Anis Amri vor Monaten im Fernbus Richtung Zürich verhaftet

Bereits 2015 war der Berlin-Attentäter in der Schweiz. Seiner Schwester sagte er, warum er weiterreisen müsse. Später versuchte er es nochmals und wurde gestoppt.

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Anis Amri narrte die Behörden fast bis zum Schluss. Erst im Grossraum Mailand geriet er per Zufall in eine Kontrolle, eröffnete das Feuer auf Polizisten und wurde schliesslich getötet. Davor hatte der meistgesuchte Mann Europas mehr als 1200 Kilometer quer über den Kontinent zurückgelegt – alles unter dem Radar der Behörden.

Die Details, wie es der tunesische Terrorist schaffte, unbemerkt so weit zu reisen, sind noch nicht bekannt. Langsam zeigt sich aber, welchen Bezug er zur Schweiz hatte. Sein Bruder Walid Amri sagt der SonntagsZeitung, Anis sei ein bis zwei Wochen in der Schweiz gewesen. Das war im Mai 2015 – kurz bevor der spätere Terrorist nach Freiburg im Breisgau weiterreiste. Aus der Schweiz habe er nur selten Nachrichten geschickt, sagt Walid Amri. Anis rief aber seine Schwester Newja an und teilte ihr mit, dass er nicht länger in der Schweiz bleiben könne. Er habe hier keinen Job gefunden – vor allem aber habe er in der Schweiz Angst vor den Polizeikontrollen gehabt, sagt seine Schwester gegenüber dieser Zeitung.

Bei der Rückreise in die Schweiz geschnappt

Ein Jahr später wollte der Tunesier nochmals in die Schweiz – im Gepäck hatte er zwei gefälschte Pässe. Mittlerweile galt er als ­«islamistischer Gefährder». Amri sass in einem Fernbus – wohl einem Flixbus – aus Deutschland Richtung Zürich. Das schreibt die «New York Times» unter Berufung auf Aussagen von Amris Familie. Eine Sprecherin des Münchner Busunternehmens will dies nicht bestätigen. Sie schreibt bloss: Fahrgäste, die eine grenzüberschreitende Verbindung buchten, müssten einen Ausweis bei sich tragen.

Tatsächlich wurde Anis Amri exakt an diesem Tag geschnappt. Beamte der deutschen Bundespolizei kontrollierten die Buspassagiere in Friedrichshafen und verhafteten ihn. Die Haft sollte zur «Sicherung der Abschiebung» nach Tunesien dienen. Doch weil sein Heimatland sich weigerte, Papiere auszustellen, musste Amri nach kurzer Zeit wieder freigelassen werden. An einem Samstag verhaftet, war er am Montag bereits wieder frei.

In der Schweiz wurde Anis Amri nie registriert

Doch was wollte Amri in der Schweiz? «Dazu haben wir den Verhafteten nicht befragt», sagt der zuständige Ravensburger Amtsgerichtsleiter Matthias Grewe. «Das Ziel seiner Reise war für uns nicht entscheidend.» Ob er allein reiste, konnte Grewe nicht beantworten. Weder die Stadt- noch die Kantonspolizei Zürich haben den Terroristen registriert.

Video - Aufatmen bei Berlinern nach Tod Amris:

Der Berliner Breitscheidplatz am Tag vier nach dem Anschlag.

Der Fall von Anis Amri illustriert die Ohnmacht der Behörden. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz. Obwohl Amri als angeblicher Flüchtling durch die Schweiz gereist ist und hier bis zu zwei Wochen verbrachte, haben die Behörden keine Spur von ihm. Weder das Bundesamt für Polizei (Fedpol) noch die Bundesanwaltschaft und der Nachrichtendienst konnten bislang Fakten zu den Schweiz-Bezügen von Amri bestätigen. Beim Fedpol heisst es nur, es seien «intensive Abklärungen im Gang. Wir erhalten dazu laufend Informationen aus Deutschland», sagt eine Sprecherin.

Dabei ist auch in der Schweiz die Gefahr islamistisch motivierter Anschläge virulent. Hierzulande leben laut Fedpol 480 Menschen, die mit der Ideologie der Terroristengruppe IS sympathisieren und deren Internetaktivitäten überwacht werden. Fakt ist auch: Seit 2001 reisten aus der Schweiz 78 Personen in den Jihad, die meisten nach Syrien. Von den Jihad-Reisenden sind 21 getötet worden und 14 zurückgekehrt. Und in 26 Fällen hat die Bundespolizei Einreisesperren verhängt – ein Höchststand.

