«Yekini ist kein Stück Fleisch!»
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Rascheed Yekini: Der Hotelier
Es ist der 4. April 1998, die letzte persönliche Begegnung mit Rascheed Yekini im Letzigrund. Der 34-jährige Altmeister aus Nigeria will sich nach nur einer Saison beim FC Zürich verabschieden. Seine sportliche Bilanz ist ansprechend, 14 Tore hat er erzielt, dazu kommen 5 Assists. Sein persönliches Fazit über die Zeit in Zürich allerdings fällt vernichtend aus.
Der erste WM-Torschütze von Nigeria ist ein sehr stolzer Mann – und nicht erst an diesem trüben Frühlingstag zutiefst beleidigt. Er erzählt die Geschichte aus der Winterpause, als sich ein Journalist aus Nigeria beim FCZ telefonisch nach ihm erkundigt habe. Der Mann vom Klubsekretariat habe geantwortet: «Yekini? Den können wir nicht gebrauchen, den wollen wir hier nicht mehr sehen.» Die Aussage hat Yekini im Innersten getroffen. Mit Tränen in den Augen fährt er fort: «In Nigeria leben 120 Millionen Leute, sie kennen mich, sie respektieren mich. Und diese Leute konnten am nächsten Tag in der Zeitung lesen, was für ein Nichtsnutz ich offenbar geworden bin.» Seine Mutter habe ihn weinend angerufen und gesagt, er solle sofort nach Hause kommen.
Yekini aber beisst sich im kalten Zürich durch, obwohl seine schwangere Verlobte es nicht mehr aushält und nach Nigeria zurückkehrt. Ja, er steigert sich in der Rückrunde so sehr, dass ihn Bora Milutinovic ins WM-Kader aufnimmt. Den FCZ verlässt er im Groll. Er sagt, ihm fehlten im Verein Liebe und Wärme. Deshalb gehe er freiwillig.
Seine Abschiedsworte: «Yekini verdient Respekt, Yekini ist kein Stück Fleisch, das man einfach so verkauft!» Seine Laufbahn beendet er 41-jährig beim Gateway FC in der Heimat. Heute ist Yekini 47 und noch immer Rekordtorschütze seines Landes. In Ibadan, der drittgrössten Stadt Nigerias, führt er ein Hotel.
Richard Nuñez: Die Diva
Mit 14 verlässt er die Schule, um Fussballer zu werden. Mit 17 ist er Profi daheim in Montevideo. Im April 2001 wechselt er zu GC, für 3,2 Millionen Dollar Ablöse. Und Richard Nuñez ist sein Geld wert, zumindest die meiste Zeit. Als er knapp vier Jahre später die Schweiz wieder verlässt, spricht nur schon die Statistik für ihn: Meister 2001 und 2003, 127 Meisterschaftsspiele, 86 Tore, 71 Assists.
Nuñez ist der Prinz, der Geniale, der Zauberfuss mit seinem Spiel, seiner Technik, seiner Schnelligkeit, seinem Timing im Zweikampf, seinen Freistössen. Und Nuñez ist die beleidigte Diva, wenn er einmal defensiv arbeiten soll. Und er fühlt sich zu Höherem berufen. Spanien ist sein Traum. Vor allem träumt er von mehr Geld. Die 600 000 Franken, die er im zweiten Meisterjahr verdient, sind ihm zu wenig. Einen Künstler wie ihn hat GC nie mehr gehabt. Anfang 2005 wechselt er zu Atletico Madrid, kann sich aber nicht etablieren und schlägt sich in Mexiko durch, bis er vor drei Jahren nach Montevideo zurückkehrt. Heute, mit 35, spielt er für die Rampla Juniors in Uruguays höchster Liga.
Antonio Barijho: Der Disco-König
Marcel Koller sieht auf einer DVD, wie ausgelassen Antonio Barijho nach einem Tor jubelt, und er weiss: Das ist «der Verrückte», «der Wilde», den er für seine sonst ruhige Mannschaft sucht. Barijho kommt im Sommer 2002 von Buenos Aires nach Zürich, mit extrem viel Kraft im Körper, aber wenig Luft in den Lungen. Um Verlorenes aufzuholen, soll er im Winter an sich arbeiten. Was immer er während des Heimaturlaubs macht, eines ist es sicher nicht: an seiner Grundkondition arbeiten.
