Sport
«Ich erlebe Amerika nicht reell»
Für die meisten Menschen wäre es eine Qual, bei Badewetter in die schwere Eishockeyausrüstung zu steigen. Gilt das auch für einen Musterprofi wie Sie?
Mark Streit: Ich bin hier in Zuchwil, um Trainings zu leiten. Es ist das erste Mal, dass neben den Goalies auch Verteidiger ins Trainingslager integriert sind. Es stimmt, es ist 30 Grad draussen, aber wir sind für die Jugend da. Es hat viele motivierte Buben, und ich finde es schön, ihnen etwas mitgeben zu können. Als ich jung war und bei den SCB-Junioren spielte, war es für mich das Grösste, wenn Spieler aus der ersten Mannschaft wie Rexi Ruotsalainen und Kirk Bowman mit uns trainierten.
Wie haben Sie die Zeit seit der Beendigung der langen NHL-Saison verbracht?
Zuerst machte ich in Florida Ferien, wobei ich mit Kollegen ein Haus in Fort Lauderdale mietete. Mitte Mai kehrte ich dann in die Schweiz zurück und nahm das Vorbereitungstraining auf.
Was beinhaltet es?
Jeden Morgen treffe ich mich mit meinem persönlichen Fitnesscoach und arbeite im Kraftraum. Am Nachmittag absolviere ich selbstständig ein polysportives Programm.
Mit welchen Gedanken und Zielen, mit welcher Motivation steigen Sie jeweils in die Saisonvorbereitung?
Nach einer Saison wie der letzten bin ich völlig ausgebrannt; ich will dann nur noch am Strand liegen, mich nicht mehr bewegen und weder an den Kraftraum noch ans Velo denken. Doch Motivationsprobleme habe ich nicht. Nach vier, fünf Wochen, wenn sich der Körper erholt hat, freue ich mich jeweils wieder aufs Training. Harry Andereggen ist seit neun Jahren mein Fitnesstrainer und längst zum Freund geworden. Es macht Spass, mit ihm zu arbeiten. Klar, könnte ich den Sommer auf angenehmere Weise verbringen, aber als Profi weiss ich genau, was es braucht, eine harte NHL-Saison durchzustehen. Jetzt bin ich im Gegensatz zum Vorjahr, als mich im Sommer Leistenbeschwerden plagten, topfit.
Können Sie mit 32 Jahren noch besser werden?
Man kann immer besser werden, Dinge besser machen. Körperlich bin ich auf einem Topniveau, doch gerade für einen Verteidiger sind die Erfahrung und die mentale Stärke enorm wichtig. Ich sehe NHL-Spieler, die mit 35, 36 Jahren noch auf sehr hohem Level agieren. Man kann also lange gut Eishockey spielen. Voraussetzung ist, dass man zum Körper Sorge trägt, ihm auch Pausen gönnt und sich seriös vorbereitet.
Welches Erlebnis aus dem vergangenen Jahr ist haften geblieben?
Der Match an den Olympischen Spielen in Kanada gegen Kanada war etwas Einmaliges. Es war wohl das beste Spiel, das die Schweiz auf diesem Niveau bisher gezeigt hat. Wir holten einen 0:2-Rückstand auf; die Stimmung im Stadion war unvergleichlich. Das war ein unbezahlbarer Moment, an den ich mich immer erinnern werde.
Als Weltklasseathlet müssen Sie über einen ausgeprägten Ehrgeiz verfügen. Was tun Sie während der Pause, um Ihre Wettkampflust zu befriedigen?
Die ist in dieser Phase nicht ausgeprägt. Während der Saison muss ich jeweils ein Mammutprogramm leisten. Von Mitte September bis Mitte April gibt es kaum Ruhephasen, kaum Zeit zum Abschalten. Deshalb brauche ich im Frühling in erster Linie Erholung, im physischen wie im mentalen Bereich. Ich geniesse und nutze die Zeit, um Eltern und Freunde zu treffen sowie meine Batterien aufzuladen.
Damit die Ruhephase lang genug ist, verzichteten Sie auf die WM-Teilnahme. Es war nicht ein Entscheid gegen die Nationalmannschaft, es war ein Entscheid zugunsten meines Körpers. Ich bin nicht mehr 25 und leistete mit 82 NHL-Spielen und der Olympiateilnahme ein Pensum wie kein anderer Schweizer. Letztlich muss ich als Athlet für mich selber schauen.
Gab es negative Reaktionen? Die gibt es immer. Viele kritisieren, ohne die Situation der Einzelnen zu kennen.
Sie trafen letztes Jahr im Rahmen des US Open Roger Federer und hätten ihn in Wimbledon gerne im Final unterstützt. Wie erlebten Sie sein Ausscheiden im Viertelfinal?
