Starke, aber glücklose Young Boys
Von Fabian Ruch. Aktualisiert am 29.07.2010 4 Kommentare
Undankbarer Abend für Bürki und Petkovic
Roman Bürki kam sich gestern Abend vor wie in einem schlechten Film. Zweimal gab Fenerbahçe in der ersten Halbzeit einen Schuss auf das Tor des YB-Ersatzkeepers ab, zweimal war er ohne Abwehrchance und musste den Ball aus dem Netz holen. Im weiteren Spielverlauf musste er nicht mehr entscheidend eingreifen.
Ähnliches war dem 19-Jährigen elf Tage zuvor in der Super League widerfahren, als er den wie gestern gesperrten Stammgoalie Marco Wölfli beim FC Thun (1:1) ersetzte. Damals hatte er nach weniger als einer Spielminute ein Gegentor kassiert und konnte sich danach nicht mehr auszeichnen.
Gestern sagte Bürki: «Für mich war es wieder ein sehr undankbares Spiel.» Er und sein Team wurden gegen Fenerbahçe für einen spektakulären Auftritt schlecht belohnt. Einerseits weil sie ihre vielen Chancen nicht nutzten, wie es für die Qualifikation zur Champions League notwendig sein dürfte. Andererseits weil sie es den Türken zu einfach machten, ein Tor zu erzielen. «Fenerbahçe ist ein international erfahrenes Team. Das hat es bei diesen Aktionen unter Beweis gestellt», sagte Bürki.
Mit wenigen Pässen kombinierten sich die Gäste jeweils vor Bürkis Tor. Dabei hatte sich YB-Trainer Vladimir Petkovic erstmals in seiner Amtszeit dazu entschlossen, von der Dreierkette in der Abwehr abzuweichen. Er stellte vier Verteidiger auf. Wie seine Mannschaft mit der Umstellung zurecht kam, musste Petkovic wegen einer Sperre einsam und weit oben in einer Loge des Stade de Suisse verfolgen. Der rechte Verteidiger Scott Sutter sagte: «Wir standen alles in allem kompakter als zuletzt gegen Luzern.»
Im Zusammenspiel mit David Degen war er auf der rechten Seite zu verschiedenen guten Aktionen gekommen. An das veränderte System habe er sich rasch gewöhnt, sagte Sutter. «Ich musste mich aber immer erinnern, anders aufzurücken, als wenn wir im 3-4-3 spielen.» Laut Sutter ist die Taktik ein ständiges Thema in den Gesprächen zwischen Trainer und Spielern. Wie Petkovic ist er der Meinung, ein flexibles System könne zu einem Erfolgsrezept der Young Boys werden.
«Keine Angst haben»
Auch Sutter zeigte sich enttäuscht vom Resultat des Spiels («Wir erhielten zwei vermeidbare Tore, die aus dem Nichts kamen»), gleichzeitig machte ihm der Auftritt gegen den türkischen Grossklub Mut: «Seit ich für YB spiele, haben wir den Gegner nie so dominiert wie in diesem Spiel.
Wir hätten gegen Fenerbahçe fünf oder sechs Tore erzielen können.» Die Mannschaft solle sich an den guten Aktionen aufbauen, «dann müssen wir keine Angst vor dem Rückspiel in Istanbul haben». Alexander Wäfler
Und dann – endlich aus Berner Sicht – fiel der Ausgleich, erzielte – endlich aus seiner Sicht – Moreno Costanzo das 2:2. Er hatte zuvor bereits Pfosten und Latte getroffen, doch in der 89. Minute behielt er beim Foulpenalty die Nerven. Natürlich ist ein 2:2 kein Traumresultat für YB, im Gegenteil, es war vielmehr mal wieder ein Europacupabend der verpassten Gelegenheiten für die Young Boys. Immerhin lebt mit diesem Ergebnis die Hoffnung auf eine Überraschung weiter – doch der gestrige Auftritt gegen dieses abgezockte, zuweilen unfaire Team Fenerbahçes liess auch erahnen, was die glücklosen Berner am nächsten Mittwoch im Istanbuler Hexenkessel erwartet.
