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Dämonen in der Schlüsselposition

Von Jens Weinreich. Aktualisiert am 14.02.2013

Die Dimensionen des Fussball-Wettbetrug sind immens: 680 gekaufte Spiele, 425 verdächtige Schiedsrichter, Spieler und Funktionäre. Doch der Kampf gegen die Wettmafia ist schwierig.

Gezinkte Spiele, verdächtige Fussballer, korrupte Funktionäre: Der Wettbetrug im Fussball hat gigantische Dimensionen. (5. Februar 2013)

Gezinkte Spiele, verdächtige Fussballer, korrupte Funktionäre: Der Wettbetrug im Fussball hat gigantische Dimensionen. (5. Februar 2013)
Bild: Keystone

Die Zahlen zum grössten Wettskandal des Fussballs

380 manipulierte Spiele. 300 weitere verdächtige Partien zwischen 2008 und 2011. 41 davon in der Schweiz. 425 korrupte Schiedsrichter, Spieler, Funktionäre und Kriminelle. 15 in den Skandal verstrickte Länder. Zwei Millionen Euro Schmiergelder. Es sind die neusten Erkenntnisse, die Europol am Anfang Februar aufdeckt und die zweifelsfrei belegen: Der Wettskandal im europäischen Fussball ist weitaus grösser als bisher angenommen, als die Staatsanwaltschaft im deutschen Bochum 2009 Ermittlungen führte. Aufgrund der Veröffentlichungen ist es allerdings schwierig zu erkennen, gegen wie viele der verdächtigen Partien nun eindeutige Beweise für eine Manipulation vorliegen und wie viele Spiele neu unter Verdacht stehen. Genaue Angaben zu Spielern, Clubs und Funktionären gibt es erst, wenn die Ermittlungen von Europol endgültig abgeschlossen sind. (Sl)

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Die Aufregung war gross, als die Europäische Kriminalbehörde Europol in der vergangenen Woche alarmierende Zahlen zum globalen Wettbetrug im Fussballgeschäft präsentierte. Von 680 gekauften und verschobenen Spielen auf der ganzen Welt, 425 verdächtigen Spielern, Schiedsrichtern und Funktionären und vom «grössten Betrug aller Zeiten» war da die Rede. Dabei hatte Europol-Direktor Rob Wainwright, der Kameras und Blitzlichter sucht, munter alte und neue Zahlen, aufgeklärte und unaufgeklärte Fälle durcheinandergewirbelt – und Ermittler in aller Welt damit verärgert. Der Sinn dieser PR-Nummer erschloss sich nicht vollends. Die Sinnhaftigkeit eines koordinierten Kampfes gegen die Wettmafia ist aber gegeben, und zwar auf allen Ebenen.

Ja, die Wettpaten – ob sie nun aus Singapur, Thailand, China oder Südosteuropa kommen – sind eine Gefahr für den Sport. Ja, die Welt ist klein geworden und moderne Kommunikationsmittel erleichtern Grossganoven das Abkassieren. Nur: Das alles ist nicht neu. Das weiss man seit vielen Jahren. Das weiss man aus zahlreichen Prozessen, ob nun in Bochum oder im vergangenen Jahr in Bellinzona. Jenseits der Aufgeregtheiten des Tagesgeschäfts empfiehlt sich deshalb eine Analyse der Lage. Und die sollte mit zwei grundsätzlichen Beobachtungen beginnen.

140 Milliarden Dollar Umsatz

Erstens ist nicht nur die milliardenschwere Fussballbranche von diesem Problem betroffen. Verbrechersyndikate haben viele andere Sportarten heimgesucht, olympische und nicht olympische wie zum Beispiel Cricket. Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), spricht vom «grössten Übel der Sportwelt». Im illegalen Wettgeschäft werden jährlich mindestens 140 Milliarden Dollar umgesetzt, Tendenz steigend.

Zweitens ist es natürlich nicht so, wie Joseph Blatter, Präsident des Fussball-Weltverbandes Fifa, stets verbreitet, wenn er von «den Dämonen» spricht, die den unschuldigen Sport heimgesucht haben. Die Dämonen besetzen im Sportbusiness Schlüsselpositionen. Blatter ist selbst einer. Er ist Teil des Problems und nicht seiner Lösung. Im Allgemeinen, weil er für ein Fifa-System des Gebens und Nehmens steht und es entscheidend prägt. Im Speziellen, wenn er, wie gerade beim Afrika Cup in Johannesburg, die Zahlen über manipulierte Spiele relativiert und die Gefahr kleinredet.

Markt der Zukunft für die Mafia

Etliche Wesensmerkmale des Sportgeschäfts helfen der Wettmafia bei der Arbeitsverrichtung: etwa intransparente Strukturen, grassierende Vetternwirtschaft und schwer korrupte Funktionäre. Und kaum ein Verband, ob national oder international, hat einen so überzeugenden «Code of conduct» wie etwa Swiss Olympic. Wobei ein solches Regelwerk allein kriminellen Verlockungen und Mechanismen natürlich nicht Einhalt gebieten kann.