Ich bin ein Tennisfan, und Wimbledon ist das prestigeträchtigste Turnier. Da wäre ich gerne dabei gewesen. Schade, klappte es diesmal nicht. Es war bitter, Federers Match gegen Tomas Berdych zu sehen; der Tscheche war wirklich sehr stark. Wenn du wie Federer als bester Spieler der Tennisgeschichte angeschaut wirst, will dich jeder unbedingt schlagen. Das macht seine Aufgabe noch schwieriger.
Sie gehören wie er zum kleinen Kreis der international erfolgreichen und hervorragend verdienenden Schweizer Sportstars. Was verbindet Sie mit Federer sonst noch? Wir verfügen über einen ähnlichen Aufschlag (lacht). Nein, im Ernst: Ich sprach in New York kurz mit ihm und lernte ihn als sympathischen Sportler kennen, aber ich weiss zu wenig über ihn, als dass ich Parallelen ziehen könnte. Ich denke, Federer ist einer, der gradlinig seinen Weg gegangen ist und klare Vorstellungen davon hat, was er will. Über viel Durchhaltevermögen verfügt er sicher auch. Er war als Junior nicht als Jahrhunderttalent bezeichnet worden, doch er arbeitete sich systematisch nach oben und entwickelte sich so zum Jahrhundertsportler.
Auch Sie zeichnen sich durch ein ausgeprägtes Durchhaltevermögen aus.
Wer keine Ziele und Visionen hat, dem fehlt die Kraft, sich durchzubeissen. Ich denke, jeder erfolgreiche Sportler wächst mit Träumen auf.
Träumten Sie schon früh von der NHL?
Ich wurde anfänglich nicht als Supertalent eingestuft, daher entwickelten sich meine Ziele Schritt für Schritt. Zuerst wollte ich im Juniorennationalteam, dann in der NLA spielen. Als Bub konnte ich mir gar nie etwas anderes vorstellen, als Eishockeyprofi zu werden. Ich wuchs nur zwei Kilometer von der Allmend entfernt auf und verbrachte meine ganze Freizeit dort. Zudem war ich ein riesiger Fan, auch von der NHL. Ich sammelte alles über Chris Chelios. Als sich mir die Möglichkeit bot, nach Nordamerika zu gehen, wollte ich diese Chance unbedingt packen.
Und welches Ziel verfolgen Sie heute?
Wenn du mal in der NHL bist, geht es schon darum, den Stanley-Cup zu gewinnen – das ist das ultimative Ziel jedes Eishockeyspielers.
Wie realistisch ist es, dieses Ziel mit den New York Islanders zu erreichen?
Den Stanley-Cup gewinnt man nur mit harter Arbeit und dem nötigen Talent. Als New York Islanders dürfen wir nicht zu weit denken, sondern müssen alles daransetzen, irgendwie die Playoffs zu erreichen. Steht man einmal in den Playoffs, ist alles möglich. Das zeigten in diesem Frühling die Montreal Canadiens, die sich nur knapp qualifiziert hatten und dann den Conference-Final erreichten. Wir sind auf dem richtigen Weg und näher an den Playoffs als auch schon – so nahe, wie einige denken, aber auch wieder nicht.
Sie bezeichnen sich als Heimwehberner. Fällt es Ihnen jeweils schwer, die Schweiz Richtung USA zu verlassen?
Seit ich 17 oder 18 war, habe ich nie mehr die Gelegenheit gehabt, hier sesshaft zu werden. Deshalb bin ich in der Tat ein Heimwehberner. Während der Saison habe ich allerdings kaum Zeit, Heimweh zu bekommen. Die drei, vier Monate in der Schweiz geniesse ich jedoch sehr. Ich gewöhne mich in dieser Phase wieder an das Leben in Bern, an das Zusammensein mit der Familie und mit Freunden. Der Gedanke an den Abflug entzückt mich daher nicht, doch das gehört zum Geschäft. Auf der anderen Seite spüre ich das Kribbeln, weil ich mich immer noch aufs Eishockey, auf die Herausforderung freue.
Was vermissen Sie neben der Familie und den Freunden auf Long Island?
Nichts geht über die Heimat. Wer lang im Ausland ist, lernt die Schweiz noch mehr zu schätzen. Ich lebe gerne in New York; das ist etwas Spezielles. Trotzdem: «There is nothing like home.» Die Schweizer Küche und die Menschen fehlen mir zum Beispiel. Anderseits gibt es auch das Kleinkarierte, das Engstirnige, den Kantönligeist – Dinge, die mich hier stören. Doch das Positive überwiegt bei weitem.
Gibt es auch etwas aus den USA, das Ihnen hier fehlt?
