Für Martin Plüss zählt nichts als die Leistung

Martin Plüss verlässt den SC Bern mit 40 Jahren nach neun Saisons mit einem Cupsieg und vier Meistertiteln. Eine Annäherung an einen einzigartigen Eishockeyprofi.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie tickt Martin Plüss? Jedenfalls anders als seine Teamkollegen. Beispiele gefällig? Obwohl der Zugang zur Garderobe gummiert ist, stülpte er, wenn er vom Eis kam, Schoner über die Kufen seiner Schlittschuhe. Erst wenn das erledigt war, machte er sich auf den kurzen Weg. So war es immer, ob nach einem Training, nach einem gloriosen Sieg oder nach einer bitteren Niederlage.

Nach Auswärtspartien ging Plüss stets joggen, da liess er sich weder von der Kälte noch von der Dunkelheit abhalten. An seinem 40. Geburtstag brachte er seinen Kameraden zwei Kuchen mit, einen gesunden und einen ungesunden. Von welchem er selber gegessen hat, ist nicht überliefert. Aber kaum vom zuckerhaltigen, nicht am Tag vor Beginn des Playoff-Finals.

«Er überlässt nichts dem Zufall. Er nimmt sich genügend Zeit, damit er alles, was beeinflussbar ist, auch beeinflussen kann. Das macht das Gesamtpaket Martin Plüss aus», berichtet der ehemalige SCB-Sportchef Sven Leuenberger. Simon Bodenmann, in der soeben beendeten Saison Banknachbar von Plüss in der SCB-Garderobe, sagt: «Er hat dem Eishockey stets alles untergeordnet, im Wissen, dass der Körper sein Kapital ist.»

Ein prägender Moment

Der vor einem Jahr zurückgetretene Marco Bührer, ein langjähriger Weggefährte des SCB-Captains, erinnert sich daran, dass beim EHC Kloten einst zahlreiche Spieler höher eingeschätzt worden sind. Plüss sei von Roland von Mentlen sogar ausgemustert und von den Elite-Junioren ins normale Junioren-Team zurückversetzt worden. «Ich denke, das war für ihn ein prägender Moment», meint Bührer. Ab diesem Moment sei Martin Plüss keine Kompromisse mehr eingegangen, habe stets mehr und härter gearbeitet als alle anderen. «Er hat nie eine Abkürzung genommen.»

1,74 Meter ist für einen Eishockeyprofi kein Gardemass. Doch Plüss trimmte seinen Körper zum Hochleistungsmotor, achtete auf gesunde Ernährung und genügend Schlaf. Verletzt war er fast nie; in den vergangenen sechs Jahren hat er von 300 Qualifikationspartien nur deren 6 verpasst.

Ivo Rüthemann, während vieler Jahre Plüss’ kongenialer Sturmpartner beim SCB und in der Nationalmannschaft, berichtet, sein Kollege habe sich während der Karriere kontinuierlich weiterentwickelt. «Im Juniorennationalteam fiel er vor allem durch seine Energie auf. Doch dann machte er technisch grosse Fortschritte, und später wechselte er nach Schweden, wo er sich im Zweikampfverhalten massiv steigerte.»

Den Willen, immer noch besser zu werden, hat der abtretende SCB-Captain bis heute erhalten. Kürzlich hielt er fest: «Ich bin ambitioniert, trainiere im Sommer nicht, um meine Werte zu halten, sondern um sie zu verbessern.» Zur Erinnerung: Das war knapp vor seinem 40. Geburtstag, den über 99 Prozent der Eishockeyprofis im Ruhestand feiern.

Plüss ist für die Journalisten ein beliebter Interviewpartner, weil er einen Match blitzschnell zu analysieren vermag, sich nicht scheut, Stellung zu beziehen, mit seinen Aussagen in die Tiefe geht. «Er denkt viel über Eishockey nach und überlässt nichts dem Zufall», meint Sven Leuenberger.

Teamanlässen ist der Muster­profi regelmässig ferngeblieben, wenn er vermutete, die Teilnahme könnte sich negativ auf seine Leistung auswirken. «Und war er dabei, trank er höchstens ein Bier, vielleicht auch gar keines», erzählt Ex-Goalie Marco Bührer. In der Schule würde Martin Plüss als Streber bezeichnet, und doch war der Mittelstürmer bei den meisten Mannschaftskollegen beliebt. «Man kann sich auf ihn verlassen», sagt Ivo Rüthemann.

Heilige Privatsphäre

Das gilt in zweierlei Hinsicht, auf und neben dem Eis. Plüss ist kein Schönwetterspieler; wenn es darum ging, den Karren aus dem Dreck zu ziehen, ging er mit leuchtendem Beispiel voran, riss die anderen mit. Ohne ihn hätte der SCB 2016 die Playoff-Qualifikation nicht geschafft und logischerweise auch nicht den Titel geholt. Die Teamkameraden wissen, wie viel sie ihm zu verdanken haben.

