Gross räumt auch Fehler ein
Von Fabian Ruch. Aktualisiert am 13.12.2011 19 Kommentare
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Christian Gross, mit Ihrem ersten Halbjahr in Bern dürften Sie kaum zufrieden sein?
Christian Gross: Als ich den Job bei den Young Boys antrat, wusste ich, dass es die grösste Herausforderung meiner Trainerkarriere werden würde. Und uns fehlen im Moment zehn Punkte.
Hätten Sie gedacht, dass es gleich so schwierig wird?
Man kann im Fussball nicht in wenigen Wochen ein Meisterteam aufbauen. Der FC Basel ist in einer beneidenswerten Verfassung, aber es dauerte ein Jahrzehnt, um den FCB dahin zu bringen, wo er heute ist. Zudem profitiert er von der Konstellation, dass er in Basel keine Konkurrenz besitzt und dass er in der Bevölkerung wie in allen Kreisen der Stadt sowie politisch und wirtschaftlich fantastisch verankert ist. Wir wollen YB auf diese Stufe hieven.
Derzeit ist YB in vielen Bereichen aber weit vom FCB entfernt.
Das ist korrekt, und deshalb ist die Aufgabe in Bern ja auch so spannend. Wir sind nicht zufrieden mit der Punkteausbeute, wir wollten in der Europa League und im Cup weiterkommen. Die Leistungen waren teilweise enttäuschend, aber man darf nicht vergessen, dass wir problemlos in allen Bewerben mehr Erfolg hätten haben müssen, wenn wir vor dem Tor effizienter agiert hätten.
Zudem musste YB in allen Wettbewerben und zuletzt fast in jeder Partie mit falschen Schiedsrichterentscheiden leben...
...dazu habe ich alles gesagt, was es in der Öffentlichkeit zu sagen gibt. Die Schiedsrichter müssen in jeder Beziehung fitter werden und mutiger auftreten. Fehlentscheidungen sind ärgerlich, aber ich konzentriere mich auf jene Bereiche, die ich beeinflussen kann.
Sie könnten Druck auf die Spielleiter ausüben, wie das in der Bundesliga und in Basel passiert.
Wir müssen uns überlegen, wie wir den Respekt gegenüber YB erhöhen können. Unser Captain Marco Wölfli spielt im Tor, für ihn ist es nicht einfach, ständig mit dem Schiedsrichter zu kommunizieren. Doch wir haben andere Führungsspieler wie Alexander Farnerud, Michael Silberbauer, David Degen oder Christoph Spycher, die mehr im Zentrum des Geschehens sind. Meine Teams spielten immer fair, das wird so bleiben. Die Spielleiter sind nicht schuldig, wenn wir zu wenig dominant auftreten.
Um den FC Basel herauszufordern, braucht YB auch bessere Stürmer. Ist das Kader des FCB nicht deutlich besser besetzt?
Natürlich ist der FCB weiter. Dessen Stürmer Alex Frei und Marco Streller sind zurzeit überragend, unsere Angreifer sind noch jung und auf dem Weg dazu, einmal vielleicht das Niveau der Basler zu erreichen. Aber wir wollen in der Rückrunde selbstverständlich den Abstand verkürzen und die Weichen stellen, um ab Sommer anzugreifen.
Ihre strenge Leistungskultur mögen nicht alle YB-Spieler.
Man hat mich geholt, damit die Young Boys besser werden. Ich beobachte die Spieler jeden Tag, und jeder hat bei mir seine Chance erhalten, sich zu beweisen.
Die YB-Leistungen waren in der Vorrunde teilweise harmlos. Gibt es dennoch Aspekte, die Ihnen gefallen haben?
Ja, sicher, wir gestalteten die grosse Mehrzahl der Partien dominant, ohne viele Gegentore zu erhalten. Die Balance ist gut.
Die Zugänge überzeugten nicht.
Ich erwarte von allen Spielern eine Steigerung in der zweiten Saisonhälfte. Eine Einzelkritik gibt es aber von mir in den Medien nicht. Was sicher ist: In der Offensive müssen wir entschlossener werden, jeder muss mehr Tore, mehr Assists und mehr Druck machen. Und der Integrationsprozess der neuen Spieler ist jetzt abgeschlossen.
Insbesondere Michael Silberbauer, als erfahrener Schlüsselspieler fürs zentrale Mittelfeld geholt, enttäuschte bisher.
Das sehe ich nicht so. Dank ihm standen wir in der Defensive gut. Bei ihm war manchmal die Mehrfachbelastung mit dem dänischen Nationalteam spürbar. Seine Verletzung gegen Ende der Vorrunde war deshalb kein Zufall. Wir werden im nächsten Jahr wieder einen Michael Silberbauer mit vollem Akku sehen. Ich wehre mich dagegen, alles schlechtzureden. Wir haben Fortschritte gemacht, unsere Leistungen zuletzt bei den 1:1-Unentschieden gegen Sion und in Thun waren in Ordnung, mit mehr Wettkampfglück hätten wir zweimal gewonnen.
