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«Es gibt an YB-Spielen nicht mehr Gewalt als früher»

Von Tobias Habegger. Aktualisiert am 07.04.2011 31 Kommentare

Fürs Hochrisikospiel YB - Basel (Sonntag, 16 Uhr) stehen mehrere Hundert Polizisten im Einsatz. Das sei nötig, um die Fussballfans im Zaum zu halten, sagt der Stadtberner Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP). YB-Fan Clemens Friedli wehrt sich im Streitgespräch: «Die Polizei sollte ihr Dispositiv überdenken.»

Am selben Tisch: YB-Fan Clemens Friedli und der Stadtberner Gemeinderat Reto Nause (CVP) treffen sich zum Gespräch im Stade de Suisse.

Am selben Tisch: YB-Fan Clemens Friedli und der Stadtberner Gemeinderat Reto Nause (CVP) treffen sich zum Gespräch im Stade de Suisse.
Bild: Andreas Blatter

Die Personen

Clemens Friedli (27) aus Burgdorf ist seit über 15 Jahren YB-Fan. Er gehört zum harten Kern der YB-Fanszene und ist sowohl an Heim- wie auch Auswärtsspielen stets dabei. Der ausgebildete Kaufmann arbeitet als stellvertretender Geschäftsführer in einem kleinen Beratungsbüro, welches vor allem für Gemeinden und öffentliche Organisationen tätig ist. Während zweieinhalb Jahren war Clemens Friedli Co-Präsident der Fanarbeit Bern sowie während mehrerer Jahre im Vorstand von «gäubschwarzsüchtig», dem Dachverband der YB-Fans.

Reto Nause
(40) ist Gemeinderat der Stadt Bern. Seit 2009 leitet er die Direktion für Sicherheit, Umwelt und Energie (SUE). In dieser Funktion beobachtet er die YB-Fanszene.

Clemens Friedli haben Sie sich als Fussballfan schon mal geschämt?
Clemens Friedli: Ich stehe dazu, dass ich Fussballfan bin, und schäme mich deswegen nicht. Doch das Verhalten gewisser Leute an Fussballspielen nervt mich natürlich.

Gibt es nach Ausschreitungen negative Reaktionen aus Ihrem Umfeld?
Clemens Friedli: Ja, die gibts. Die meisten Leute wissen von meinem Engagement in der YB-Fanszene. Ich höre oft den Spruch «was habt ihr wieder gemacht?» Diese Personen sind meist durch einseitige Medienberichte informiert. Die Öffentlichkeit zeichnet ein schlechtes Bild über alle Fussballfans. Niemand redet oder schreibt über die Mehrheit, welche für die gute Stimmung und die Choreografien im Stadion verantwortlich ist.

Reto Nause: Die organisierten Fanclubs distanzieren sich halt kaum von den Krawallmachern. Dabei kennen sie die Personen, die regelmässig für Probleme sorgen. Weshalb werden diese Leute nicht ausgegrenzt?

Clemens Friedli: Dieser Vorwurf ist haltlos.

Wie distanzieren Sie sich von Gewalt, Herr Friedli?
Clemens Friedli: Die YB-Fanszene distanziert sich ganz klar von Gewalt. Im Kampf gegen Rassismus sind wir dank der Organisation «Halbzeit – Gemeinsam gegen Rassismus» sogar ein Vorzeigeklub. Die Fanarbeit und Exponenten der Fanszene nehmen ihre Verantwortung wahr. Die Zeiten sind längst vorbei, als im Wankdorfstadion schwarze Spieler mit Affengeräuschen und Bananen eingedeckt wurden. Aber Sie können doch nicht von uns erwarten, dass wir 30'000 Menschen im Griff haben.

Reto Nause: Aber die Fanszene könnte sich beispielsweise gegen Pyro-Fackeln in der Fankurve wehren. Doch sie toleriert und schützt Leute, die verbotene Feuerwerke abfeuern. Zudem werden in der Kurve Transparente mit vermummten Gestalten gezeigt. Das beinhaltet doch ganz klar ein gewaltverherrlichendes Element.

Müssen alle Fussballfans Sonntagsschüler sein, Herr Nause?
Reto Nause: Die Frage ist immer, wie weit die Rebellion geht. Darf man nach einer Niederlage die Mayonnaisetube im Stade de Suisse aufschlitzen?

Sie sprechen vom Spielereingang im Stade de Suisse. Dieser wurde nach dem Cupspiel YB gegen Zürich im März demoliert.
Clemens Friedli: Das dramatische Cupspiel hatte uns alle stark aufgewühlt. Als wir begriffen haben, was beim Spielereingang abgeht, war die Szene bereits vorbei. Aber klar: Solche Szenen wollen wir nicht.

In diesem Frühjahr geriet auch die Polizei in die Kritik. Reto Nause, haben Sie sich schon mal wegen übermotivierter Polizisten genervt?
Reto Nause: Nein. Es wundert mich sowieso, weshalb es überhaupt Polizisten braucht, um ein Sportereignis durchzuführen.

