Das grosse Erbe des Schweigers

Der FC Thun trifft heute Abend in der Europa League auswärts auf Dynamo Kiew. Der ukrainische Spitzenverein ist ein Mythos. Und das liegt am genialen Fussballtrainer Waleri Lobanowski, der Dynamo Kiew jahrzehntelang prägte.

Stilprägender Revolutionär: Der legendäre Waleri Lobanowski modernisierte den Fussball wie kaum ein anderer Trainer vor oder nach ihm.

Stilprägender Revolutionär: Der legendäre Waleri Lobanowski modernisierte den Fussball wie kaum ein anderer Trainer vor oder nach ihm. Bild: Imago

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Ganz am Ende war er nur noch eine sterbende Legende, wenn er regungslos auf der Trainerbank sass, wie sein eigenes Denkmal, geradezu autistisch. Eine Herzkrankheit und viele andere gesundheitliche Beschwerden hatten Waleri Lobanowski schwer gezeichnet, und so war es kein Zufall, erlitt der Ukrainer im Jahr 2002 auf der Trainerbank einen Schlaganfall, an dessen Folgen er starb. Lobanowski wurde nur 63 Jahre alt, hatte den Fussball aber revolutioniert wie vielleicht kein anderer Trainer vor und nach ihm. An seiner Beerdigung nahmen mehr als 200'000 Menschen teil, nach seinem Tod wurde ihm der Titel «Held der Ukraine» verliehen, es ist die höchste Auszeichnung des Landes. Und: Auch das Fussballstadion Dynamo Kiews wurde nach ihm benannt.

Waleri Lobanowski steht wie kein anderer für den Mythos Dynamo Kiew. Generationen Trainer weltweit, von Arrigo Sacchi über Ralf Rangnick bis Thomas Tuchel beispielsweise, schwärmen von den Ideen des grossen Schweigers und emsigen Tüftlers. Rangnick sagte einmal, nachdem er eine Partie der Sowjetunion, trainiert von Lobanowski, gesehen hatte: «Es war, als ob Lobanowskis Team 14 Spieler auf dem Rasen hatte. Sie bewegten sich wie Schachfiguren und von Hand gezogen über den Platz.»

Schachbrett-Fussball

Waleri Lobanowski ist der riesengrosse Lehrmeister des ukrainischen Fussballs. Er transportierte sein Lächeln rar in die Welt, er sprach nicht viel und schon gar nicht mit Journalisten, er galt als Autokrat. Verschlossen, unfreundlich, hart. Sein Vermächtnis war dieser wunderbare Schachbrett-Fussball, den er in intensiven Forschungen in den Siebziger- und Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts in Kiew entwickelte. Er richtete eine umfassende Bibliothek mit Fachliteratur ein und beschäftigte über ein Dutzend Wissenschafter, die jedes Detail im Weltfussball analysierten, er schaute nahezu rund um die Uhr Partien am TV an und modernisierte die Systemlehre mit zwei Viererketten – und dem Verzicht auf einen Libero. Dynamo Kiew war die erste Equipe, die so agierte, und weil Lobanowski mit Oleg Blochin ein Weltklassespieler zur Verfügung stand, wurde der Torjäger Blochin wie kein Zweiter zur Symbolfigur für den Lobanowski-Fussball. Dabei erklärte der Startrainer einmal: «Das System ist immer grösser als der Einzelspieler.» Lobanowski forderte von seinen Fussballern grenzenlose Disziplin, Professionalität, Flexibilität und ging mit teilweise brutaler Strenge vor. Lobanowski förderte Karrieren – und verhinderte sie.

Tolle Erfolge mit Kiew

In der heutigen Medienwelt würde der kauzige Waleri Lobanowski mit grösster Wahrscheinlichkeit fürchterlich scheitern. «Ich habe sehr viel von ihm profitiert», sagte Blochin einmal. «Aber er war knallhart. Mich verband eine Hassliebe mit ihm.» Dreimal trainierte Lobanowski, der taktische Dinge oft stundenlang bei bitterer Kälte einstudieren liess, Dynamo Kiew (1973 bis 1982, 1984 bis 1990, 1997 bis 2002). Er war jahrzehntelang die starke Klubfigur. Und führte Kiew zu riesigen Triumphen wie dem Gewinn des Europacups der Pokalsieger 1975 und 1986. Lobanowski durchbrach die Dominanz der Moskauer Vereine in der sowjetrussischen Liga, aber er blieb stets ein Einzelgänger, der sich politisch nicht vereinnahmen liess und kaum Freunde besass. Sein Leben war der Fussball, und er hatte auch Erfolg als Nationaltrainer der Sowjetunion, die er 1988 in den EM-Final gegen Holland (0:2) führte.

Gegen Ende seiner Karriere war Lobanowski auch in den Emiraten sowie in Kuwait tätig, aber Geld interessierte ihn nur marginal. Letztlich starb er – und das passt zu seiner Lebensgeschichte – auf der Bank seines Lieblingsklubs. «Dynamo hat Lobanowski unglaublich viel zu verdanken», sagt Blochin. «Er war ein Genie.»

Heute ist Kiew bestenfalls die Nummer zwei des Landes hinter dem neuschwerreichen Serienmeister Schachtar Donezk. Je 13-mal wurde Dynamo russischer und ukrainischer Meister (letztmals 2009), je 9-mal russischer und ukrainischer Pokalsieger (letztmals 2007), und der frühere ukrainische Nationaltrainer Blochin, mit 432 Pflichtspielen und 211 Toren Rekordspieler und Rekordschütze des Klubs, ist seit einem Jahr als Trainer im Amt. Er soll den Verein zu neuer Blüte führen und das Erbe Lobanowskis verwalten. Er kann dabei nur scheitern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.10.2013, 07:38 Uhr

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