GC reist nach Mexiko ins Trainingslager. Nach drei Tagen spricht Barijho erstmals bei Koller vor: «Trainer, Discoteca?» Koller sagt: «Nein, zuerst wird im Training Gas gegeben.» Barijho gibt nicht nach, kommt wieder: «Trainer, Discoteca?» Nach einem Spiel ist es so weit: Die Mannschaft rückt geschlossen aus, im Trainingsanzug.
Der Ausflug ins Nachtleben dauert länger. Koller verschiebt deshalb das Training am anderen Morgen von 10 auf 12 Uhr. Alle rennen, wie er das verlangt. Nur Barijho nicht, der bewegt sich kaum. Koller sagt ihm: «Mach mehr.» Darauf Barijho: «Trainer, ich kann nicht mehr, ich habe in der Disco alles gegeben.»
In der Rückrunde bekommt der Stürmer Bänderprobleme im Fuss. Mit 12 Toren in 22 Einsätzen leistet er seinen Anteil am Titelgewinn. Dann erhält er keinen neuen Vertrag, weil GC sparen muss. Er geht nach Hause und tingelt von Klub zu Klub. Inzwischen ist er 34. Er spielt nicht mehr.
Iulian Filipescu: Der Unsterbliche
Nef wirft ein, Stahel flankt, der Rest ist Geschichte: Iulian Filipescu erzielt am 13. Mai 2006 sein erstes und einziges Tor für den FCZ. Es ist das berühmte zum 2:1 in der 93. Minute in Basel. Es bringt den Zürchern den ersten Meistertitel nach 25?Jahren.
Es ist das Tor für die Ewigkeit, das Filipescu in die Annalen des Vereins eingehen und ihn unverschämt werden lässt. Der Verteidiger aus Rumänien fordert eine mit 550 000 Franken pro Saison dotierte Vertragsverlängerung um zwei Jahre. Präsident Sven Hotz lehnt ab: «So viel bezahlt in der Schweiz keiner für einen 32-Jährigen, der gemäss ärztlicher Erkenntnisse drei Tage Erholung braucht, nachdem er eine Leistung von 70 Prozent erbracht hat.»
Es ist eine der besten Entscheidungen von Hotz in seiner 20-jährigen Amtszeit. Als Nachfolger von Filipescu können die Zürcher Hannu Tihinen verpflichten. Der weltoffene finnische Abwehrchef wird zur Integrationsfigur schlechthin beim FCZ – und in seinen vier Jahren mit dem Klub zweimal Meister.
Filipescu spielt nach seinem Abgang noch zwei Jahre in Duisburg. Danach zieht er sich mit der Familie nach Oviedo in den Norden von Spanien zurück.
Shabani Nonda: Das Juwel
Es ist tiefer Winter, über dem Land liegen Kälte, Frost und Hochnebel, die Bise bläst. Als Shabani Nonda im Januar 1996 aus Südafrika in der Schweiz eintrifft, ist sein erster Gedanke: «Hier bleibe ich höchstens sechs Monate – bis meine Aufenthaltsbewilligung abläuft.» Das erste Spiel, einen Test in Dübendorf, bestreitet der damals 19-jährige Burundier in dicker Wollmütze, Strumpfhosen und Skihandschuhen. Zur Pause muss er ausgewechselt werden, zitternd und durchfroren. Doch Trainer Raimondo Ponte hat auch so genug von ihm gesehen: «Nach fünf Minuten habe ich gewusst: Das ist ein Juwel.»
Weil dem Afrikaner die nötigen Papiere fehlen, um mit ins Trainingslager nach Italien fahren zu können, versteckt ihn Ponte vor allfälligen anderen Interessenten zunächst bei einem Freund in einer Skihütte. Später quartiert er ihn in seinem Haus in Oberrohrdorf ein. Die Chemie zwischen den beiden stimmt. Nonda bleibt zweieinhalb Jahre auf dem Letzigrund. Er ist wohl der kompletteste Stürmer, den der FCZ je hatte. Mit 24 Treffern wird er 1998 erster FCZ-Torschützenkönig seit Peter Risi. Präsident Hotz erklärt: «Den gebe ich nie mehr her!»