Ein YB-Match ohne Polizei – eine Illusion?
Reto Nause: Ich wäre gerne bereit, einen Feldversuch durchzuführen. Doch ich befürchte, dass wir danach in der Öffentlichkeit zerrissen würden, weil wir die Sicherheit nicht gewährleistet haben.

Clemens Friedli: Meine Erfahrung sieht anders aus: Wenn die Young Boys zum Beispiel in Neuenburg gegen Xamax spielen, sehe ich zehn bis zwanzig Polizisten. Diese tragen keine Kampfmontur, sondern eine normale Uniform. Obschon jeweils mehrere Tausend YB-Fans anreisen, gabs dort nie einen nennenswerten Zwischenfall.

Sie sagen, die Polizei sei das Problem?
Clemens Friedli: Ich will bloss anregen, dass auch die Polizei ihr Vorgehen und ihr Dispositiv überdenkt.

Reto Nause: Ich habe mehrmals die Ankunft der Gästefans im Extrazug miterlebt. Das Eindrücklichste war die Finalissima zwischen YB und Basel im Mai 2010. Als der Zug mit den FCB-Fans bei der S-Bahn-Station Wankdorf einfuhr, flogen Flaschen und Petarden aus den Fenstern. Die Stimmung war hochgradig aufgeheizt. Beim Stadion angekommen, versuchten die FCB-Fans sogleich, die Eingangstore aus der Verankerung zu reissen. Die Szenen waren brachial. Nur mit Gummigeschoss und Reizgas konnte verhindert werden, dass das Stade de Suisse gestürmt wird.

Wie hören sich Ihre Erlebnisberichte an, Clemens Friedli?
Clemens Friedli: Wenn ich im YB-Fanzug an ein Auswärtsspiel reise, dann spüre ich vor allem Vorfreude. Die Fans haben Spass. Manchmal freut man sich, dass wieder einmal so viele Leute an ein Auswärtsspiel reisen. Eine derart aggressive Stimmung, wie sie Reto Nause geschildert hat, erlebe ich im YB-Zug nicht...

Reto Nause:...Bis manche Fans aus dem Zug aussteigen und sich auf einmal durch die Polizei provoziert fühlen.

Clemens Friedli: Als friedlicher Fan, der sich noch nie was zu Schulden kommen lassen hat, fühle ich mich bei solchen Empfängen schon seltsam. Und ich frage mich, sind diese Hundertschaften nötig?

Was würden Sie anders machen?
Clemens Friedli: Ich wünschte mir Verhältnisse wie beispielsweise in der deutschen Bundesliga in Hannover. Wenn dort der Fanzug ankommt, steht der Polizeieinsatzleiter alleine und ohne Helm auf dem Perron. Mittels Megafon begrüsst er die Fans, stellt sich mit Namen vor und erklärt die Regeln und allfällige Sanktionen. Das gibt der Polizei ein Gesicht, und die Fans fühlen sich als Ansprechpartner ernst genommen.

Reto Nause: Den Einsatzleiter, der sich bei der Finalissima 2010 ohne Helm vor die Fans des FC Basel gestellt hätte, kenne ich nicht. Da gabs weit und breit kein Fan, mit dem der Einsatzleiter hätte reden können. Mir muss niemand erzählen, die Berner Polizei fahre zu aggressiv ein. Das Gegenteil ist der Fall: Auch bei Kundgebungen in der Innenstadt verschiebt sich die Polizei unauffällig in den Seitengassen. Sie greift erst ein, wenns wirklich nötig ist.

Was schlagen Sie vor, um die Ankunft der Gästefans in Bern zu beruhigen?
Reto Nause: Es ist die Fankultur, die sich radikal ändern muss. Der Staat hat das Gewaltmonopol und stellt die Regeln auf. Ohne die hohen Polizeiaufgebote käme es regelmässig zu einem Zusammenprall der Fangruppen. Und je nach Spielverlauf und Dramatik wären die Szenen krass.

Herr Friedli, Sie gehen seit vielen Jahren an die YB-Spiele. Wie wars früher?
Clemens Friedli: Bis vor zehn Jahren konnte ich ins alte Wankdorf gehen, ohne auf die Polizei zu treffen.

Reto Nause: Und was glauben Sie, weshalb das heute anders ist? Etwa, weil die kantonale Polizeidirektion Freude daran hat, dass Beamte aus dem ganzen Kanton den Samstagabend im Berner Nordquartier verbringen? Oder doch eher, weil die Krawalle tatsächlich zugenommen haben?

Clemens Friedli: Es gibt heute nicht mehr Gewalt als früher. Polizeistatistiken und Aussagen der Vereine und der Fussballliga belegen dies.

