Sport
Der Lauf zum Ernst des Lebens
Von JĂĽrg Steiner. Aktualisiert am 17.04.2009
Tief drinnen wohl ein Melancholiker. Der Autor in mönchischer Trance am Aargauerstalden. (Bild: Urs Baumann)
Das Buch
Andreas M. Marlovits: Dem Geheimnis des Laufens auf der Spur. LAS-Verlag, 2008, 192 Seiten, ca. Fr. 27.-.
Er ist ein Monster. Der 600 Meter lange Boulevard, der unter blühenden Bäumen eigentlich sanft ansteigt, vom Bärengraben müde 45 Höhenmeter überwindet hinauf zum Rosengarten und einen wunderbaren Blick auf Berns Altstadt freigibt, ist schmerzhaft. Nur einmal im Jahr, dafür richtig. Heute Samstag ist es so weit, und man kann den Eintritt des Schmerzes fast auf die Minute voraussagen (wenn alles gut geht): Kurz nach 17 Uhr, nach einer guten Stunde und 14 gelaufenen Kilometern, nur noch eineinhalb Kilometer vom rettenden Ziel entfernt. Dann kommt er, der Aargauer- stalden. Und es ist erstaunlich, was er mit einem macht.
Wie ein Kenianer?
Man wünscht sich in der Linkskurve beim Bärengraben ein paar Sekunden lang nichts sehnlicher, als diesen Stutz einmal hinaufzufliegen wie ein Kenianer, leicht wie eine Gazelle, unbeschwert wie ein Schmetterling, glücklich wie ein Kind. Man glaubt jedes Jahr, diesmal könnte es soweit sein. Aber der wunderbare, kleine, private, euphorische Traum, der so verführerisch ins Hirn dringt, dauert meistens nur Sekunden. Denn wie die mächtige Pranke eines Monsters packt einem im gleichen Moment von hinten die unbarmherzige Realität – man spürt nur die trockene Kehle, den hechelnden Atem, die schweren Beine. Und weiss schon, was jetzt beginnt: Es sind nicht die übersäuerten Muskeln in den Waden, Oberschenkeln, im Gesäss, die das grösste Problem sind. Es sind auch nicht die zwei Kilogramm Körpergewicht, die einem laut einer Milchbüchleinrechnung der Läuferszene eineinhalb Minuten schneller machen würde, wenn man sie denn abgespeckt hätte. Nein! Weh tut uns die gnadenlose Konfrontation mit der eigenen Persönlichkeit, die uns der Aargauerstalden aufzwingt.
Zum Kern des Ichs
Im Alltagsleben sind wir uns gewohnt, uns selber ins beste Bild zu rücken, ein gesellschaftstaugliches Image von uns abzugeben, uns schönzufärben. Man tut viel, damit man gesehen wird, wie man gerne gesehen werden möchte. Man gibt sich cool, offen, überlegt, sozial, entspannt. Und schafft es locker, Ehrgeiz, Ich-Bezogenheit, Geltungsdrang, Verbissenheit zu übertünchen.
Am Aargauerstalden geht das nicht mehr. Es ist, als ränne mit jedem Schweisstropfen ein Stück Persönlichkeitsmaskerade davon. Dumpf realisiert man, dass man sich jetzt vor Tausenden von Zuschauern entblättert bis zum Kern des eigenen Ichs. Es gibt keinen Weg zurück. Eine Schwäche zeigen, sich blamieren – im Wissen, dass vielleicht der Chef am Strassenrand steht und einem grinsend anfeuert. Oder die Bürokollegen. Oder die eigenen Kinder. Geht nicht. Denn das hier – das ist die Einsamkeit des Langstreckenläufers. Und der Ernst des Lebens.
Man weiss, dass man jetzt auch genauso aussieht. Das Gesicht zur ehrgeizigen Fratze verzogen, den Blick egomanisch nach innen gerichtet, verzweifelt rudernde Arme und vor Erschöpfung steife Beine schieben den Körper Richtung Rosengarten: die Inkarnation der Verbissenheit. Nie wollte man sich so zeigen. Und jetzt passiert es trotzdem.
Die Seele läuft und leidet
Der Transpiration der verborgenen inneren Werte nach aussen sind fast alle wehrlos ausgeliefert. Am Aargauerstalden können Zuschauerinnen und Zuschauer beobachten, wie Läuferinnen und Läufer in ihrer Obsession auf ein paar Archetypen des Menschseins reduziert werden. Sanguiniker treibt die Mühsal zu wilden Faxen. Melancholikerinnen laufen schweissgebadet in mönchischer Trance. Choleriker spucken und fluchen den Strassenbelag voll. Und Phlegmatikerinnen ergeben sich dem Schicksal, rennen mit entrücktem Blick der Erlösung zu.