«Er stand immer für seine Mitspieler ein, vertrat deren Anliegen gegenüber dem Coach und der Klubführung», berichtet Sven Leuenberger. Und trotz seiner extremen Ernsthaftigkeit hat der 40-Jährige durchaus Sinn für Humor. Die andere, lustige Seite von Plüss sei weniger bekannt, sagt Simon Bodenmann. «Wir sticheln oft, nehmen uns gegenseitig hoch. Und wenn ein Witz zu seinen Lasten geht, ist er nie eingeschnappt.»

Fertig lustig ist beim langjährigen Captain hingegen beim Thema Privatsphäre. Diese schützt er mit allen Mitteln. Als sein Bruder Benjamin für Gottéron spielte, lehnte er jede Anfrage für ein gemeinsames Fotoshooting im Vorfeld eines Zähringer Derbys ab. Bilder in der «Schweizer Illustrierten», die ihn mit seiner Gattin daheim auf dem Sofa zeigen – undenkbar.

Kürzlich tadelte der Vater dreier Kinder einen Reporter heftig, weil dieser den Namen eines Sprösslings veröffentlicht hatte. Der Kanadier Travis Roche erzählte mal, er sei lange Plüss’ Nachbar gewesen, habe aber kaum Kontakt gehabt: «Er geht ins Haus, und du siehst ihn nicht mehr.»

Der Zürcher geht seinen Weg, engagiert, gradlinig, kompromisslos, vielleicht sogar stur. Doch dieser Weg hat sich ausbezahlt: Der frühere Kloten-Junior, der ausgemustert worden war, ist siebenmal Landesmeister (zweimal mit Kloten, einmal mit Frölunda, viermal mit Bern), einmal Cupsieger (mit Bern) und WM-Silbermedaillengewinner geworden; er hat an vier Olympischen Spielen teilgenommen und hat in der NLA über 300 Tore geschossen.

Trotz seiner Verdienste, seiner physischen Topverfassung und des gegenseitigen Interesses an einer weiteren Zusammenarbeit sind die Vertragsverhandlungen mit den Entscheidungsträgern des SCB gescheitert. «Bei Punkten, die für mich zentral sind, weiche ich nicht ab, sondern bleibe hartnäckig», hatte er gesagt, bevor die Entscheidung fiel. Offenbar wurde man sich über seine Rolle im Team der Zukunft nicht einig.

Rücktritt – oder doch nicht?

Mit 40 Jahren, gesund und als Schweizer Meister abtreten – von einem solchen Abschied träumen die meisten Spitzensportler. Doch Martin Plüss tickt anders. Ob der Routinier die Schlittschuhe an den Nagel hängt oder noch einmal den Klub wechselt, ist unklar.

Zuletzt antwortete er auf Fragen nach seiner persönlichen Zukunft stets so, dass er sich vorerst 100-prozentig auf die Playoffs konzentrieren und sich erst nach der Saison intensiv mit dem Thema auseinandersetzen wolle. Den meisten anderen würde man dies nicht abnehmen, ihm schon. Bei ihm zählt die Leistung, nichts als die Leistung.

Tristan Scherwey glaubt nicht an den Rücktritt. «Plüssi, aufhören?», fragt der Stürmer rhetorisch. «Das kann ich mir nicht vorstellen.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.04.2017, 11:35 Uhr

Artikel zum Thema

Champagnerduschen, schöne Haare und ein Samuraischwert

VIDEO Bei ihrer Rückkehr nach Bern liessen es die frischgebackenen SCB-Meisterspieler krachen. Das Fest mit den unermüdlichen Fans dauerte bis in die frühen Morgenstunden. Mehr...

SCB minus Plüss

Was lange währt, wird nicht gut. Sportchef Alex Chatelain und Martin Plüss können sich nicht auf eine Vertragsverlängerung einigen, der 39 Jahre alte Captain wird den SC Bern nach dieser Saison verlassen. Plüss’ Abgang wird kaum zu kompensieren sein. Mehr...

Plüss: «Es hat mich berührt, wie die Fans reagierten»

Am Tag nach der Bekanntgabe, dass die Verhandlungen mit dem SC Bern für eine weitere Zusammenarbeit gescheitert sind, hat der Martin Plüss erklärt, es sei noch völlig offen, ob er seine Karriere fortsetzen werde. Mehr...

Paid Post

Mit Top-Behandlungen einfach und natürlich zur Sommerfigur

Wir wünschen einen schlanken Sommer! Höchste Zeit, sich selber in Form zu bringen. Die Spezialisten von slim&more unterstützen Sie mit einer kostenlosen Beratung und Figuranalyse am Bellevue Zürich.

Kommentare

Blogs

Gartenblog Griechische Randen

Gartenblog Gern gesehene Gäste

Die Welt in Bildern

Lightshow: Ein Blitz entlädt sich während eines Sommergewitters über Bern (27. Juni 2017).
(Bild: Anthony Anex) Mehr...