Ein Berner in der Hauptrolle
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«Mit gutem Beispiel vorangehen», lautet das Motto von Captain Mark Streit. (Bild: Keystone )
Moderner Videowürfel im 40-jährigen Nassau Coliseum: Mark Streit trägt die Nummer 2, wobei sein Shirt am zweitmeisten verkauft wird. (Bild: Adrian Ruch)
Panikmache
Mark Streit wurde von Vertretern der Spielergewerkschaft angefragt, ob er an den Verhandlungen für einen neuen Gesamtarbeitsvertrag (CBA) teilnehmen wolle. Dies verdeutlicht die Wertschätzung, die der Berner im nordamerikanischen Eishockey mittlerweile geniesst. «Viele Leute glauben, es komme wieder zum Lockout, doch ich halte das für Panikmache, denn die Liga funktioniert sehr gut», sagt Streit, der überzeugt ist, dass eine Lösung gefunden und die nächste Saison normal absolviert wird.
Ob er der Gewerkschaft zusagt, ist unsicher. «Einerseits bin ich sehr daran interessiert, mitzumachen, anderseits muss ich egoistisch sein – es geht um meine Zukunft.» Streits 5-Jahr-Kontrakt über 20,5 Millionen Dollar läuft nach der Spielzeit 2012/2013 aus. «Ich will noch einmal einen guten Vertrag abschliessen, möglichst über drei oder vier Jahre.» Intensive Verhandlungen über den CBA im Sommer würden Streits Aufenthalt in der Schweiz verkürzen und die Saisonvorbereitung beeinträchtigen. Er sei in einem Alter, in dem er viel Erholung benötige, meint der 34-Jährige.
Diese Aussage deutet darauf hin, dass er eher zu einer Absage tendiert. Und vielleicht verzichtet er aufgrund dieser Überlegungen auch auf die WM-Teilnahme mit der Schweiz, obwohl Streit betont, der Entscheid werde kurzfristig fallen und davon abhängen, wie er sich nach der Meisterschaft körperlich und mental fühle.
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Die Stadt, die niemals schläft, scheint weiter weg zu sein, als sie es in Realität ist. Uniondale ist nur etwa 30 Kilometer von Manhattan entfernt, doch bezüglich der Atmosphäre ist es eine Weltreise. Hier gibt es keine Wolkenkratzer, keine U-Bahn, keine Wall Street und keine Sehenswürdigkeiten. Hektik bricht höchstens mal auf einem der zahlreichen Highways aus. In dieser unspektakulären Gegend befindet sich das Nassau Veterans Memorial Coliseum, der Arbeitsplatz von Mark Streit. Der Berner Eishockeyprofi wohnt ein paar Fahrminuten westlich im gemütlichen Ort Garden City; dort leben vorwiegend gut situierte Weisse. Das Durchschnittseinkommen pro Bewohner ist mehr als zweieinhalbmal so hoch wie in Uniondale.
Es ist Wochenende, Matchbeginn ist um 13 Uhr. Daher strömen ausnehmend viele Kinder in die Eishalle. Wer das Coliseum betritt, macht so etwas wie eine Zeitreise. Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht: Im Stadion, in dem die New York Islanders ihre Heimspiele austragen, sitzen die Zuschauer nicht wie in der Langnauer Ilfishalle auf Holzbänken. Und doch ist die Arena im Vergleich zu vielen modernen NHL-Stadien antiquiert. Streit, der für die Islanders seit 2008 die Schlittschuhe schnürt, macht das nichts aus. «Ich brauche als Garderobe keinen Palast wie in Montreal», sagt er und schwärmt über die gute Betreuung durch Physiotherapeuten und Masseure der Islanders.
Das Wort von Mark Streit hat Gewicht, innerhalb der Mannschaft, ja innerhalb der ganzen Organisation. Er wurde vor Saisonbeginn zum Captain ernannt. Er spricht von «einem Meilenstein, einer riesigen Ehre, zumal die Islanders eine ruhmreiche Geschichte haben. Captain in der NHL wird nicht jeder. Ich bin stolz darauf, das geschafft zu haben.» Würde bringt auch Bürde. Der 34-Jährige musste zum Beispiel den Bussenkatalog absegnen, Weihnachtsgeschenke für Betreuer organisieren und seine Teamkollegen nach dem missglückten Saisonstart verbal aufrütteln. Aber die vielen kleinen Aufgaben machen nicht die Hauptveränderung aus. «Als Captain trägst du die Verantwortung während der Spiele und auch zwischen den Spielen. Du kannst dich daher nicht nur auf dich, auf deine eigene Leistung konzentrieren. Du musst das Gefühl dafür bekommen, was die Mannschaft braucht», erklärt Streit. Alles sei einfacher, wenn er selber gut spiele, «denn mein Motto ist: Mit gutem Beispiel vorangehen.»