Können Sie das bestätigen?
Reto Nause: Bern hat heute tatsächlich wenig Zwischenfälle. Aber das ist so, weil wir die YB-Spiele mit grossen Polizeiaufgeboten und einem ausgeklügelten Sicherheitsdispositiv begleiten. Das hat im Jahr 2010 drei Millionen Franken gekostet. Auch ich will das Polizeiaufgebot markant reduzieren. Mein Ziel sind Verhältnisse, wie sie laut Clemens Friedli im alten Wankdorfstadion waren. Der neue Sicherheitszaun zwischen S-Bahnstation und Stade de Suisse wird helfen, dass die Polizei in Zukunft zurückhaltender agieren kann...

...Sie sprechen von dem Zaun, den Sie in dieser Zeitung vor kurzem einen Raubtierkäfig nannten.
Reto Nause: Nach diesem Ausdruck war die Kritik seitens der YB-Fans heftig. Ich wünschte mir, sie würden sich ebenso deutlich gegen Gewalt in ihren Reihen äussern.

Wie beurteilen Sie ihre Wortwahl mit Distanz?
Reto Nause: Für 99 Prozent der Fussballfans war diese Aussage falsch. Ich habe mich auf dem Forum der YB-Fans dafür entschuldigt.

Können diese 99 Prozent das Gewaltproblem lösen?
Clemens Friedli: Es lässt sich nie zu 100 Prozent verhindern. Deshalb brauchts auch die Polizei. Doch die Behörden sollte die Fanarbeiter ernster nehmen. Denn diese setzen bei den Ursachen an. Prävention ist ebenso wichtig wie Repression.

An die Adresse der Fanarbeiter kam schon die Forderung auf, diese müssten den Behörden die Namen von Übeltätern und Pyro-Zündern angeben?
Reto Nause: Sie müssen die Leute nicht verraten. Es würde mir reichen, wenn die Fanarbeiter die Gewaltvorfälle thematisieren und die Leute aus der Fankurve weisen. Die Chaoten müssen sich von den anderen ausgegrenzt fühlen.

Clemens Friedli: Das passiert. Es gibt Leute, die fahren nicht mehr im Extrazug mit, weil sie Mist machen und wir das nicht tolerieren. Nach Gewaltvorfällen gehen die Fanarbeiter die betreffenden Leute direkt an.

Glauben Sie das, Reto Nause?
Reto Nause: Ja, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Betreffend Pyro-Fackeln muss ich sagen: Da passiert gar nichts.

Clemens Friedli: Zum Klarstellen: Fackeln sind nicht mit Gewalt gleichzusetzen. Wir diskutieren aber intern über die Fackeln. Diese gehören seit Jahrzehnten zur Fankultur. Zudem sind die Fackeln teilweise ein Protest der Fans gegen die Polizeirepression. Das zeigt einmal mehr, dass ein Verbot das falsche Mittel ist. Nicht nur die Fans müssen sich ändern, auch die breite Öffentlichkeit. Nur so finden wir in Zukunft pragmatische Lösungen.

In welche Richtung ändern sich die Fans?
Clemens Friedli: Ich kann nicht für die Fankurve reden, sondern nur für mich alleine: Die Selbstregulierung muss stärker werden. Es braucht mehr Leute, die hinstehen und sagen: Das darf nicht passieren. Das schadet unseren Anliegen.

Haben Sie diesen Mut?
Clemens Friedli: Natürlich stehe ich hin. Das ist meine Verantwortung als Fussballfan. Doch es gibt schon ein paar wenige, bei denen auch mir der Mut zur Intervention fehlt. Diese Minderheit ist nur durch die die Polizei mit den bestehenden Gesetzen zu stoppen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.04.2011, 06:45 Uhr

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31 Kommentare

Michael Wittwer

07.04.2011, 09:28 Uhr
Melden 35 Empfehlung

Mein Gott... Herr Nause, wenn Fackeln Ihr grösstes Problem sind dann muss man sich doch wirklich fragen. Selten bis NIE wird dabei jemand verletzt. Ich würde mit Ihnen um eine sehr grosse Geldsumme wetten dass bei einer EINZIGEN 1. August-Feier massiv mehr Personen behandelt werden müssen als in der Geschichte des Schweizer Fussballs beim Fackelzünden insgesamt. Pro Pyro, gegen Böller und Gewalt! Antworten


Hanspeter Luginbühl

07.04.2011, 09:34 Uhr
Melden 20 Empfehlung

Herr Ruch, ich glaube Herr Friedli weiss dies sehr genau. Jedoch weiss er auch, dass Pyro seit je her zu Fussballspielen gehört und er verschliesst seine Augen nicht vor der Tatsache, dass es utopisch ist den Fans vorzuschreiben wie Sie Ihren Klub zu unterstützen haben. Pyrotechnik gehört genauso an einen YB Match wie Choreographien, Gesänge oder gelb-schwarze Fahnen. Antworten



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