Man möchte in diesem Moment gerne einen Psychologen fragen, warum man sich das antut und worin wirklich das Glück besteht, das man dabei sucht – und vielleicht findet.
Der Österreicher Andreas Marlovits, 43, wäre am Aargauerstalden die ideale Auskunftsperson. Denn er kennt sich in der Psyche von Hobbyläufern aus wie wenige andere. Marlovits ist Laufpsychologe. Für ein Forschungsprojekt, dessen Ergebnisse er eben in einem Buch publiziert hat, legte er 100 Freizeitjogger für mehrstündige Tiefeninterviews auf die Couch. Was sie erzählten, bestätigte ihm: Laufen ist nicht nur eine Sache des Körpers. Sondern vor allem der Seele.
Es läuft, es denkt
Gerne schwadroniert man, dass Läuferinnen und Läufer mit der Ausschüttung von Glückshormonen, den Endorphinen, für ihre Efforts entschädigt werden. Der Jogger als durchtrainierter, selbstversorgender Drogenkonsument. Nur, hält Marlovits am Telefon fest, streiten Wissenschaftler nach wie vor, ob diese Botenstoffe wirklich ausgeschüttet werden. Deshalb versucht er, die Psychologie des Laufens neu zu verstehen.
Letztlich, sagt Marlovits, sei Laufen eine subtile und ziemlich anstrengende psychische Arbeit, ausgelöst durch die monotone, gleichförmige Bewegung. Dieser Rhythmus übernimmt die Funktion, die Ritualtänze bei Naturvölkern innehaben. Mit der Gleichschaltung von Bewegungstempo und Atmung befördert man sich in einen körperlichen Zustand, in dem die Mechanismen des Traumes den Seelenzustand bestimmen. Man läuft nicht mehr – es läuft. Man denkt nicht mehr – es denkt. Laufen löst die Distanz zwischen dem Ich und der Welt auf, man kehrt zurück in einen wohligen, fast embryonalen Zustand. «Das Kunststück und die Kraft des Laufens bestehen darin», formuliert Marlovits, «eine Art Tagträume herbeizuführen.»
Das Ego, kaputt am Boden
Träume, in denen einem plötzlich gute Ideen zufallen. Eine originelle Lösung für ein Alltagsproblem. Ein passendes Wort zur Schlichtung eines Streits. Aber in denen auch die Gefahr der Versuchung schlummert – denjenigen Schwierigkeiten in der Realwelt, die man träumend nicht auszuräumen vermag, davonzulaufen. «Man muss», sagt Marlovits dazu, «sich als Läufer aufmerksam beobachten.»
Und der Blick in den Spiegel geht tief. An einem Lauf wie dem Grand Prix macht die Seele nach Marlovits Erkenntnissen mehr mit als der Körper. Man startet selbstbewusst, glaubt an sich, das Ego ist gross. Dann, nach der Hälfte der Distanz vielleicht, kommen mit der Müdigkeit die Zweifel, die immer grösser werden, bis man unten am Aargauerstalden steht und vom Monster gepackt wird.
«Diese Krise des Läufers», beschreibt Marlovits das Martyrium am Aargauerstalden, «ist eine Krise des Ichs.» Man wird fundamental in Frage gestellt. Was einem bis hier getrieben hat, hilft nicht mehr weiter. Das Ego ist entblösst, am Boden, für alle sichtbar. Nichts geht mehr.
Kleines GlĂĽck ganz gross
Genau das ist der entscheidende Moment. Hier, in der tiefsten Krise, beginnt die Auferstehung – sagt der Psychologe. Man lässt das Ego los und überlässt sich den Anfeuerungsrufen des Publikums, dem Rhythmus der Bands, dem innersten Traum. So kann, wie bei einem religiösen Ritual, das Ich neu auferstehen,. In der Freiluftkirche am Aargauerstalden.
Der Langstreckenläufer kehrt aus der Einsamkeit zurück. Der Ernst des Lebens hellt sich auf. Und das kleine Glück wird ganz gross. Amen.
Der Autor: Jürg Steiner (juerg.steiner @bernerzeitung.ch) ist «Zeitpunkt»-Redaktor. (Berner Zeitung)
Erstellt: 17.04.2009, 16:46 Uhr



