Der Hauptdarsteller leidet im vierten Gang
Von Micha Jegge. Aktualisiert am 25.05.2010
Viktor Röthlin (links) zollt dem hohen Anfangstempo Tribut. (Bild: Andreas Blatter)
Die Frage des Tages bleibt unbeantwortet. Viktor Röthlin, auf der Berner Grand-Prix-Bühne einer von über 25'000, aber unbestritten der Hauptdarsteller, verkündet leise, aber gefasst, er sehe sich gezwungen, den im Vorfeld des Volkslaufs angekündigten Entscheid zu vertagen. «Ich bin in einer blöden Situation, weil ich gerne bekannt geben würde, ob ich an der EM in Barcelona starte oder mir mehr Zeit gebe und den New-York-City-Marathon bestreite», sagt der 35-Jährige. «Rein emotional müsste ich mich gegen Spanien entscheiden»; rational betrachtet, spreche jedoch nur die «ungenügende Leistung» in Bern für die zweite Variante. «Die Ferse hat mir keine Schwierigkeiten bereitet. Wenn ich jetzt absage, danach jedoch gut trainiere und in zwei Monaten gute Beine habe, würde ich mich grün und blau ärgern.» In diesen Momenten offenbart sich, weshalb der ehemals schnellste weisse Marathonläufer der Welt vor dem GP festgehalten hat, infolge seiner gesundheitlichen Probleme habe er «ein gewisses Vertrauen in meinen Körper verloren».
Rückblende. Der Start zum 29.GP von Bern steht kurz bevor; Moderator Jörg Christen interviewt die Protagonisten der «schönsten zehn Meilen der Welt». Röthlin sagt, nach seinen Lungenembolien und der Fussoperation fühle er sich, «als wäre heute Weihnachten, Geburtstag und Hochzeitstag. Es ist wunderschön, wieder in Bern laufen zu können. Wenn 25 000 von hinten drücken, muss es ja gut kommen.» Die Zuschauer quittieren die Aussagen mit frenetischem Beifall – Röthlins Marktwert basiert nicht nur auf seinen sportlichen Qualitäten. Mike Schmid, welcher den Startschuss abfeuern wird, ist eher nicht zum Entertainer geboren. Mit seiner Mütze, auf welcher der Schriftzug eines orangen Riesen zu erkennen ist, wirkt der sympathische Skicross-Olympiasieger, als wäre er in den falschen Zug gestiegen. Rund um den Frutiger dominiert das Logo des noch grösseren orangen Riesen, welcher für die Verpflegung der Läufer und Helfer verantwortlich zeichnet. «Hut ab vor all jenen, die hier mitmachen», sagt Schmid zu den Massen. Die Organisatoren wären kaum unglücklich, würde sich der Hüne seiner Mütze entledigen.
Das Anfangstempo ist hoch – zu hoch für Marathonspezialisten, wie sich herausstellen sollte. Daniel Chebii setzt sich ab, überholt am Aargauerstalden die nachmalige Siegerin Aniko Kalovics; die besten Frauen sind sieben Minuten vor den Männern gestartet. Der Afrikaner gewinnt den zweiten Wettkampf jenseits der kenianischen Landesgrenzen; im ersten reihte er sich über zehn Kilometer auf der Strasse gleich einmal in den Top Ten der Jahresweltbestenliste ein. Manager Alexander Hempel wird später festhalten, für Chebii gehe es darum, sich einen Namen zu schaffen – in Bern hat der Deutsche für seinen Klienten sogar noch Startgeld bezahlt. Die nächste Chance bietet sich am 2.Juni in Kassel. Dort soll Chebii über 5000 Meter als Tempomacher eingesetzt werden – und den Deutschen Arne Gabius (im übertragenen Sinn) nach Barcelona ziehen.
Maja Neuenschwander hat das Ticket nach Katalonien bereits in der Tasche. Die Marathonläuferin aus Hinterkappelen zieht sich bravourös aus der Affäre, beendet das Rennen als Dritte, beste Schweizerin und – trotz hoher Temperaturen – nur zehn Sekunden über ihrer Bestzeit. Jenseits vergangener Tage bewegt sich indes Anita Weyermann. Das bekannteste Gesicht der Berner Laufszene, seit dem Rücktritt vor zwei Jahren als Hobbysportlerin unterwegs, benötigt elf Minuten mehr als Neuenschwander. Hart sei es am GP immer gewesen, meint die 32-Jährige, welche das Herz mitunter auf der Zunge trägt. «Aber es ist viel länger hart, wenn man so langsam ist wie ich.» Das Tagwerk der einstigen WM-Bronzemedaillengewinnerin über 1500 Meter umfasst nicht nur die 16 Kilometer. Vor dem Wettkampf hatte die für Radio Berner Oberland als Reporterin tätige Gümligerin ein Gespräch mit Mike Schmid aufgezeichnet, ehe sie für die Delegation eines Grossbetriebs das Aufwärmen leitete.
Nachdem er seinen Nichtentscheid verkündet hat, ist Viktor Röthlin bestrebt, vorwärtszuschauen. «Wer umfällt, steht auch wieder auf», sinniert er an der Medienkonferenz, um sogleich wieder zurückzufallen. Das Publikum möge ihm die Aussage verzeihen, aber er habe soeben die «hässlichsten zehn Meilen» in seiner Karriere bewältigt und dabei die Einsicht erlangt, «dass ich für Kilometerzeiten unter drei Minuten noch nicht bereit bin», resümiert der Tokio-Marathon-Gewinner des Jahres 2008. «Ich hatte immer vom sechsten Gang gesprochen, nun vermochte ich nicht einmal in den fünften zu schalten.» Es ist kein Prophet, wer vermutet, die Verarbeitungsphase sei morgen noch nicht abgeschlossen.
Mittlerweile ist auch Anita Weyermann eingetroffen. Sie hält Röthlin das Mikrofon unter die Nase und fragt ihn, weshalb er auf den ersten fünf Kilometern so viel Zeit eingebüsst habe. Der Obwaldner erwidert grinsend, «ich wollte auf Anita Weyermann warten – aber sie ist einfach nicht gekommen.» Röthlin hat, um es in seinen Worten zu sagen, «eines auf den Deckel gekriegt», den Humor darob aber nicht verloren. (Berner Zeitung)
Erstellt: 25.05.2010, 07:53 Uhr
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