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John Fust: «Nun ist der Tiger wieder hungrig»

Er wolle in Langnau eine neue Ära einläuten, sagt John Fust, der neue Trainer der SCL Tigers. Der 38-Jährige erklärt, warum ihn die Aussenseiterrolle reizt, wie er die «schlafenden Tigers» aufgeweckt hat und wie er auf Bärenjagd gehen will.

«In der Ilfishalle ist vieles beim Alten geblieben; es ist immer noch ein spezieller, mystischer Ort», sagt John Fust.

«In der Ilfishalle ist vieles beim Alten geblieben; es ist immer noch ein spezieller, mystischer Ort», sagt John Fust.
Bild: Andreas Blatter

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Via Montreal und Princeton nach Langnau

John Fust ist in Montreal, der wohl eishockeyverrücktesten Stadt der Welt, geboren. Als Zwölfjähriger entdeckte ihn der bekannte Spieleragent Dany McCann. Dieser war im Ahornstaat auf der Suche nach Spielern mit helvetischen Wurzeln; er wurde fündig – Fusts Grosseltern stammen aus dem Wallis.

Ehe der heute 38-Jährige 1994 in Martigny seinen ersten Profivertrag unterschrieb – in Kanadas Profiligen spielte er nie –, hatte er an der renommierten Universität in Princeton sein Studium in den Fächern Politik, Geschichte und Psychologie beendet. Später spielte er in Olten, Herisau und von 1997 bis 2002 in Langnau – mit den Emmentalern stieg er 1998 in die NLA auf. Es folgten Engagements in Ambri, Morges und Sierre. In 521 Nationalliga-Partien erzielte der Stürmer 151 Tore.

Seine Trainerkarriere startete der Kanada-Schweizer 2006 an der kanadischen Universität Ottawa; im darauffolgenden Jahr wechselte er als Chefcoach nach Visp, wo er vergangene Saison als Qualifikationssieger den NLB-Playoff-Final erreichte.

Bei den SCL Tigers ersetzt John Fust Konstantin Kuraschew, welcher nach der Freistellung Christian Webers interimistisch das Traineramt ausübte und nun als Ausbildungschef tätig ist. Fust unterschrieb einen Kontrakt über zwei Jahre, er wohnt mit seiner Lebenspartnerin in Langnau und hat einen siebenjährigen Sohn aus erster Ehe.

Zwischen 1997 und 2002 gingen Sie als Stürmer für Langnau auf Torjagd, nach achtjähriger Absenz kehren Sie als Trainer in die Ilfishalle zurück. Was hat sich seither verändert?
John Fust: In der Ilfishalle ist vieles beim Alten geblieben; es ist immer noch ein sehr spezieller, mystischer Ort. Das Städtchen ist etwas moderner geworden, das Heimatgefühl und die Begeisterung im Emmental sind jedoch immer noch spürbar.

1998 sind Sie als Spieler mit Langnau in die NLA aufgestiegen, in Fankreisen geniessen Sie Heldenstatus. Befürchten Sie, diesen als Trainer zu verspielen?
Auf keinen Fall. Bevor ich den Vertrag unterzeichnete, hatte ich Diskussionen mit mehreren NLA-Trainern geführt. Alle haben mich zu diesem Engagement ermutigt, auch wegen den vergleichsweise geringen Erwartungen. Ich komme mit vielen Ideen, mit viel Energie. Aber ich brauche Zeit. Ich will mit Langnau den Berg hinaufklettern, vielleicht ist aber ein Halt bei der Mittelstation erforderlich.

Spüren Sie die Begeisterung im Emmental nach wie vor?
Zu einigen Testspielen kamen über 1000 Zuschauer, das ist ein stolzer Wert. Ich spüre, dass die Fans Vertrauen in mich haben. In Langnau wurde zuletzt oft viel versprochen, jedoch wenig davon gehalten. Darunter haben die Fans gelitten. Mein Job ist es, das Maximum aus der Equipe herauszukitzeln. Was dann möglich ist, werden wir sehen.

Die Ausländer ausgenommen, hat Langnau aber ausschliesslich NLB-Spieler verpflichtet...
...das ist hier die Realität. Viele Kritiker werden sich noch wundern. Unsere Zuzüge sind junge, talentierte Spieler, welche in der NLB viel bewirkt haben. Sie sind besser als NLA-Mitläufer. In der Schweiz macht man oft den Fehler, die Spieler aufgrund der Liga-Zugehörigkeit zu beurteilen. Das ist auch eine Mentalitätsfrage. Man sollte Richtung Nordamerika blicken: Vor einigen Jahren spielte Mark Streit noch in den Niederungen der ECHL (East Coast Hockey League/die Red.) und AHL (American Hockey League). Hätte er keine Chance erhalten, wäre er heute nicht einer der weltbesten Verteidiger.

