Sport
Schöne Zeiten, heikle Zeiten
Von Fabian Ruch. Aktualisiert am 13.03.2010
Vieles im Griff: YB Verteidiger François Affolter. (Bild: Andreas Blatter)
Es gibt bestimmt angenehmere Gesprächsthemen für François Affolter. Man könnte den YB-Verteidiger zum Beispiel über die spannenden Tage befragen, die er gerade erlebt. Heute feiert er seinen 19.Geburtstag, morgen trifft er mit YB im Heimspiel auf den FC Sion, und übermorgen erhält er die Schlüssel für seine erste eigene Wohnung.
Aber die ersten Fragen drehen sich halt um diese Sache, die Affolter vor zwei Wochen, nach dem 2:1-Sieg gegen Zürich, ins Rampenlicht katapultierte. Der Boulevard griff die Story gierig auf, die Zutaten versprachen ja eine würzige Story: Jungstar, 18 Jahre, vergreift sich leicht alkoholisiert an einem weiblichen DJ. Vieles wurde überzeichnet, so dramatisch war die Angelegenheit nicht. Affolter nennt den Griff an den Hintern von She-DJ Carol Fernandez «einen Fehler». Er hat sich längst entschuldigt, vom Verein wurde er gebüsst, von der Dame gabs eine Ohrfeige, von den Mitspielern ein paar nette Sprüche und von Klub-CEO Stefan Niedermaier einen flotten Vortrag über Rechte und Pflichten eines Fussballprofis.
Die starke Reaktion
Nur vier Tage nach dem Zwischenfall in einer Berner Disco bestritt Affolter mit der Schweizer U21-Auswahl in Spanien gegen Norwegen ein Testspiel – und benötigte drei Minuten, um beim 2:1-Erfolg mit einem Kopftor wieder sportlich zu brillieren. Weitere vier Tage später überzeugte Affolter mit einer abgeklärten Leistung bei der 0:1-Niederlage von YB bei Xamax. «Die Sache hat mich nicht gross belastet», sagt Affolter. Aber er sei froh gewesen, sofort wieder spielen zu können. «Leider haben wir in Neuenburg verloren», sagt Affolter. «Doch jetzt folgen wichtige Wochen, in denen wir im Titelkampf vorlegen wollen.»
Der Bieler spricht, wie er auf dem Feld auftritt, und das bedeutet, dass er älter und reifer wirkt, als er ist. Man vergisst gerne, dass dieser junge und (meistens) zurückhaltende Mann erst im letzten Sommer die Schule beendet hat und noch bei den Eltern wohnt. Affolter war im Herbst 2008 alles andere als ein Fehlgriff von Vladimir Petkovic, seit eineinhalb Jahren verrichtet er nun den Abwehrdienst für die Berner. Mit seinen Fähigkeiten ist er ein perfekter Vertreter des in der Dreierkette bei Trainer Petkovic geforderten Verteidigertyps. Affolter ist relativ schnell, er ist zweikampfstark und robust, das Kopfballspiel ist überdurchschnittlich wie das Aufbauspiel. Petkovic sagt: «Affolter ist so jung, dass er sogar überall noch Steigerungspotenzial besitzt.»
Die guten Perspektiven
In der YB-Abwehrhierarchie rangiert Affolter nach dem Abgang Saif Ghezals bereits auf Rang zwei hinter Sicherheitschef Emiliano Dudar – aber vor den Ausländern Issam Mardassi und Hassan Lingani oder Routinier Marc Schneider. Und da passt es, zieht Affolter am Montag in jenes Appartement in Ostermundigen, in welchem Ghezal zuletzt residierte. Obwohl Affolter von ausländischen Klubs beobachtet wird, möchte er noch das eine oder andere Jahr in Bern bleiben. «In meinem Alter braucht ein Fussballer Spielpraxis. Hier trage ich Verantwortung. Und wir können Titel gewinnen», sagt er.
Am 3.März, als Affolter mit der U21 gegen Norwegen spielte, wäre der Teenager übrigens lieber für die A-Auswahl im Einsatz gestanden. «Die Schweiz hat in der Innenverteidigung Personalsorgen. Ich war schon ein wenig enttäuscht, wurde ich gegen Uruguay nicht aufgeboten», sagt Affolter. «Deshalb gehe ich davon aus, dass ich auch für die WM noch kein Thema bin.» Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld aber schätzt die sachliche Spielweise Affolters, der bei stabilen Vorstellungen in diesem Frühling durchaus noch Perspektiven besitzt, einen Teil des Sommers in Südafrika zu verbringen. Am liebsten als Schweizer Meister – und nach einer ausgelassenen Titelfeier in Bern. Ohne Vorfälle. (Berner Zeitung)
Erstellt: 13.03.2010, 09:57 Uhr
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