Tanja Frieden: «Ich bin fokussiert auf die fünf Ringe»
Von Adrian Ruch. Aktualisiert am 02.02.2010
Die «Torino 2006»-Fackel als Symbol. «Das innere Feuer, das in Bardonecchia entzündet wurde, trägt mich nach Vancouver», sagt die Thunerin Tanja Frieden. (Bild: Andreas Blatter)
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«Sie braucht das Messer am Hals»
«Bei uns beiden stehen die sportlichen Ziele derzeit im Vordergrund, wobei für Snowboarder Olympische Spiele noch wichtiger sind als für Skifahrer. Weil der Snowboard-Weltcup einen vergleichsweise geringen Stellenwert hat, bekommen die Athleten nur im Umfeld von Olympia die Aufmerksamkeit, die sie verdienen. Tanja richtet ihr Leben derzeit explizit auf Vancouver, ihr letztes grosses sportliches Ziel, aus. Sie arbeitet extrem professionell, auch im mentalen und physischen Bereich. Ich spüre bei ihr eine gewisse Nervosität, Anspannung. Doch ich bin zuversichtlich – sie braucht das Messer am Hals. Sie versteht es, aus Druck positive Energie zu schöpfen.»
Stefan Abplanalp ist Tanja Friedens Partner. Er ist Trainer der Speed-Gruppe innerhalb des Schweizer Frauenskiteams.
Wie abgemacht bringt Tanja Frieden zwei Utensilien zum Fototermin am Thunersee mit. Die Goldmedaille, welche sie nach ihrem Überraschungscoup in Turin als «Plämpu» bezeichnete, steckt unverpackt in der Handtasche. Aus dem Kofferraum zaubert die Olympiasiegerin im Snowboardcross eine blaue, schwere Fackel hervor. Es ist ein Originalstück mit eingraviertem «Torino 2006»-Logo. Sie habe sie mit der Hilfe eines italienischen Bekannten aus einem Restposten erstanden, erzählt die 33-Jährige. Entzündet hat Frieden die Fackel freilich noch nie, aber sie dient ihr als Symbol. «Olympia ist mein Ding. Das innere Feuer, das in Bardonecchia entzündet wurde, trägt mich nach Vancouver. Es bildet seit vier Jahren meine grosse Motivation, alle Strapazen durchzustehen.»
Tanja Friedens Leben ist völlig auf die Olympischen Spiele ausgerichtet; dem Ziel, in Vancouver dabei zu sein, ordnet sie alles unter. Formsache ist die Selektion keineswegs. Der Schweizer Snowboardcross-Equipe gehören sechs Weltklassefahrerinnen an, doch Startplätze gibt es pro Nation maximal vier. Aus Kolleginnen werden zwangsläufig Konkurrentinnen. Die Thunerin beschreibt die Situation ungeschminkt und ehrlich: «Alle im Team kennen die Ausgangslage: Zwei werden nicht nach Vancouver reisen dürfen. Wir haben Respekt voreinander, aber wir sind Einzelsportler. Daher interessiere ich mich vor allem für mich. Wichtig ist letztlich, dass mein Name auf der Liste steht. Ich bin sicher: Die anderen denken genau gleich.»
«Ich gehöre nach Vancouver»
Tanja Frieden steht diese Woche in Veysonnaz unter Zugzwang. Drei Schweizerinnen haben bisher bessere Ergebnisse vorzuweisen. Letzte Woche scheiterte die Thunerin in Bad Gastein gar in der Qualifikation. Die Analyse fällt kurz und schonungslos aus: «Dieses Rennen habe ich verbockt.» Offenbar brauche sie die Spannung, sagt die schweizerisch-norwegische Doppelbürgerin schmunzelnd. «Es war noch nie nicht knapp, insofern ist die Situation für mich nicht neu. Es gibt nur eines: Vollgas geben.» Frieden ist eine selbstbewusste, zielorientierte Person. Zweifel wischt sie gerne weg. «Ich habe mir auch schon gedacht: Was ist, wenn es nicht reicht? Doch das sind nur ganz kurze Momente, Kurzschlüsse in meinem System. Ich weiss, dass dieses andere Szenario existiert, doch ich halte mich mit solchen Gedanken nicht lange auf, denn ich gehöre nach Vancouver.»
Olympiasiegerin wurde Frieden am 17.Februar 2006, weil sich die Amerikanerin Lindsey Jacobellis überschätzte, in Führung liegend kurz vor dem Ziel eine Showeinlage wagte und stürzte. Aus Silber wurde Gold – und Frieden eine öffentliche Person. Die ebenso attraktive wie eloquente Bernerin wurde «Schweizer Sportlerin des Jahres», Hauptdarstellerin eines Dokufilms und das Objekt der Begierde von Autogrammjägern sowie Eventveranstaltern. Sie zeichnet ein differenziertes Bild von ihrem neuen Leben: «Merkwürdigerweise bin ich wohl einen Tick ruhiger geworden. Gerade weil ich im Fokus stand, habe ich in meiner freien Zeit oft das Alleinsein gesucht. Ich habe aber auch viele interessante Leute kennen gelernt und Einblick in die Welt der VIPs und Missen erhalten. Das war eine gute Erfahrung, auch wenn ich in diesem Umfeld zahlreiche Menschen traf, die mir leer, langweilig erschienen. Neu war auch, dass ich Interesse weckte, mir vermehrt auf die Finger geschaut wurde.»
