Wenn alles Lug und Betrug ist
Von Sascha Rhyner. Aktualisiert am 29.10.2009
Der FC Dinaburg spielte in der Qualifikation zur Europa League gegen den israelischen Vertreter Bnei Yehuda Tel Aviv. Die Promotionschancen der Letten waren nicht sonderlich hoch, was kaum über die finanziellen Aufwände für den Verein gesagt werden kann. Dies dürfte die Hemmschwelle für Manipulationsversuche sicherlich senken. Wie die «Süddeutsche Zeitung» unter dem Titel «Wenn Letten wetten» berichtet, sei das Hinspiel in Israel von den grossen Buchmachern in Asien 20 Minuten vor Spielbeginn vom Tableau genommen worden. Laut Peter Limacher, Uefa-Experte für die Bekämpfung von Spielmanipulationen durch Wettbetrug, «einzigartig, gleichzeitig ein starkes Indiz».
Auch im Rückspiel in Daugavpils, nahe der litauischen Grenze, soll es angeblich nicht mit rechten Dingen zu und her gegangen sein. Der Rahmen der Partie ist, wie auf dem Video zu sehen, kaum von europäischen Format. Im Hintergrund führt die Autobahn vorbei, hinter dem einen Tor ist ein Parkplatz, hinter dem anderen ein ödes Wäldchen. Die Zuschauer auf der Haupttribüne leiden mit ihrem Verein, als dieser 0:1 in Rückstand gerät und als dieser Chance um Chance kläglich vergibt.
«Sehr langsames» Spieltempo bemerkt
Die Uefa geht davon aus, dass das Resultat «mit grosser Wahrscheinlichkeit» abgesprochen war, wie Limacher der «Süddeutschen Zeitung» erklärte. Es gab einen Einsturz der Quoten auf einen knappen Sieg von Bnei Yehuda und ein Grossteil der Buchmacher nahm das Spiel gar aus dem Angebot. Dies lässt den Einsatz von hohem Summen vermuten – und entsprechend «erhebliche Bedenken bezüglich der Integrität», wie Limacher in der «SZ» weiter ausführt.
Auch in zwei weiteren Partien ortete die Uefa und die Firma Sportradar, die die Kurse im Auftrag der Uefa auf den internationalen Wettmärkten verfolgt, Manipulationen. Es handelte sich in beiden Fällen um Partien im nationalen lettischen Championat. Dinaburg gewann zwei Heimspiele gegen deutlich schwächere Gegner mit 1:0, obwohl es schon nach einer halben Stunde in Führung gegangen war. Ein Uefa-Mitarbeiter bemerkte indes ein «sehr langsames» Spieltempo.
Skandale auch in Finnland, Griechenland, Belgien und England
Dazu gingen nach dem 1:0 jeweils hohe Beträge darauf ein, dass Dinaburg keine weiteren Tore schiessen würde – oder zumindest nicht mit mehr als einem Tor Differenz gewinnen würde. Dass solche hohe Summen auch in einem Spiel gesetzt werden, wo der Gegner zuvor im Schnitt fast zweieinhalb Gegentor im Schnitt zulässt, liess die Uefa vermuten, «dass einige Leute das Ergebnis wussten, bevor die Partie beendet war».
Die Auffälligkeiten waren bei Dinaburg so augenfällig, dass die Verbände rasch handelten. Der FC Dinaburg wurde zu Beginn dieses Monats aus der lettischen Meisterschaft ausgeschlossen. Doch Manipulationsversuche beschränken sich längst nicht auf Lettland. In 40 Spielen in Uefa-Wettbewerben wird laut der «Süddeutschen Zeitung» ermittelt. Jüngst wurde ein Schreiben an den russischen Verband öffentlich, wonach die Uefa «grösste Bedenken» am Verlauf von sechs Partien anmeldete. Auch in Finnland, Belgien, Griechenland oder in den unteren Ligen Englands sind Skandale bekannt.
Beschuldigter Trainer vermutet «politischen Entscheid»
Die Ermittler vermuten, dass globale Kartelle ihre Geschäfte über Wettbüros in Asien abwickeln und so Einfluss auf die europäischen Ligen nehmen. Präsidenten, Schiedsrichter, Trainer und auch Spieler werden hierfür bestochen. Laut Limacher werden 90 Prozent der Manipulationsversuche über Asien gesteuert. Vor allem Präsidenten kleinerer Klubs würden die Bestechungsgelder nutzen, um ihre Vereine zu finanzieren. Ein Qualifikationsspiel zur Europa League ist der Wettmafia bis zu einer halben Million Euro wert; das entspricht dem Jahresbudget eines Vereins in der Grösse von Dinaburg.
Der Trainer von Dinaburg, Tamaz Petria, der wegen der Manipulationen lebenslang gesperrt wurde, vermutet indes einen «politischen» Entscheid. Der Verband habe nur einen Konkurrenten des Hauptstadtklubs Skonto Riga eliminieren wollen. Als er 2007 in Daugavpils das Traineramt übernommen habe, so lässt in der «Süddeutschen Zeitung» ausrichten, «haben ein paar Routiniers so Sachen gemacht». Die habe er aber rasch aus dem Kader geworfen. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 29.10.2009, 12:54 Uhr








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