Die USA sind das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, doch ich erlebe Amerika nicht reell. Ich lebe in der Hockeywelt, bewege mich vorwiegend in diesem Umfeld. Es bleibt neben dem Eishockey kaum Zeit, privat tiefgründige Beziehungen aufzubauen. Und New York ist nicht Amerika, New York ist New York. Diese Stadt strotzt vor Energie; zu jeder Tageszeit läuft etwas. Long Island ist sehr ruhig, sehr grün, ähnlich wie die Schweiz. Ich kann also in die pulsierende Stadt gehen, mich aber auch wieder zurückziehen. Insofern ist meine Situation perfekt.
Sie sind der erste und bisher einzige Schweizer Feldspieler, der sich in der NHL etabliert hat. Was bedeutet Ihnen die Pionierrolle?
Klar, dachte ich, es wäre lässig, den Sprung als erster Schweizer zu schaffen. Aber das war nicht der Antrieb; ich biss mich für mich selber durch. Es steckt unheimlich viel Arbeit dahinter, sich in der NHL durchzusetzen. Das Ganze kannst du nicht für jemanden anderen machen. Entweder betreibst du diesen Aufwand für dich selber, oder du stehst es nicht durch.
Sie sind für junge Spieler zu einem Vorbild geworden.
Als ich nach Nordamerika ging, wetteten wohl nicht viele darauf, dass ich eine derartige Karriere machen würde. Ich hoffe, mein Beispiel zeigt anderen Eishockeyspielern oder auch sonst Sportlern aus der Schweiz, dass es möglich ist, etwas zu erreichen, dass es sich lohnt, den Sprung ins Ausland zu wagen. Du machst unbezahlbare Erfahrungen, du lernst viele Leute kennen, du kommst in einem gewissen Sinn auf die Welt – bei mir war es jedenfalls so.
Inwiefern?
Ich erlebte eine Art Kulturschock, in der Schweiz befinden wir uns im Schlaraffenland. Ich hatte zwar gesagt, ja, ich gehe nach Nordamerika. Als ich dann allein im Flugzeug sass, sah die weite Welt plötzlich nicht mehr so verlockend aus. Während meiner ersten Station in Utah hatte ich einen Teamkollegen, der fast den ganzen Lohn nach Hause schickte, damit seine Familie überleben konnte. Eines Tages hatte er kein Geld fürs Essen und bat mich um 20 Dollar. Zwei, drei Tage später wurde er weggeschickt, in eine tiefere Liga relegiert. Als ich in die Garderobe kam, lagen die 20 Dollar an meinem Platz. Ich war als 20-Jähriger tief beeindruckt. Ich erlebte diverse ähnliche Geschichten und stellte fest, wie schlecht es den Menschen zum Teil geht. Ich war als Bub in die USA gegangen –derartige Erfahrungen machten mich reifer und erweiterten meinen Horizont.
Freuen Sie sich darauf, dass künftig mit Nino Niederreiter ein Schweizer Talent in der Organisation der New York Islanders spielt?
Als Nummer-5-Draft gezogen zu werden, ist eine grosse Auszeichnung. Es freut mich natürlich, dass Nino gerade zu den Islanders kommt. Ich habe ihn angerufen und auch schon getroffen. Ich denke, er ist ein sympathischer, freundlicher Typ. Alle in der ersten Runde gezogenen Spieler verfügen über viel Talent, entscheidend sind Charakter und Persönlichkeit. Die Frage ist, ob einer den nötigen Biss hat oder meint, er sei schon ein Superstar.
Werden Sie für Niederreiter die Rolle des Mentors übernehmen?
Was heisst schon Mentor? (lacht) Ich werde dort sein und ihn unterstützen. Es ist schön, einen Schweizer im Team zu haben. Und ganz besonders so einen jungen Burschen, der den Willen hat, alles dafür zu tun, sich in der NHL durchzusetzen.
Mit Roman Josi versucht auch ein Berner Verteidiger, in Nordamerika Fuss zu fassen. Hat er Sie schon um Ratschläge gebeten?
Ich habe während der Saison mit ihm telefoniert und ihm geraten, den Wechsel zu vollziehen. Er absolvierte eine tolle Saison und wurde mit dem SCB Meister – für Roman ist es der richtige Zeitpunkt, den nächsten Schritt zu machen.
Trauen Sie Josi zu, sich in der NHL durchzusetzen?
Er hat ohne Zweifel das Potenzial, den Durchbruch zu schaffen. Technisch und läuferisch ist er für sein Alter weit fortgeschritten. Zudem hat er ein ausgezeichnetes Spielverständnis – das ist etwas, das man nicht lernen kann. Seine Ausgangslage ist gut; in der Organisation der Nashville Predators wird gut zu den jungen Spielern geschaut, und sie bekommen auch ihre Chance. In Nordamerika wird anders Eishockey gespielt, viel physischer; die Checks werden fertig gemacht. Aber Roman wird die Zeit bekommen, die er für die Umstellung braucht. (Berner Zeitung)
Erstellt: 21.07.2010, 08:43 Uhr