Offenbar ist Streit am Puls der Equipe, jedenfalls sind seine Teamkollegen des Lobes voll. «Er ist ein toller Leader – auf und neben dem Eis. Er hat ein gutes Gespür dafür, was ihm Team abläuft», meint Matt Moulson, der beste Islanders-Torschütze. Stürmerstar John Tavares sagt: «Mark ist mit seiner Erfahrung der richtige Captain für uns. Er weiss, was es braucht, damit man in der NHL Erfolg hat. Wenn er das Wort ergreift, hört jeder zu, denn das, was er sagt, kommt von Herzen. Wir schauen alle zu ihm auf.» Auch der 19-jährige Bündner Nino Niederreiter ist vom Captain schwer beeindruckt: «Er muss nicht viel sagen, denn er wirkt als Vorbild. Mark ist meistens der Erste, der ins Training kommt, und der Letzte, der nach Hause geht.» Obwohl Streit kein Amerikaner ist, geniesst er bei den Anhängern der Islanders viele Sympathien. Die Verkäufer im Fanshop sind sich darüber einig, dass das Trikot mit der Nummer 2 auf dem Rücken am zweithäufigsten abgesetzt wird. Einzig der Dress von Tavares geht noch häufiger über den Ladentisch. Es gibt im «Team Store» auch Streit-Bären zu kaufen. Und um der Nachfrage gerecht zu werden, wurde kürzlich nach der Tavares-Puppe auch ein Streit-Plastikfigur ins Sortiment aufgenommen.
Packende Bilder aus der Vergangenheit erscheinen vor Matchbeginn auf dem grossen Videowürfel im Coliseum. «40 Jahre Islanders-Hockey – 40 Jahre Leidenschaft» lautet der Slogan. Zu sehen ist etwa, wie Denis Potvin den Stanley-Cup in die Höhe streckt. Von 1980 bis 1983 wurden die New York Islanders viermal in Serie NHL-Champion. In der Partie gegen die Los Angeles Kings zeigt Mark Streit eine starke Leistung: Er teilt Checks aus, löst viele Angriffe aus, orchestriert das Powerplay und geht auch selber in den Abschluss. In der Verlängerung erzielt er nach einem sehenswerten Sololauf den 2:1-Siegestreffer. So dominant tritt der Schweizer Nationalspieler, der die vergangene Saison wegen einer Schulterverletzung verpasste, noch nicht lange auf. Er habe gedacht, nach 15, 20 Spielen werde er wieder der Alte sein, erzählt der einstige SCB-Junior, «aber es dauerte länger. Es war ein schwieriger, zum Teil frustrierender Weg. Ich machte anfänglich Fehler, die mir unerklärlich waren. Aber das ist wohl normal; die NHL ist die beste Liga der Welt. Wenn einer nach anderthalb Jahren Pause die Lauberhornabfahrt bestreitet, wird er kaum Erster. Das ist die Realität, die man akzeptieren muss.»
«Mark hat nichts von seiner Klasse eingebüsst», sagt Moulson und nimmt seinen Captain in Schutz: Es sei nicht einfach, nach einer so langen Pause den Tritt zu finden – vor allem, wenn man gleich gegen die besten Linien antreten müsse. Streits Kritiker verweisen gerne auf seine schlechte Plus-minus-Bilanz. «Es passt mir nicht, dass ich bei minus 20 stehe, aber ich kenne die Gründe», meint der Berner. In der Tat gibt es Erklärungen: Streit stand zum Beispiel rund zehnmal auf dem Eis, als der Gegner in den Schlusssekunden den Puck im leeren Gehäuse unterbrachte, zudem wirkt sich negativ aus, dass den Islanders bei Vollbestand nur wenige Tore gelingen – und jene Treffer, die (oft dank Streit) in Überzahl fallen, gehen nicht in die Plus-minus-Bilanz ein. Auch deshalb sagt Moulson, er halte nicht allzu viel von Statistiken. «Mark ist einer der besten Verteidiger in der NHL. Seine Plus-minus-Bilanz sagt nichts darüber aus, wie wichtig er für unser Team ist.»
