«Es macht süchtig, in der NHL zu spielen»
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Mark Streit, wie haben Sie Ihre lange Sommerpause verbracht?
Seit ich in der NHL spiele, war ich in der Tat nie mehr so lange am Stück in der Schweiz. Doch der Sommer ging trotzdem recht schnell vorbei. Zunächst habe ich es genossen, nichts zu tun, mich auch nicht gross sportlich zu betätigen. Höchstens Tennis gespielt habe ich ein paarmal. Nach vier, fünf Wochen habe ich mich körperlich gut erholt gefühlt.
Sie verzichteten auf die WM nach einer intensiven NHL-Saison. Sind Sie nun wieder ganz fit?
Ja. Es war richtig, die WM auszulassen. Letztes Jahr in Bern hatte ich unbedingt dabei sein wollen, trotz Leistenproblemen. Und danach habe ich die Leiste den ganzen Sommer gespürt, sogar beim Joggen. Während der Saison haben wir die Beschwerden dank täglicher Massage recht gut kontrolliert. Doch mein Körper brauchte eine Pause. Je älter man wird, desto wichtiger wird die Erholung. Und nun fühle ich mich wieder topfit.
Wird man Sie künftig wieder einmal an einer WM sehen?
Ich spiele gerne fürs Nationalteam, die Olympischen Spiele waren eine wunderschöne Erfahrung. Was die WM betrifft, wird es davon abhängen, wie ich mich fühle und ob wir es ins Playoff schaffen. Priorität hat die NHL, mit den Islanders ins Playoff einzuziehen.
Ist das in der bevorstehenden Saison ein realistisches Ziel?
Ich glaube schon. Wir haben letzten Winter einen grossen Schritt nach vorne gemacht, lange ums Playoff mitgespielt. Wenn man die einzelnen Spieler betrachtet, sind viele Teams im Osten wohl besser bestückt als wir. Aber als Mannschaft können wir viel erreichen. Die Jungen wie Tavares, Bailey, Okposo oder Comeau sind ein Jahr älter und erfahrener. Und wir haben ein paar neue, routinierte Verteidiger wie Wisniewski, Eaton oder Jurcina. Letztes Jahr waren wir hinten knapp, das ist nun besser.
Dazu kommt vielleicht Nino Niederreiter, der Erstrundendraft.
Dass Nino so früh gedraftet wurde, ist eine gute Sache für ihn. Es wird sich herausstellen, wie es ihm im Camp läuft. Er ist 17, noch sehr jung. Es ist nicht das Wichtigste für ihn, sofort in der NHL zu spielen. Sondern, dass er dazulernt. Man sollte ihn nicht verheizen, sondern gut aufbauen, damit er eine erfolgreiche Karriere haben kann. Das entscheidet sich nicht mit 17, 18, sondern später.
Hatten Sie einen Einfluss darauf, dass er so früh gedraftet wurde?
Ich wurde gefragt, was er für ein Typ sei. Aber ich kannte ihn anfänglich noch gar nicht. Ich habe in der Schweiz herumgefragt, nach der WM mit ein paar Nationalspielern geredet. Aufgrund seiner körperlichen und spielerischen Voraussetzungen war es klar, dass er früh gezogen würde. Wichtig ist aber auch der Charakter. Sie waren sehr beeindruckt von ihm, weil er bodenständig und anständig ist. Viele Erstrundendrafts glauben, sie seien schon halbe NHL-Stars. Diese Gefahr sehe ich bei ihm nicht. Eine Woche nach dem Draft habe ich mit ihm zu Mittag gegessen, seitdem haben wir ab und zu telefoniert. Er ist ein guter Junge.
Werden Sie sich seiner annehmen?
Er hat schon sehr viel gelernt bei den Junioren, er weiss, wie es läuft in Nordamerika. Natürlich werde ich ihn unterstützen, ob er nun bei uns spielt oder bei den Junioren. Aber viele Erfahrungen muss man selber machen. Es ist, wie wenn man ins kalte Wasser springt und schwimmen lernen muss. Wichtig ist, dass man nicht zu grosse Ehrfurcht hat. Sobald man ins Flugzeug steigt, muss man das klare Ziel haben, in der NHL zu spielen. Ich freue mich, dass es dieses Jahr so viele Schweizer versuchen. Bei Nino glaube ich, dass die Islanders für ihn ein Glücksfall sind. Der Klub setzt auf Junge, und wir haben ein familiäres Umfeld, eine gute Gruppe.
Eine Gruppe, von der Sie Captain werden?
Mal schauen, in welche Richtung sie gehen wollen. Ich würde es gerne machen, es wäre eine grosse Ehre. Ich war Captain beim ZSC, im Nationalteam, es wäre schön, wenn ich es auch in der NHL werden könnte. Es liegt nicht in meiner Hand. Aber ich glaube, ich habe gezeigt, dass ich die Qualitäten dazu habe.
Ist die NHL für Sie immer noch ein Traum oder Normalität geworden?
Inzwischen ist es für mich normal, dort zu spielen. Ich bin mir nichts anderes mehr gewöhnt. Aber ich freue mich immer noch unheimlich, auf diesem Niveau zu spielen, gegen die Besten der Welt. Gegen Crosby, Owetschkin. Und es gibt fast nicht Schöneres als das Derby gegen die Rangers.
Sie haben Jahr für Jahr Fortschritte gemacht. Können Sie noch besser werden?
Ich glaube schon. Ich habe im Sommer eine gute Grundlage gelegt. Es ist wichtig, dass man die Einstellung hat, immer besser werden zu wollen. Als Spieler, aber auch als Leader. Ich bin noch lange nicht zufrieden. Meine zweite Karriere in der NHL, als Verteidiger, der 25 Minuten spielt, hat ja erst vor zwei Jahren begonnen. Ich schaue stets nach oben, zu den besseren Spielern. Nicklas Lidström ist 40 und spielt immer noch unglaublich stark. Als Verteidiger kann man bis 37, 38 top sein. Und ich glaube, mein Spielstil ist auch darauf zugeschnitten, lange dabei zu sein.
Das heisst, Sie werden bis 37, 38 in der NHL spielen?
Ja, so lange wie möglich. Ich habe noch drei Jahre den Vertrag bei den Islanders, dann bin ich 35. Dann möchte ich noch zwei, drei Jahre anhängen. Es macht süchtig, in der NHL zu spielen, in dieser Welt, auf diesem Niveau. Es ist eine grosse Anstrengung, aber auch das, was ich mir immer erträumt hatte. Wenn man in der Formel 1 ist, will man auch nicht Rallye fahren. Ich werde oft darauf angesprochen, ob ich später mal noch beim SCB spiele. Das tönt schön, hat für mich aber keine Priorität. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 31.08.2010, 10:53 Uhr

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