Wie eine Befreiung
Etwas mehr als zwei Monate ist es erst her, dass Ottmar Hitzfeld und das Schweizer Nationalteam nach dem erschreckend schwachen Auftritt in Sofia gegen Bulgarien (0:0) in einer tiefen Identitätskrise steckten. Die klägliche Leistung produzierte tagelange Kritik, und es gehörte noch zu den harmlosen Urteilen, Trainer und Team als mutlos, ideenlos und freudlos zu bezeichnen. Im Fussball aber ändern sich Stimmen und Stimmungen rasch, es ist ja zum Beispiel noch nicht einmal ein Jahr her, dass Hitzfeld als Trainergott und die Schweizer Spieler als Helden gepriesen wurden. Seit dem 1:0-Sieg an der WM gegen Spanien aber folgte eine Enttäuschung nach der anderen, und darum ist es umso erstaunlicher, was seit der Nullnummer in Sofia geschehen ist: Ohne ein Spiel gewonnen oder ein Tor erzielt zu haben, herrscht Optimismus und nicht mehr Depression im Schweizer Team vor – und ist die schlechte Atmosphäre einer spürbaren Aufbruchstimmung gewichen.
Signale perfekt umgesetzt
Ottmar Hitzfeld, der kluge, erfahrene Trainer, betont zwar weiterhin, die Rücktritte von Alex Frei und Marco Streller zu bedauern. Aber die Abgänge der beleidigten Basler haben ihm zufälligerweise ins Blatt gespielt, der geschickte Kartenspieler moderiert den Umbruch in der Auswahl – personell, aber und vor allem auch zwischenmenschlich. Und Hitzfeld hat realisiert, dass es die jungen Akteure nicht schätzen, kaserniert zu werden, er gewährt ihnen mehr Freiheiten. Der Deutsche ist gewillt, die vermutlich letzte grosse Aufgabe seiner langen, fantastischen Trainerlaufbahn erfolgreich zu gestalten. Und so sagt er am Freitag im schicken Schweizer Teamhotel Sopwell House in St.Albans, rund 35 Kilometer nördlich von London: «Ich bin zuversichtlich. Jede personelle Veränderung ist auch eine Chance für neue Spieler, in der Hierarchie einen Platz zu erobern.» Hitzfeld befehligt jetzt eine sehr junge, talentierte Auswahl, er hat in der Notlage die Signale der Medien und der Anhänger aufgenommen und einige Kräfte aus der hervorragenden Nachwuchsbewegung nominiert. «Ein Trainer muss immer kurzfristig denken und langfristig planen», sagt Hitzfeld, «und das eine schliesst das andere nicht aus.»
Hitzfeld lobt Blatter
Die Teilnahme an der WM 2014 in Brasilien ist das herausragende Fernziel von Hitzfelds Mission, aber ganz abgeschrieben hat er auch die Euro 2012 noch nicht. «Am Samstag gegen England bietet sich uns eine Riesenchance», sagt Hitzfeld. «Wir wollen den Schwung der letzten Tage mitnehmen.» Die Systemfrage sei dabei einerlei, viel wichtiger seien die Mentalität und der Kampfgeist, die psychische Ausstrahlung und die Bereitschaft, sich in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen. «Wir dürfen uns von den Engländern nicht einschüchtern lassen», sagt Hitzfeld. Die gute Laune seiner Belegschaft ist spürbar, es ist wie eine Befreiung, die am Samstag im Wembley gekrönt werden soll. Pressechef Marco von Ah hat die Stimmungslage, die sich veränderte, ebenfalls bemerkt: «Es herrscht ein frischer Wind und mehr Pep, die Jungen sind unverbraucht und unvoreingenommen.» Gemessen wird die neue, schöne Unbeschwertheit am Ende an den Resultaten, zumindest heute aber kann die Schweiz relativ unbelastet antreten, selbst wenn eine Niederlage bereits das Ende aller EM-Träume bedeuten könnte. «England ist Favorit», sagt Hitzfeld, «und der Favorit ist immer stärker unter Druck.» Der Schweizer Nationaltrainer fühlt sich wohl, das spürt man, und so hat Hitzfeld am Freitag auch keine Bedenken, den Schweizer Fifa-Präsidenten Sepp Blatter, in England ungefähr so beliebt wie ein Bierverbot in einem Pub, vor britischen Journalisten überschwänglich zu loben. Das ist mutig – und passt zum neuen Auftreten des Nationalteams. (Berner Zeitung)
Erstellt: 04.06.2011, 13:30 Uhr
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