Der Mannschaft, welcher etliche junge, unerfahrene Spieler angehören, läuft es mittlerweile recht gut. «Am Anfang machten wir viele blöde Fehler, doch wir haben dazugelernt, sind cleverer geworden», meint Streit. Trotz erheblichem Rückstand auf den Strich ist er überzeugt, «dass wir noch eine Chance haben, uns für die Playoffs zu qualifizieren».
Verschwitzt, aber zufrieden steht Streit nach dem Match gegen die Los Angeles Kings in der Garderobe. Trotz seines famosen Siegestreffers will nur eine Handvoll einheimische Reporter etwas von ihm wissen. «Eishockey ist in New York kein wichtiger Sport, zudem ziehen die Rangers den Grossteil des Interesses auf sich», berichtet Walter Geis von der Radiostation 10-10 Wins. Mit dem Erfolg nehme freilich auch die Beachtung der Islanders zu, fügt er an. Würde Streit noch bei den Canadiens spielen, wäre der Rummel um ihn nun gigantisch. Doch er beklagt sich nicht über mangelnde Anerkennung, im Gegenteil: «Um in meiner Karriere einen Schritt vorwärtszumachen, musste ich aus Montreal weggehen. Hier hat es keine 70 Journalisten, aber bei den Islanders bekam ich die Chance, einer der Topverteidiger in der Liga zu werden. Es ist ein einfacheres Territorium zum Wachsen – auch für Spieler wie John Tavares und Nino Niederreiter.»
Mark Streit geniesst die Anonymität. Er ist ihm ganz recht, wenn er in New York von niemandem erkannt wird. «So lebst du viel entspannter.» Bekannt ist der Eishockeyprofi nur in Restaurants und Cafés, die er regelmässig besucht – und bei Touristen aus der Schweiz. In einem Einkaufszentrum, im Zug oder in Manhattan wird hingegen nur selten jemand auf den Islanders-Captain aufmerksam.
Am Tag nach dem Match gegen Los Angeles finden sich sowohl in der «New York Times» als auch in der «New York Post» nur wenige von der Agentur verfasste Zeilen über den Sieg und das Tor Streits. Die Berichterstattung korreliert mit dem Zustand der Organisation. Obwohl auf Long Island 7,5 Millionen und allein im Nassau County fast 1,4 Millionen Menschen wohnen, werden trotz zahlreichen Sonderaktionen die meisten Islanders-Heimspiele von etwa 12'000 Eishockeyanhängern besucht – eine Zahl, die bei SCB-Chef Marc Lüthi tiefe Sorgenfalten hervorriefe. Gemäss Radioreporter Geis verliert Teambesitzer Charles Wang jährlich einen zweistelligen Millionenbetrag. Im alten Stadion fehlen luxuriöse Logen, mit denen er hohe Einnahmen generieren könnte. Diverse Projekte für eine neue Arena sind schon gescheitert; zuletzt lehnte die Bevölkerung eine Beteiligung des Countys an den Kosten für einen Neubau ab.
Sich über die Situation den Kopf zu zerbrechen, bringe nichts, meint Mark Streit. Er stellt das Positive in den Vordergrund. Wenn die Halle voll sei, mache es grossen Spass, hier zu spielen. Beim Sieg gegen die Rangers sei die Stimmung fantastisch gewesen. «Es liegt an uns, das Stadion zu füllen. Wir müssen attraktiv spielen und oft gewinnen, dann kommen die Leute.» Der 34-Jährige glaubt daran, dass dies möglich ist. «Wir sind auf dem richtigen Weg; es gibt nicht viele Teams mit so viel Potenzial wie wir. Wenn wir es diesmal nicht in die Playoffs schaffen, dann sind wir in der nächsten Saison sicher vorne dabei.» Der Besuch des 40-jährigen Coliseum wäre für die Fans auch in den Playoffs eine Zeitreise, aber es wäre ein Abstecher in die gute alte Zeit – in die frühen Achtzigerjahre, als die New York Islanders in der NHL das Mass aller Dinge waren. (Berner Zeitung)
Erstellt: 14.02.2012, 10:01 Uhr
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