Als Rennes 12 Millionen Franken bietet, ist sogar bei Hotz die Schmerzgrenze erreicht, zumal der FCZ auch am nächsten Transfer des Burundiers zu Monaco mit weiteren 2 Millionen beteiligt ist. Nonda wird auch mit den Monegassen Torschützenkönig, steht mit ihnen im Final der Champions League und vor einer Weltkarriere. Eine schwere Knieverletzung verhindert, dass seine nächsten Vereine keine grösseren Namen tragen als Roma, Blackburn und Galatasaray. In Istanbul wird sein Vertrag im Januar 2010 aufgelöst – und sein Palmarès bleibt gemessen an seiner herausragenden Klasse bescheiden: ein Meistertitel in der Türkei, 36 Länderspiele für die Demokratische Republik Kongo, die wegen des Bürgerkriegs in Burundi zu seiner zweiten Heimat geworden ist.
Ike Shorunmu: Der Göttliche
Sven Hotz erinnert sich genau: «Kaufen, kaufen, kaufen!», habe die ganze Mannschaft skandiert, als er beim ersten Probetraining von Ike Shorunmu kurz im Letzigrund vorbeigeschaut habe. Und auch der Präsident ist vom Goalie beeindruckt: «Ein Riese, mit Händen gross wie Pfannendeckel.»
Also übernimmt er den Nigerianer. Im Derby zur Saisoneröffnung am 14. Juli 1996 im Hardturm hält Shorunmu nach einer Stunde beim Stand von 0:0 einen Penalty von Türkyilmaz spektakulär. Türkyilmaz will den Ball nonchalant mitten ins Tor schnippeln, der Torhüter aber wirft seinen Körper akrobatisch nochmals herum und wehrt ab. «Ike, Ike, Ike!», ruft das Publikum. Ein neuer Liebling ist geboren.
Shorunmu, «der Göttliche» in der Sprache der Yoruba, seines afrikanischen Stammeszweigs, ist im Klub auch deshalb so populär, weil er von ausgesprochener Freundlichkeit und Bescheidenheit ist. Extravaganzen erlaubt sich der vierfache Familienvater nur auf dem Platz, dort aber nicht zu knapp. Er dribbelt im eigenen Strafraum die Gegner aus, er holt dank seiner Sprungkraft die hohen Bälle mit einer Hand herunter und erklärt danach: «Man muss dem Publikum doch etwas bieten für sein Geld.»
Trainer Raimondo Ponte ist über Shorunmus Hang zum Leichtsinn nicht immer glücklich. Aber ihn überzeugt die Ausstrahlung seines Goalies, seine Klasse, die Reflexe, die Paraden und vor allem seine hoch professionelle Einstellung – bei aller Lockerheit und dem steten Lächeln im Gesicht. Nach 91 Partien für den FCZ zieht Ike weiter zu Besiktas Istanbul, später kehrt er für zwei kurze Gastspiele zu Luzern und YF Juventus in die Schweiz zurück. Bei beiden Klubs heisst der Trainer Ponte. Und der erzählt noch heute: «Ike hat das Essen immer derart scharf gewürzt, dass ich bei ihm zu Hause einmal den vollen Teller stehen liess.»
Ailton: Der «Torten-Toni»
Auch nach sieben Jahren in Deutschland rumpelt sein Deutsch, als er im Februar 2007 bei GC landet. «Schön Land, gut Klub, gut Name», erklärt er seinen Wechsel nach Niederhasli.
In der Vorwärtsstrategie unter Trainer Krassimir Balakov findet Ailton als Transfercoup seinen Platz. Dabei ist Ailton zu der Zeit längst über seinen Zenit hinaus. Seine Verfassung lässt mehr darauf schliessen, warum er in Deutschland nicht nur «Kugelblitz», sondern auch «Torten-Toni» oder «kleines dickes Ailton» getauft worden ist.
Im Gepäck trägt er all die alten Geschichten von seinen Eskapaden mit, die er sich in Bremen geleistet hat: von den Nachtklubbesuchen, den verspäteten Rückreisen aus den Ferien, von den Streitigkeiten mit seiner Freundin. In Zürich gibt er sich pflegeleicht. Er ist immer auf dem Campus, wenn er da sein muss, zwar nicht immer zum Trainieren, manchmal nur zum Massieren, aber das sind die Freiheiten, die Balakov ihm zugesteht. Er schiesst neun Tore und muss nach vier Monaten wieder gehen.
Danach zieht Ailton herum: Duisburg, Donezk, Altach, Campinense (Br), Lifan (China), Uerdingen und Oberneuland. Seit Februar kickt er in seiner Heimat beim unterklassigen Rio Branco. Das ist sein 20. Klub. Er wird bald 38. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.04.2011, 14:06 Uhr
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