Züri West gegen Bern Ost
Verkehrte Welt im Restaurant Volkshaus am Helvetiaplatz in Zürich. Ein Bärtiger mit Wildlederjacke und selbst gestricktem FCZ-Wollschal spricht breites Berndeutsch. Sein Tipp: «Züri gewinnt am Sonntag gegen YB elegant mit 2:1.» Ein etwas Jüngerer mit YB-Schal um den Hals und einer Saisonkarte fürs Stade de Suisse im Portemonnaie unterhält sich in Züridütsch. Er hofft auf einen 3:2-Sieg der Young Boys im Spitzenkampf.
YB-Logo war zu kompliziert
Der Bärtige ist ein Modefan, wie er selber sagt. Als Kind habe ihn Fussball «einen Scheissdreck» interessiert. Doch in der Schule in Steffisburg merkte er bald: «Du gehörst nur dazu , wenn du das Logo eines Fussballklubs aufs Allerleiheft zeichnest.» Das YB-Emblem war ihm zu kompliziert. Er entschied sich fürs einfachere FCZ-Logo. «Doch richtig in die Fussballwelt reinsozialisiert wurde ich erst als 30-Jähriger», sagt er. Seine Stimme tönt sanft und angenehm, man hört ihm gerne zu. Es ist die Stimme von Reeto von Gunten, 46 Jahre alt und Radiomoderator bei DRS 3. Die halbe Schweiz kennt diese Stimme. Es gibt Radiohörer aus Bern, die schreiben in Internetforen: «Dieser von Gunten verdient sein Geld mit Berndeutschsprechen und besitzt die Frechheit, FCZ-Fan zu sein.»
Von Gunten steht dazu. In Kolumnen schreibt er über den FCZ, im Letzigrundstadion steht er in der Südkurve. Bei den Liedern singt er mit, wechselt dabei aber auf Züridütsch. «Sonst drehen sich alle nach mir um.» Nach 15 Jahren in Zürich sei dieser Dialektwechsel kein Problem. Wenn aber die Menschen in der Südkurve zum Slogan «Wär nid gumpet, isch kei Zürcher» auf und ab hüpfen, dann bleibt von Gunten wie angewurzelt stehen. «Ich bin nun mal kein Zürcher.»
Mit dem Vater im Wankdorf
Als Reeto von Gunten Mitte der 90er-Jahre berufshalber von Bern nach Zürich zog, hatte Christian Sörensen gerade die obligatorische Schulzeit beendet. Er hat zeitlebens als YB-Fan in der Region Zürich gelebt. Mittlerweile ist er 30 und Informatiker von Beruf. Die meisten seiner Kollegen sind FCZ-Fans. Sie verabscheuen, wie er selber, den FC Basel und die Grasshoppers – «das verbindet uns», sagt er. Doch nach YB-FCZ-Spielen wird er von seinen Kollegen oft wegen YB-Spieler Carlos Varela angepöbelt. «Varela ist ausserhalb Berns nicht sehr beliebt. Bei meinen Freunden kochen wegen ihm die Emotionen über.»
Der YB-Virus wurde Christian Sörensen von seinem Vater eingeimpft, einem Zürcher, der in Bern arbeitete und bei YB in der dritten Mannschaft kickte. Gemeinsam verfolgten Vater und Sohn auf den Tribünen des alten Wankdorfstadions 1987 den letzten YB-Titelgewinn, den Cupsieg über Servette. «Nach dem Spiel schleuste uns ein Freund meines Vaters in die YB-Kabine ein. Die Spieler schenkten mir ein Trikot, auf dem sie alle unterschrieben haben.» Dies war das Schlüsselerlebnis, das ihn zum YB-Fan fürs Leben machte. Leider wurde das Leibchen im Verlauf der Zeit von seiner Mutter aussortiert. «Sie hat den emotionalen Wert verkannt.»
Rivalitäten pflegen
Geblieben ist die Liebe zu YB. Und die Vorfreude auf die Spiele im Wankdorf, die er regelmässig mit dem Zug oder dem Auto besucht. Die Nervosität vor dem Spitzenkampf gegen Zürich wächst von Stunde zu Stunde. «Ein Sieg bringt uns zurück ins Meisterrennen», sagt Sörensen. «Am Montag nach dem Spiel bin entweder ich es, der meine Kollegen foppt – oder es läuft umgekehrt.»
Solche Rivalitäten pflegt auch der Berner FCZ-Anhänger Reeto von Gunten mit Leidenschaft. «Die Schweiz ist viel zu klein, um Freunde aus nur einer Fankurve zu haben», sagt er. «Einander wegen Niederlagen oder nach glückhaften Siegen zu hänseln gehört einfach dazu.» Dies sei aber gleichzeitig eine Gratwanderung. «Sobald die verbale Ebene verlassen wird oder Kraftausdrücke zum Zug kommen, geht es für mich zu weit.»
Spiele zwischen YB und Zürich mag Reeto von Gunten nicht besonders. «Ich komme mit mir persönlich in einen Konflikt», sagt er. «Ich finde drum schon, YB hat endlich mal wieder einen Titel verdient.» Und sowieso: «Jeder in der Schweiz, der etwas von Fussball versteht, hat Sympathien für YB.» Tobias Habegger (Berner Zeitung)
Erstellt: 20.03.2009, 18:37 Uhr
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