Und wer war denn Ihr persönlicher YB-Spieler der Vorrunde?
David Degen gefiel mir zu Saisonbeginn, die Abwehrspieler agierten solid bis gut. Alexander Farnerud war insgesamt unser bester Spieler in der Vorrunde, er ist enorm wichtig, er arbeitet hart nach vorne und nach hinten.
Gibt es Dinge, die Sie falsch gemacht oder eingeschätzt haben?
Ich überprüfe meine Arbeit ständig. Ich will, dass mein Team in jeder Begegnung Vollgas gibt, ich bin ein offensiv und aktiv denkender Mensch, und es gab Partien, in denen das Team zu offensiv eingestellt war.
Zum Beispiel?
Im Heimspiel gegen Thun, drei Tage nach dem Europa-League-Hinspiel in Braga, wollte ich zu viel. Es war sehr heiss, die Spieler waren müde, da hätte ich pragmatischer vorgehen sollen. Das war ein Fehler, wir verloren 0:2.
Glauben Sie nicht, dass Sie unter den Äusserungen der YB-Besitzer leiden, die von der 3. Phase und vielen Titeln sprachen, die man nun gewinne? Die Erwartungen sind heute viel zu hoch.
Mit so einer Frage will man doch nur Gräben aufreissen. Die Stimmung ist okay, es gibt keine Probleme untereinander. Und es muss nicht nur für mich, sondern für jeden Mitarbeiter bei YB ein Anreiz sein, die Ambitionen der Besitzer zu teilen und alles dafür zu tun, die Ziele zu erreichen. Sollen die Vereinsverantwortlichen denn sagen, dass sie nach so vielen zweiten Plätzen und Cupfinalniederlagen einfach weiter immer die anderen siegen sehen wollen? Ich mag Leute mit mutigen Visionen.
Man hat bei YB zuletzt vor allem in den Staff investiert. Fordern Sie, wie einst in Basel bei Präsidentin Gigi Oeri, nun ständig neue, teure Fussballer?
Jeder Trainer verlangt immer neue Spieler, das ist normal. Aber ich habe zum Beispiel auch beim FC Basel junge Spieler gefördert, und ich werde dies auch bei YB tun. Es benötigt viele Diskussionen, und das macht die Sache ja auch spannend. Als ich bei YB unterschrieb, wusste ich, dass es kein Mäzenatentum gibt. Wir sind auf der intensiven Suche nach Verstärkungen für die Offensive, die wir uns leisten können.
Ein Stürmer und ein linker Mittelfeldspieler sollen auf Ihrer Wunschliste für diese Winterpause stehen...
...Sie werden von mir keine Namen hören. Unsere Liste ist noch sehr lang, wir werden sie jetzt abarbeiten, ich werde nun Spiele in Europa anschauen gehen. Wir können die Transferperioden im Winter und im Sommer nutzen, um das Kader qualitativ zu ergänzen. Zudem beobachte ich auch weiter jeden Spieler bei YB.
Es gibt YB-Akteure wie Mario Raimondi, Scott Sutter, Marco Schneuwly oder François Affolter, die bei Ihnen wenig Kredit geniessen, dazu kommen die überzähligen Verteidiger Emiliano Dudar und Hassan Lingani. Wollen Sie diese Spieler loswerden?
Lingani wird uns verlassen, Dudar wohl auch. Sonst muss man schauen, wie sich die Situation entwickelt. Derzeit will ich keinen Kaderspieler abgeben, zudem sind es ja verdienstvolle YB-Spieler, von denen wir hier sprechen. Affolter schätze ich sehr hoch ein, ihn werden wir bestimmt nicht verkaufen. Er hat das Gespräch mit mir gesucht und will natürlich mehr spielen, auch wegen der Olympischen Spiele im nächsten Sommer.
Warum spielt er nicht mehr?
Affolter ist nahe dran, aber Alain Nef und Dusan Veskovac waren in der zentralen Abwehr gut. Affolter ist mit 20 Jahren sehr jung, gerade für einen Innenverteidiger. Er sollte diese Saison auch als Lehrjahr betrachten. Das ist schwierig für ihn, weil er in den letzten Jahren Stammspieler war. Doch man muss im Fussball hart arbeiten, dann wird man belohnt. (Berner Zeitung)
Erstellt: 13.12.2011, 06:23 Uhr
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19 Kommentare
auch ich bin ein kritiker aber nach diesem interview habe ich doch etwas mehr verständnis mit chr.gross. einzig zum thema veskovac/affolter bin ich nicht einverstanden. die transfers von zverotic UND veskovac hätte sich yb sparen können und an dessen stelle einen oder 2 gute stürmer verpflichten sollen. s.sutter ist einer der besten aussenverteidiger und geht jetzt wohl nach england...... Antworten
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