Rasch gelernt Scheuklappen auszusetzen
Während andere Medaillengewinner rasch von der Bildfläche verschwanden, hielt der Glanz von Friedens Goldmedaille länger an, obwohl sie auf Grund mannigfaltiger gesundheitlicher Probleme seit ihrem grossen Triumph nur noch selten zeigen konnte, wozu sie auf dem Brett fähig ist. Hat sie das Optimum aus Ihrem Erfolg herausgeholt? «Das kann man nicht so sagen, heute würde ich einiges anders machen. Aber ich staune manchmal schon, dass mich nach vier Jahren immer noch so viele Menschen erkennen. Ich habe unbewusst im richtigen Moment oft das Richtige gesagt und dadurch die Chance beim Schopf gepackt.» Popularität hat auch Schattenseiten, doch Frieden beklagt sich nicht: «Den goldenen Käfig installiert man selber. Anfänglich hatte ich Mühe mit der Situation. Bestellte ich im Restaurant ausnahmsweise Pommes frites, stellte ich mir die Frage: Was denken die anderen Gäste über mich? Ich lernte aber ziemlich rasch, abzuschalten und Scheuklappen aufzusetzen.»
Ideal wäre für die Primarlehrerin, «wenn ich den Erfolg so ausschöpfen könnte, dass er mir für das Leben nach der Karriere weiterhilft – nicht nur finanziell. Im Moment zählt für mich nur der Wettkampf, doch ich habe ein paar Visionen und wohl auch den einen oder anderen Partner, mit dem die Zusammenarbeit weitergehen wird. Meine Fankollektion ist zum Beispiel etwas Zukunftsgerichtetes. Stolz bin ich auch auf meine eigene Uhr. Als Frau müsste ich mir vor allem Kinder wünschen, doch ich habe wohl auch ein männliches Gen – ich möchte etwas hinterlassen, etwas schaffen, das Bestand hat.» Ist das Mutterwerden für sie kein Thema? «Kinder werden sicher zum Thema, aber derzeit absorbiert mich das Ziel Olympia völlig. Ich bin fokussiert auf die fünf Ringe, momentan hat es in meinem Leben daher keinen Platz für solche Gedanken. Ich bin mir aber bewusst, dass ich mit der Kinderplanung nicht noch zehn Jahre warten kann.»
Ehrgeizig und optimistisch
Tanja Frieden ist ehrgeizig und optimistisch zugleich. Sie versteht nicht, wenn ihr gesagt wird, sie könne in Vancouver nur verlieren. «Als Sportler schaust du wieder voraus, nachdem du ein Ziel erreicht hast. Die Winterspiele werden genial, die Ambiance wird fantastisch sein. Klar, habe ich schon eine Medaille, doch ich will noch eine weitere gewinnen. Meine hat ein Loch, die nächste ist viereckig. Zudem: Die Olympischen Spiele bieten mir die Möglichkeit, alles zu geben, alles aus mir rauszuholen.» Braucht sie die grosse Bühne, damit sie Topleistungen erbringen kann? «Ja», sagt sie lachend, «in dieser Hinsicht bin ich ‹ä komische Cheib›: Je mehr Leute mir zuschauen, desto mehr Mühe gebe ich mir – und desto grösser der Druck, desto besser bin ich meistens.»
Noch vor der olympischen Eröffnungsfeier wird Tanja Frieden 34-jährig. Auch wenn sie nicht definitiv sagt, die laufende Saison sei ihre letzte – die Karriere neigt sich dem Ende zu. Vor der Zeit danach hat sie Respekt: «Ich habe eine Vision, aber keinen fixen Plan. Der Rücktritt ist wie eine Pensionierung mit 30; er macht eine Neuorientierung nötig. Ich rede von etwas, von dem ich keine Ahnung habe. Doch ich stelle es mir schwierig vor, mit dieser Situation umzugehen. Du hast kein klares Ziel mehr, weniger Kontakte, deine persönliche Weltkarte schrumpft. Ich habe heute schon Ameisen im Hintern, wenn ich mal drei Monate zu Hause bin.» Deshalb kann sie verstehen, dass Michael Schumacher und Justine Henin Comebacks wagen. «So anstrengend das Leben einer Spitzensportlerin oft ist – es ist auch genial, spannend.» Als Sucht will sie Spitzensport nicht bezeichnen, «aber er kann süchtig machen».
Die Goldmedaille ist wieder in der Handtasche verschwunden, die Fackel liegt im Kofferraum. Tanja Frieden fährt davon; in ihrem Kopf dreht sich alles um die fünf olympischen Ringe. «Manchmal», gibt sie zu, «manchmal vergesse ich sogar, wo sich mein Freund befindet.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 02.02.2010, 16:24 Uhr
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