Sie sprachen die geringen Erwartungen an. Können Sie als Trainer der SCL Tigers nur gewinnen?
Langnau hat die Playoffs noch nie erreicht, diesbezüglich ist der Druck wohl kleiner als anderswo. Einfach nur an der Bande stehen und Niederlage an Niederlage reihen kann ich aber natürlich nicht. Sonst sind meine Tage hier schnell gezählt.

Hatten Sie aufgrund der finanziellen Probleme Bedenken, in Langnau zu unterschreiben?
Ich schätze die Arbeit von Peter Jakob (VR-Präsident/die Red.) und Ruedi Zesiger (Sportchef). Sie haben erreicht, dass wir diese Saison spielen können. Natürlich mache auch ich mir gelegentlich Gedanken, schliesslich muss ich etwas zu essen haben. Eigentlich haben wir Luxusprobleme. Echte Sorgen haben etwa Minenarbeiter. Sie kämpfen nicht nur um ihren Lohn, sondern auch ums Überleben.

War nach der starken NLB-Saison mit dem EHC Visp ein NLA-Engagement für Sie ein Muss?
In Visp ist es uns gelungen, mit jungen Spielern lange zu dominieren. Ich hätte kein Problem gehabt, noch länger in der NLB zu arbeiten. Als junger Trainer muss man aber zupacken, wenn sich eine NLA-Chance ergibt.

Die SCL Tigers zahlen tiefere Löhne als die meisten anderen Schweizer Vereine. Lassen Sie Ihren Spielern, etwa im Training, folglich mehr durchgehen?
Ein Profi muss stets seine Leistung bringen, egal, wie hoch sein Lohn ist. Meine Philosophie ist klar: Es geht über den Kampf, ich verlange Seriosität, Ehrlichkeit und harte Arbeit. Probleme kann es geben, wenn sich Spieler hinter dem Vorwand des tieferen Lohnes verstecken.

Als Spieler pflegten Sie einen kämpferischen Stil. Schnüren Sie auch als Trainer gelegentlich die Schlittschuhe, um den Spielern Ihre Philosophie vorzuleben?
Wenn es die Situation erfordert, nehme ich an einem 3-gegen-3-Spielchen teil. Ich agiere dann neben den jungen Spielern, diese sollen begreifen, wie wichtig mir der Sieg ist. Mir geht es in diesen Spielchen nur um den Sieg, ich bin extrem ehrgeizig. Dass sollen sich die Spieler bewusst werden. Man muss lernen, wie es ist, ein Gewinner zu sein.

In Langnau muss man aber auch lernen, wie es ist, oft zu verlieren.
Die Spieler haben zuletzt genügend Erfahrung im Umgang mit Rückschlägen sammeln müssen. Ich würde es so formulieren: Der Tiger hat lange geschlafen, in den letzten Wochen ist er aber erwacht, das spüre ich. Nun ist der Tiger wieder hungrig; er will auf die Jagd gehen. Zuerst richtet er den Fokus auf kleine Tiere, später geht er vielleicht einmal auf Bärenjagd (lacht)

Sie sind in Kanada, dem Mutterland des Eishockeys, aufgewachsen. Auch das Emmental gilt als eishockeybegeistert. Lassen sich diesbezüglich Parallelen ziehen?
Die Menschen in Langnau leben für das Eishockey. Viel anderes gibt es ja nicht, die Fussballfans kommen hier nicht auf die Kosten – ähnlich ist es in Kanada. Ich bin seit 16 Jahren in der Schweiz; nur selten habe ich einen Langnauer Spieler klagen gehört. Sportlich mögen hier nicht alle Träume in Erfüllung gehen, das familiäre Umfeld jedoch ist wohl einzigartig.

Bei den SCL Tigers stehen vier Kanadier unter Vertrag. Für die Verpflichtung Pascal Pelletiers und Mike Igguldens haben Sie sich starkgemacht. Planen Sie, typisch kanadisches Eishockey spielen zu lassen?
Es kommt darauf an, was man unter kanadischem Eishockey versteht. Wie gesagt, ich verlange Kampfbereitschaft und defensive Stabilität. Mir war es wichtig, dass die Ausländer charakterlich zu uns passen, sie sollen Leaderrollen wahrnehmen. Diesbezüglich bin ich zuversichtlich, sonst hätte ich Pelletier nicht zum Captain gemacht.

