Sport
«Die Klubs geben die Richtung vor»
Wie fühlen Sie sich als Anführer der Rebellen?
Bo Lennartsson: Nein, nein, diese Formulierung ist zu hart. Wir versuchen, das Klubeishockey in Europa weiterzubringen, zu entwickeln. Das ist alles.
Sie haben die European Trophy nach dem definitiven Aus der Champions Hockey League ins Leben gerufen – auch, weil Sie mit der Arbeit des Internationalen Eishockeyverbands nicht mehr zufrieden waren.
Ja, wir haben ein neues Produkt entwickelt, bei dem sich die Klubs vorerst selbst finanzieren. Wir haben diesen Weg aus der Klubperspektive gewählt, weil es wichtig ist, selbst bestimmen zu können, was wir tun wollen. Die Klubs geben die Richtung vor.
Damit setzen Sie die International Ice Hockey Federation unter Zugzwang.
Natürlich, und die IIHF ist an unserem Turnier interessiert. Ich weiss, dass eine Delegation in Österreich war und beobachtet hat, was wir genau machen. Gespräche mit den IIHF-Vertretern gab es aber keine. Wir konnten sicher zeigen, dass auch die Vereine für die Entwicklung des europäischen Eishockeys etwas Gutes tun können – nicht nur die IIHF.
Im Rahmen des Finalturniers der European Trophy gab es eine Sitzung mit Vertretern der teilnehmenden Vereine. Was ziehen Sie diesbezüglich für ein Fazit?
Unser Ziel war klar definiert: Wir wollten im sportlichen Bereich viele Partien auf sehr hohem Niveau bieten, denn normalerweise sind Vorbereitungsspiele langweilig und unattraktiv, sowohl für die Spieler als auch für die Fans. Jetzt haben wir in sportlicher Hinsicht ein Topturnier, darüber waren alle sehr erfreut.
Ausser in Deutschland vermochte das Turnier nicht viele Zuschauer zu mobilisieren. Im Schnitt verfolgten die Gruppenspiele 2000 Leute – sind Sie enttäuscht?
Wie erwähnt haben wir den Fokus bei der Premiere auf den sportlichen Wert gelegt. Nächstes Jahr werden wir die Partien in grösseren Stadien ansetzen, in denen die Spiele besser vermarktet werden können. Es wird mehr Werbemöglichkeiten geben.
Zum Thema Werbung: Eine Richtlinie lautete, die Teamdresse dürften keine Werbeaufschriften beinhalten. Während der SC Bern extra Trikots anfertigen liess, trat etwa Jokerit Helsinki im Viertelfinal mit den normalen Jerseys an – Sponsorenlogos inklusive.
Die meisten Teams konnten diese Vorschrift bereits im ersten Jahr umsetzen. Einige hatten aber bereits entsprechende Verträge mit ihren Sponsoren unterschrieben, die auch für die Vorbereitungspartien gelten. Die Harmonisierung dieser Vorschrift ist ein Ziel für die nächste Saison, denn ab sofort können wir ein gutes Produkt vorlegen. Bisher hat die Trophy die teilnehmenden Teams viel Geld gekostet, aber nächstes Jahr werden wir das Turnier vermarkten können – hoffentlich auch die Dresse. Vielleicht finden wir einen zahlungskräftigen Hauptsponsor.
Gibt es Interessenten?
Ja, es gibt einige. Jetzt wissen alle um die Qualität des Produkts, nun haben wir einen richtigen «Brand» zu verkaufen.
Welche weiteren Änderungen sind für die European Trophy 2011 geplant?
Wir können kleine Dinge verbessern. Der Austausch mit den teilnehmenden Klubs ist sehr wichtig. Die Idee einer Europaliga als Konkurrenz zu den nationalen Ligen halte ich für unrealistisch. Aber es war ein guter Start, um das europäische Eishockey zu entwickeln, um von den anderen Klubs zu lernen. Wir wollen weiter wachsen, grösser werden, mehr Partys in den Arenen haben. Es soll mehr Spiele wie die Partie zwischen Mannheim und Djurgarden vor über 10000 Zuschauern geben.
Wird der Vorbereitungscharakter des Turniers beibehalten?
Ja, es wird ein reines Vorbereitungsturnier bleiben. Da die Ligen unterschiedliche Vorgaben und Weisungen haben, ist es derzeit sehr schwierig, Turnier und Saison in Europa problemfrei zu vermischen. Aber wir müssen für nächste Saison in einigen Punkten einen besseren Job machen, und dann...
...in welchen Punkten?
Gerade der Spielplan beinhaltet Schwächen. Zudem wissen wir, dass weitere interessante Teams dazustossen möchten. Der Zeitraum im August ist begrenzt. Wir müssen analysieren, wie viele Teams wir integrieren können.
Werden auch Teams aus der russischen Liga hinzukommen?
Es gibt viele Topteams in Russland. In erster Linie wollen wir aber auf die Klubs hören, die schon in der Liga sind. Beispielsweise Petr Briza, der Geschäftsführer von Sparta Prag, wünscht sich mehr tschechische Teilnehmer. Wir werden auch die Meinung des SC Bern bezüglich der Schweizer Liga berücksichtigen.
Bleibt das Turnier in den Händen der Klubs, oder ist eine Zusammenarbeit mit der IIHF wieder vorstellbar?
Es liegt nicht an mir alleine, dies zu entscheiden. Mein Ziel ist es, ein gutes Turnier zu haben. Für Gespräche sind wir offen.
Nennen Sie uns Ihre Vision vom perfekten europäischen Turnier.
Natürlich klingt es toll, eine Art Champions League im Eishockey zu haben, deren Sieger gegen den Stanley-Cup-Champion antritt. Das muss die Vision sein. Aber vorerst bin ich zufrieden, dass uns der Start geglückt ist. Wir verfolgen ein Ziel: Wir wollen und müssen das Eishockey in Europa noch bedeutsamer machen – gemeinsam sind wir stark.
(Berner Zeitung)
Erstellt: 06.09.2010, 08:19 Uhr
