Die ungarische Dominatorin des Frauenlaufs
Aniko Kalovics ist Ungarin. Es scheint aber, als sei Bern zu ihrer zweiten Heimatstadt geworden. «Die Rennen in Bern sind die schönsten Strassenrennen, die ich kenne. Ich mag die Stadt, und die Atmosphäre bei den Anlässen ist fantastisch.» Immer wieder nimmt die 33-Jährige am GP und am Frauenlauf teil und klassiert sich in den vordersten Rängen. Sechs 2.Plätze zieren ihr Palmarès, und vier Siege: 2006 und 2010 am GP, 2007 und 2010 am Frauenlauf. Beide Anlässe im selben Jahr zu gewinnen, gelang ihr aber erst in diesem Jahr: Innert drei Wochen entschied sie den GP und den Frauenlauf für sich und sagte anschliessend: «Ich bin sehr glücklich. Für mich wäre es allerdings noch besser, wenn die Strecken hier flach wären.» Bern ist jedoch eine hügelige Stadt, was der Liebe Kalovics’ zur Bundesstadt keinen Abbruch tut. «Wenn es möglich ist, komme ich im nächsten Jahr wieder», kündigte sie an. Kalovics wird nun am nächsten Wochenende versuchen, in Budapest die ungarische EM-Limite über 5000 Meter von 15:35 Minuten zu unterbieten. Dort könnte sie auf ihre härteste Gegnerin von gestern treffen: Sabine Fischer.
Schweizer Protagonistinnen mit speziellen Geschichten
Womit wir bei den drei wichtigsten Schweizer Protagonistinnen angelangt wären, die alle ihre spezielle Geschichte zu erzählen haben. Sabine Fischer beendete hinter Kalovics das Rennen auf Platz 2. Die Primarlehrerin und Psychologiestudentin, die Ende Juni 37 Jahre alt wird, machte vor fast einem Jahrzehnt auf internationaler Ebene auf sich aufmerksam. An den Olympischen Spielen 2000 in Sydney belegte sie über 1500 Meter den 9. Platz, ein Jahr später an der WM in Edmonton den 13. Rang. Im Oktober 2002 zog sie sich jedoch nach ihrem vierten Ermüdungsbruch vom Spitzensport zurück. «Von Rücktritt habe ich aber nie gesprochen», meinte die heute in Glarus wohnhafte Läuferin gestern. Fischer ist wieder bei neun bis zehn Trainingseinheiten pro Woche angelangt und trat erstmals überhaupt am Frauenlauf an. «Er passte bis jetzt nicht in meine Saisonplanung. Als Pacemakerin durfte ich jedoch bereits erleben, wie toll die Stimmung ist.» Fischer hat mit 15:41,50 die weniger strenge Schweizer Limite (15:50) für die EM in Barcelona schon erfüllt und will in Spanien «Schritt für Schritt laufen. Erst einmal will ich den Vorlauf überstehen.»
Bereits für Barcelona qualifiziert ist auch Martina Strähl. Die 23-jährige Solothurnerin, die an der EM über 10'000 Meter antreten wird, lief als Vierte ins Ziel. Strähl trainiert fast ausschliesslich auf dem Rad und fährt sich vor Rennen auf der Rolle ein, statt sich einzulaufen. Gestern suchte sie in der Nähe des Starts ein Fitnesscenter auf und erlebte eine unliebsame Überraschung. «Ich musste 30 Franken bezahlen, obwohl ich zu erklären versuchte, wer ich bin.» Strähl war glücklich, erstmals seit dem 1.Mai einen Wettkampf beendet zu haben. «Wenn ich auf der Rolle einfahre, geht mein Puls hoch. Am Start bin ich jeweils schnell warm», erklärte Strähl ihren schnellen Beginn, als sie an der Spitze des Rennens anzutreffen war.
Einzigartige Stimmung
Die Geschichte von Mirja Jenni, der Siegerin von 2008, ist wiederum eine andere. Die Seeländerin, die das Rennen als Fünfte beendete, musste sich im September 2008 an beiden Fersen operieren lassen. Noch vor drei Wochen strahlte sie nach ihrem Erfolg am Altstadt-GP, doch mittlerweile sind die Fersenprobleme wieder aufgetreten. Einen Versuch, über 10'000 Meter die EM-Qualifikation zu schaffen, musste die 34-Jährige abbrechen. «Am letzten Mittwoch habe ich noch mit Sabine Fischer trainiert. Erst da habe ich entschieden, dass ich am Frauenlauf starten kann», erzählte Jenni. «Ich muss jetzt vorsichtig sein, auch wenn mir das manchmal schwerfällt.» Mangels geeigneter Startgelegenheiten ist eine EM-Qualifikation über 10'000 Meter kein Thema mehr. In zwei Wochen wird die Seeländerin in Nottwil über 5000 Meter antreten. Als sich die Spitzenläuferinnen längst von der Strecke entfernt hatten, waren noch manche der insgesamt 12'551 Läuferinnen unterwegs, die sich am 24. Frauenlauf auf Berns Strassen bewegten. Wegen der zeitlichen Nähe zum GP (3 Wochen) und des langen Winters hatten sich 404 Frauen weniger als im letzten Jahr angemeldet. Wer da war, genoss aber wiederum die einzigartige Stimmung im Herzen Berns. Auch Aniko Kalovics. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 14.06.2010, 08:31 Uhr
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