In Visp wurden Sie kritisiert, die Ausländer und die ersten beiden Blöcke zu stark zu forcieren.
Ich habe die Vorwürfe registriert. Es kommt auf die Situation an. In der NLA ist es schon nur aufgrund der physischen Anforderungen nicht möglich, regelmässig nur zwei Blöcke spielen zu lassen. Ich will nicht nur einzelne Spieler forcieren und muss auch auf die Jungen setzen. Verheizen darf man den Nachwuchs aber nicht.

Stammtorhüter Benjamin Conz ist 18-jährig, Stellvertreter Marc Schmid ebenfalls – ein Risiko?
Nicht nur der Torhüter, das ganze Team ist sehr jung (Durchschnittsalter 24 Jahre/die Red.). Conz hat eine tolle Saison hinter sich. Bereits mit 18 Jahren NLA-Stammgoalie zu sein, ist keine Selbstverständlichkeit und mit Druck verbunden. Ich zweifle aber nicht an ihm.

In Ihrem Team hat es einige Akteure, welche sich in der NLA noch nicht durchsetzen konnten. Sind die Tigers für einige Spieler so was wie der Klub der letzten Chance?
(Überlegt) Viele Spieler machen hier einen Neuanfang, viele von ihnen waren bei ihren letzten Klubs nicht mehr erwünscht. Diese Spieler wissen, dass sie bei uns bessere Chancen auf einen Stammplatz haben und sich entfalten können. Diese Konstellation kann für die SCL Tigers auch eine Chance bedeuten.

Eine Ihrer ersten Tätigkeiten als Langnau-Trainer war, die Garderobe neu zu streichen. Weshalb?
Ich will eine neue Ära einläuten. Vorher erinnerte in der Garderobe fast nichts an die Tigers, nun hat es alle zwei Meter ein Vereinslogo. Die Spieler betreten den Raum und wissen, wofür sie kämpfen. Aber: Nicht nur die Garderobe, auch Trainingspläne, Trainingszeiten und Teamkleider sind anders.

Nach gutem Vorbereitungsstart zeigte sich Ihr Team teils wenig stilsicher. Welches Resümee ziehen Sie aus den Testspielen?
Die Spieler absolvierten mehrere Partien mit müden Beinen, im Hinblick auf die Meisterschaft galt es, die Belastung von Doppelrunden zu simulieren. Das Team hat zwei Gesichter gezeigt. Setzt es meine Strategie um, ist vieles möglich. Hält es sich nicht ans System, wird es schwierig.

Auch als Spieler waren Sie oft bei finanziell wenig potenten Klubs engagiert. Blühen Sie in der Rolle des Aussenseiters auf?
Es macht mir Spass, der Underdog zu sein. Ich bin eine Kämpfernatur, die aus wenig möglichst viel machen will. Solche Herausforderungen reizen mich. Es ist speziell, ums sportliche Überleben zu kämpfen. Gelingt es, ist die Befriedigung riesig.

An der WM in Deutschland unterstützten Sie das helvetische Trainerduo Sean Simpson und Andy Murray. Inwiefern haben Sie davon profitieren können?
Die WM war eine wertvolle Erfahrung. Mir wurde bewusst, dass sich meine Arbeit kaum von jener Simpsons und Murrays unterscheidet. Die Zusammenarbeit mit den beiden gab mir die Gewissheit, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde.

Werden Sie das Nationalteam auch in Zukunft mitbetreuen?
Der Kontakt zu Sean Simpson besteht. Es ist stets eine Ehre für mich, dem Schweizer Team zu helfen. Im Moment zählt jedoch nur Langnau. Ich will hier Spuren hinterlassen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.09.2010, 09:57 Uhr

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1 Kommentar

Hans Schüpbach

08.09.2010, 18:32 Uhr
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Jch wünsche dem SCL für die Saison 2010-2011 viel Erfolg .Esfreut mich dass in der neuen Saison alle am gleichen Strick ziehen wollen letzte Saison war das nicht immer so. Jch wünsche mir dass es¨für die Playoff reicht. es ist meine 50.igste Saison und hoffentlich noch nicht die Letzte. Antworten



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