In der zweiten Halbzeit hatte YB in personeller Überzahl spielen dürfen, nachdem Kazim Kazim kurz vor der Pause die zweite gelbe Karte gesehen hatte. Und Fenerbahçe besass Glück, nicht noch einen zweiten Spieler zu verlieren, hätte doch Andre Santos nach einer Tätlichkeit an Christoph Spycher Mitte der zweiten Halbzeit die rote Karte erhalten können. Auch nach dem Seitenwechsel überzeugten die Young Boys, obwohl sie nicht mehr so dominant agierten wie zuvor. Es reichte immer noch zu jeder Menge bester Möglichkeiten und zwei Lattenschüssen (Costanzo sowie Scott Sutter), aber eben bloss noch zum sehr verdienten Last-Minute-Ausgleich. «Wir haben fast perfekt gespielt. Aber leider haben wir sehr viele Chancen vergeben», sagte Erminio Piserchia, der YB an der Seitenlinie betreute, weil Trainer Vladimir Petkovic die Partie gesperrt auf der Tribüne verfolgen musste.
YB: Chancen im Überfluss
Schon bald hatte man am Mittwochabend den Eindruck erhalten, dass diese teure Equipe toller Einzelspieler von Fenerbahçe noch keine Einheit darstellt, noch fehlten Stammspieler wie Uruguays Starverteidiger Diego Lugano (WM-Ferien). Und so erspielten sich die Young Boys vor der Pause zahlreiche exzellente Chancen. Bereits in der ersten Minute konnte David Degen alleine aufs Tor ziehen, aber er liess sich abdrängen und musste aus schlechter Position schiessen. Wenige Sekunden später kam Thierry Doubai, er aus bester Lage, völlig frei zum Kopfball, doch auch er scheiterte an Goalie Volkan. Und so waren es die Gäste, die in der 5. Minute mit ihrem ersten Angriff gleich reüssierten – Emre, der Routinier, schloss einen Konter kühl ab, nachdem Costanzo an der Mittellinie den Ball verloren hatte.
Beim ersten Gegentor liess sich auch gleich erkennen, dass die Abstimmung in der Abwehr-Viererkette, die Trainer Petkovic erstmals aufstellte, noch nicht perfekt sein konnte. Aber nach vorne, da überzeugten die Berner im neuem System sofort. Es war ein attraktives Angriffsspektakel, welches sie zelebrierten, sie griffen rechts und links und durch die Mitte an, schwungvoll, schnell, präzis. Passspiel und Aufbau wurden orchestriert vom starken Christoph Spycher, der im 4-1-4-1-System als Schaltstation im Mittelfeld den dirigierenden Taktgeber gab. Und die rechte Seite mit den dynamischen Sutter und Degen erwies sich als enorm fleissig und gut.
Fenerbahçes Konter
Und so stürmte YB, forsch und leidenschaftlich, und nach dem Grosseinsatz von Bienvenu war es Verteidiger Dudar, der mit dem Kopf in der 18. Minute den Ausgleich erzielte. Fenerbahçe wankte, Fenerbahçe fiel beinahe, die Türken hatten es nur der fehlenden Treffsicherheit der Young Boys zu verdanken, nicht 2:1, 3:1 oder sogar 4:1 in Rückstand zu geraten. Doubai verpasste das Tor bei einem weiteren Kopfball kläglich, Costanzo traf aus wenigen Metern nur den Pfosten und Lulic im Nachschuss den Ball nicht richtig und damit das leere Tor nicht. Und natürlich rächte sich das. Beim dritten gefährlichen Konter Fenerbahçes erzielte der auffällige Slowake Miroslav Stoch mit einem satten Schuss kurz vor der Pause das 1:2 – beinahe logischerweise via Innenpfosten. Mit der fantastischen Effizienz und dem Fortune der Gäste hätten die Young Boys gestern vermutlich acht Tore erzielt. So aber müssen sie im Rückspiel der 3. Qualifikationsrunde in Istanbul mit grösster Wahrscheinlichkeit gewinnen, wollen sie weiter von der Champions League träumen. (Berner Zeitung)
Erstellt: 29.07.2010, 07:12 Uhr
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4 Kommentare
Naturlich will man gewinnen. Naturlich steht am Schluss das Resultat im Zentrum und gerade in der CL das Weiterkommen. Aber Fussball soll auch unterhalten. Beim Zuschauen Spass machen. Und das hat YB gestern Abend in einem hohen Masse. Wenn ich bei jedem Spiel derart gut unterhalten werde, ein YB mit Herz und Spiellust erleben darf, darf YB auch Vizemeister werden und die CL-Quali verpassen. Danke Antworten
So ein angriffslustiges YB wünsche ich mir das Jahr zu erleben. Tore werden schon anfangen zu fallen. Es bleibt noch 90 Minuten in Istanbul. Apropos gestrigen Leistung, ich sehe ich kein grosses Steigerungspotenzial bei Fenerbahce. Wenn YB so selbstbewusst auftritt wie gestern, ein Auswärtssieg ist durchaus möglich . Antworten
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