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Die Nati braucht mehr Mut und Frische

Viele personelle Möglichkeiten bieten sich Ottmar Hitzfeld nach der ernüchternden, mutlosen Vorstellung bei der 1:3-Niederlage gegen England am Dienstag nicht. Der Nationaltrainer ist aber gefordert, mehr zu riskieren.

Chance verdient: Auf den 18-jährigen Xherdan Shaqiri (rechts)
sollte Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld endlich konsequent setzen.

Chance verdient: Auf den 18-jährigen Xherdan Shaqiri (rechts) sollte Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld endlich konsequent setzen.
Bild: Keystone

«Die Situation ist ernst»

Am Tag nach dem 1:3 gegen England referierte Ottmar Hitzfeld offen über die Mankos der Schweizer Equipe. Der Trainer beschönigte nichts: «Die Situation ist ernst, wir stehen mit dem Rücken zur Wand.» Ein geordneter Aufbau von hinten heraus sei momentan schwierig, fuhr der Selektionär fort. «Wir müssen uns beim Pressing etwas einfallen lassen.» Die Aggressivität habe gefehlt, der Respekt sei zu gross gewesen.

Hitzfeld mochte seine Enttäuschung oder Ernüchterung gar nicht erst verbergen und kritisierte seine Spieler hart. Aber der 18-jährige Torschütze Xherdan Shaqiri erhielt ein Sonderlob: «Er hat sich gegen England nachhaltig aufgedrängt.»

Weil zahlreiche Schweizer Fussballer im Ausland selten eingesetzt werden und zudem regelmässig verletzt sind, ist es für Ottmar Hitzfeld beinahe unmöglich, langfristig zu planen. Das ist nach der 1:3-Startniederlage gegen England in der EM-Qualifikation aber auch gar nicht nötig. In den zwei Partien im Oktober in Montenegro und gegen Wales geht es für die Schweizer Auswahl jetzt vor allem darum, nicht bereits früh den Anschluss an die mit zwei Siegen ausgezeichnet gestarteten Konkurrenten England und Montenegro zu verlieren.

Sutter – und Spycher?

Keinerlei Sorgen hat Ottmar Hitzfeld einzig bei der Besetzung des Torhüters: Diego Benaglio ist ein sehr sicherer Wert, Marco Wölfli ein starker Ersatz. Die Innenverteidigung mit Stéphane Grichting und Steve von Bergen steht ebenfalls fest – und ein bisschen für die Schweizer Solidität. Man könnte bösartig auch schreiben: fürs aktuelle Schweizer Mittelmass. Rechts hinten beginnen bereits die Probleme, da der undisziplinierte Stephan Lichtsteiner in Montenegro gesperrt sein wird. Philipp Degen (leidet derzeit am Pfeiffer-Drüsenfieber) dürfte bis dahin noch nicht genügend Spielpraxis besitzen. Ist das vielleicht die Chance für YB-Abwehrspieler Scott Sutter?

Auch hinten links drängt sich eine Berner Lösung auf, da Reto Ziegler zuletzt teilweise ein erhebliches Sicherheitsrisiko darstellte. Mit Christoph Spycher würde im linken Couloir defensiv Ruhe herrschen, allerdings hat der 32-Jährige ja seinen Rücktritt aus dem Nationalteam erklärt. Der YB-Führungsspieler steht nach eigenen Angaben nur in Notfällen zur Verfügung. Aber: Nach dem Fehlstart herrscht eventuell ja ein Notfall.

Yakin, Shaqiri und Stocker

Die nächste Baustelle folgt für Hitzfeld im Mittelfeld. Gökhan Inler und Pirmin Schwegler, die Zentrumsspieler, sind begabt, aber im Nationalteam selten in der Lage, für geordneten Spielaufbau zu sorgen. Vielleicht wäre gegen Länder wie Montenegro und Wales mal wieder Altmeister Hakan Yakin, falls fit, in einem Vierermittelfeld, zur Raute geformt, die Lösung. Yakin überzeugte bereits in der WM-Qualifikation beim 2:1-Sieg in Griechenland, nachdem sich die Schweiz gegen Luxemburg blamiert hatte. Hinter Yakin könnten Schwegler oder Inler agieren – und auf den Seiten hat der 18-jährige Xherdan Shaqiri endlich eine Chance als Stammspieler verdient. Shaqiri ist ein dribbelstarker, forscher, frecher Akteur, der sich nicht versteckt und tempofest ist. Auch ein anderer junger Basler, Valentin Stocker, würde für Mut und Offensive stehen. Tranquillo Barnetta und David Degen sind weitere Alternativen, ebenso natürlich Valon Behrami, falls er bei West Ham konstant eingesetzt wird.

Frei und Streller im Sturm

Das grösste Problemfeld ist der Angriff. Captain und Torjäger Alex Frei trifft das Tor im Nationaldress nicht mehr, und er ist in der Öffentlichkeit teilweise stark umstritten. Aber auch im Sturm bietet sich kurzfristig eine Variante aus der Super League an – derzeit sind die Auslandarbeiter einfach nicht überzeugend genug. Und möglicherweise würde Frei an der Seite Marco Strellers aufblühen – mit Yakin als Regisseur dahinter. Frei nicht mehr aufzubieten, wie es einige Beobachter wünschen, dürfte das Problem nicht lösen. Der Basler hat in Länderspielen gegen ebenbürtige oder schwächere Teams oft bewiesen, den Unterschied ausmachen zu können. Wünschenswert wäre, dass Frei mit Streller beim FCB endlich mal vier Wochen am Stück verletzungsfrei stürmen könnte. Derdiyok erreicht derweil wie andere Leistungsträger seine Performance im Nationalteam zu selten. Und der talentierte Angreifer Nassim Ben Khalifa spielt bei Wolfsburg nicht.

Panik ist aber nicht angesagt, noch kann die Schweiz die Euro 2012 erreichen. Montenegro ist kein Überteam und nicht annähernd so stark wie England, zumal Supertalent und Spielmacher Stevan Jovetic von der Fiorentina mit Kreuzbandriss monatelang ausfällt. Zu hoffen ist, dass Ottmar Hitzfeld seine konservative Spielweise überdenkt und bald optimistischen Fussball mit frischen, formstarken Kräften anbietet. Sonst fällt es den Zuschauern weiter schwer, sich mit dem Nationalteam zu identifizieren. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.09.2010, 07:32 Uhr

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1 Kommentar

heinz lüthi

09.09.2010, 11:08 Uhr
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Offensichtliches Hauptproblem scheint das mangelnde Selbstvertrauen der meisten Schweizer Spieler zu sein. Die Einsatzbereitschaft ist zum Teil richtiggehend mangelhaft ( Inler, Derdiok). "Angsthasenfussball " ( Querpässe noch und noch) ist die Folge. Ob der jetzige Trainer dies bis Oktober ändern kann? Sonst halt: Ade EM, ein ander Mal. Antworten



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