die NHL-Bande zurückkehrt: «Er kam mir als Trainer vor wie ein genialer Mathematiker, der alles beherrscht, es aber nicht vermitteln kann. Ich habe ihn manchmal in der Garderobe erlebt, wie es den Anschein gemacht hat, als denke er: Hey, Jungs, wie kann es sein, dass ihr das nicht könnt? Er war perplex, wie schlecht wir zum Teil waren.» Die Coaches, die Fischer am stärksten prägten, waren Sean Simpson und Arno Del Curto. Den Kanadier bezeichnet er als «absoluten Erfolgstrainer», den HCD-Coach besuchte er unlängst im Rahmen seiner Trainerausbildung. «Es tut immer gut, die Leidenschaft von Arno zu spüren», sagt er. «Ich würde viel von ihm übernehmen, ein Eishockey spielen lassen wie er.» Man darf auf den Trainer Patrick Fischer also gespannt sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.08.2010, 11:36 Uhr

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