«Der Sport ist in Gefahr», erklärt IOC-Boss Rogge stets, «der gesamte Sport, nicht nur die Olympischen ­Spiele.» Und der Deutsche Helmut Spahn, Geschäftsführer des International Centres for Sport Security (ICSS) in Doha, sagte gerade im Nachrichten­magazin «Der Spiegel», dass das Sportgeschäft für die organisierte Krimi­nalität «attraktiver als der Drogenhandel» sei, für die Mafia sei es «der Markt der Zukunft».

Firma für Überwachung

IOC-Präsident Rogge hatte im März 2011 etliche Sportminister – wie Ueli Maurer (SVP) – und Kriminalisten zu einem Gipfel geladen. Dabei waren auch Experten von Interpol des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung. Das IOC hat bei den Sommerspielen 2008 in Peking erstmals Bewegungen auf dem Wettmarkt beobachtet und dabei mit der Firma EWS – «Early Warning System» – des Weltverbandes Fifa kooperiert.

Ein Jahr später gründete man in Meilen die eigene Firma ISM (International Sports Monitoring), deren Dienste sämtlichen 35 olympischen Sportverbänden zur Verfügung stehen. 2010 bei den Winterspielen in Vancouver und 2012 in London übernahm ISM die Überwachung. Über die Wirksamkeit der Screening-Software, im Fussball und überhaupt, und darüber, ob Konzerne wie die Fifa und die europäische Fussball-Union Uefa es tatsächlich ernst meinen mit ihren Bemühungen, wurde nach der Europol-Verkündung einmal mehr debattiert. Die Diskussion ist allerdings von Lobbyisten geprägt.

IOC verspricht Massnahmen

Das IOC versprach 2011 einschneidende Massnahmen in einem durchaus spektakulären Katalog. Rogge wollte, dass reguläre Wettanbieter einen kleinen Teil ihres Umsatzes – man spricht von mehr als einer Milliarde Euro pro Tag! – an die Sportverbände abgeben. Aus diesen Mitteln liesse sich leicht eine branchenübergreifende Agentur zur Bekämpfung der Wettmanipulationen finanzieren. Ein Gedankenspiel, mehr nicht. Seither hat man kaum wieder etwas davon gehört.

Die Gründung einer weltweiten Anti-­Korruptions-Agentur (Waca) analog zur Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), von Mahnern und Ermittlern immer wieder gefordert, ist in Sport und Politik ohnehin nicht mehrheits­fähig. Man schaue sich nur an, wie schwer sich die Schweiz seit Ewigkeiten damit tut, den Ganoven unter den Sportfunktionären das Handwerk zu legen und endlich Sportkorruption unter Strafe zu stellen.

Olympia verhindert Besserung

Immerhin ist die Initiative, Bestechung von Privatpersonen (Sportfunktionären) als Offizialdelikt anzusehen und damit ins Kernstrafrecht einzugliedern, noch nicht vom Tisch. Angeblich wird auch die Einführung eines Straftatbestands «Sportbetrug» geprüft. Nur dürften derlei Überlegungen angesichts einer möglichen Olympiabewerbung Graubündens für die Winterspiele 2022 im Berner Parlament eher eingefroren werden. Man will es sich mit dem IOC nicht verscherzen.

Eine Waca könnte Informationen zum Wettbetrug sammeln und analysieren, Regierungen, Verbände und Polizeibehörden beraten und Massnahmen koordinieren. Eine solche Waca müsste sich aber nicht nur mit Wettsyndikaten, sondern auch mit der endemischen Korruption in den Verbänden selber befassen. Dazu wird es nicht kommen.

Ein verlogener Kreislauf

Konzerne wie das IOC oder die Fifa, die jährlich mehr als eine Milliarde Euro umsetzen, die Steuervergünstigungen und Subventionen geniessen, aber nur nach dem Schweizer Vereinsrecht organisiert sind, verweigern sich weiter allen Kontrollmechanismen. Von den wichtigsten Anti-Korruptions-Konventionen sind sie nicht erfasst. Das Sportbusiness geniesst seine rechtliche und steuerliche Grauzone – auch deshalb läuft es wie geschmiert.

Wenn nun zunehmend die am Persischen Golf ansässige ICSS in Aktion tritt, Konferenzen ausrichtet – im März folgt schon die nächste («Securing Sport») – und eine Vorreiterrolle übernimmt, wird es absurd: Denn die ICSS wird vom Emir Hamad von Katar gesponsert, sie ist Teil einer mit gigantischen Finanzen ausgestatteten Offensive, die vor allem dadurch Schlagzeilen macht, dass der Emir, der den halben Weltsport aufkauft, einer Art Staats­korruption verdächtigt wird. Die Vergabe der Fussball-WM 2018 an Katar ist nur die Spitze des Eisberges.

Zu den Lebenslügen des Sports gehört übrigens auch, dass einerseits das illegale Wettgeschäft als Gefahr beschworen wird, man zugleich aber mit legalen Sportwetten abkassiert. Es ist ein verflixt verlogener Kreislauf, denn das sogenannte legale Wettgeschäft spielt natürlich auch mit der Sucht der zahlenden Kunden – und heizt gleichzeitig das sogenannte illegale Wettgeschäft an. Denn wer legt fest, wer die Guten und wer die Bösen sind? Die Grenzen sind, wie immer im Leben, fliessend. (Basler Zeitung)

Erstellt: 14.02.2013, 13:27 Uhr

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