Eine Personenüberwachung kostet Hunderttausende

Solche Angaben der Behörden zur Überwachung von potenziell gefährlichen Islamisten suggerieren Sicherheit – doch dies ist eine Illusion. Denn eine totale Überwachung aller gefährlichen Personen ist auch in der Schweiz nicht möglich. Die dafür benötigten Kapazitäten sind schlicht zu gross und ­weder finanziell noch personell zu bewältigen. Mit 2410 Franken noch vergleichsweise günstig ist das Abhören eines Mobiltelefons.

Eine dreimonatige Personenüberwachung 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche kostet in der Schweiz jedoch zwischen 200 000 und 600 000 Franken. Es braucht dazu im Minimum 6, meist aber 10 oder 12 Mann, plus mindestens zwei Fahrzeuge – um eine einzige Person richtig zu überwachen. Hinzu kommen Anschaffungskosten, etwa für Mikrofone. Der Berner Justizdirektor Christoph Neuhaus (SVP) sagt: «Wir haben in der Schweiz gar nicht die Ressourcen, um Islamisten rund um die Uhr zu überwachen. Überwachen heisst bei uns: ab und zu hinschauen.»

Politiker wollen das Untertauchen verhindern

Eine andere Sicherheitslücke entsteht, weil täglich Einwanderer untertauchen, die vorgeben, Asyl zu wollen. Kommt ein Asylbewerber in ein Empfangszentrum, kann es einige Tage dauern, bis er registriert wird. Recherchen der SonntagsZeitung zeigten diesen Herbst, dass mehr als 50 Prozent aller Asylsuchenden wieder untertauchten. Einige verschwanden bereits auf dem Weg ins Zentrum, andere übernachteten dort und tauchten ab, bevor sie erfasst wurden.

Das wollen die Spitzen von SVP und CVP nicht mehr tolerieren. CVP-Präsident Gerhard Pfister verlangt darum «geschlossene Empfangszentren». Dort müssten Asylsuchende so lange festgehalten werden, bis ihre Identität zweifelsfrei abgeklärt worden sei. Dabei erhält er Unterstützung von SVP-Präsident Albert Rösti: Seine Partei fordere schon lange, dass Asylsuchende bis zur einwand­freien Feststellung ihrer Personalien in den überwachten Zentren gehalten werden müssten.

Internierung wäre «nicht möglich»

Zurückhaltender zeigt sich die FDP. Hans-Jürg Käser, Berner Polizeidirektor und Chef der kantonalen Justiz- und Polizeidirektorenkonferenz, sagt: «Asylsuchende festzuhalten, bis ihre Identität festgehalten worden ist, ist rechtlich nicht möglich.» In vielen Fällen müssten solche Leute über Monate interniert werden, was unmöglich sei. Zudem gebe es in der Schweiz ja bereits Bestrebungen, eine Ergänzung für Terroristen ins Strafgesetzbuch zu schreiben. Diese würde es ermöglichen, «gefährliche Personen zu inhaftieren, bevor sie einen Anschlag verüben».

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Viel weiter als alle anderen will Albert Rösti gehen: «In besonderen Situationen braucht es besondere Massnahmen: Wir verlangen, dass Justizministerin Simonetta Sommaruga das Asylrecht in solchen Lagen mindestens temporär aussetzt.» Rösti sagt: Wenn ein Asylsuchender einfach mit einem Lastwagen ein Dutzend Menschen überfahren könne, müsse die Antwort drastisch sein.

Seine Forderung, die «Grenze dicht» zu machen, findet aber bei den anderen Parteien keine Unterstützung und hat keinerlei Aussicht, im Parlament eine Mehrheit zu finden.

Ein Neffe des Attentäters hat ihm offenbar Geld geschickt

Der frühere FDP-Präsident Phi­lipp Müller will die Abschiebehaft verstärkt anwenden. Zu viele Einwanderer, deren Asylgesuch abgelehnt wurde und gegen die eine rechtskräftige Wegweisung verhängt wurde, hätten das Land nicht verlassen, sagt Müller. Solche und ähnliche Forderungen scheiterten bisher jedoch immer an der fehlenden Bereitschaft der Herkunftsländer, ihre Auswanderer wieder zurückzunehmen.

In Amris Heimatland Tunesien verhaftete die Polizei gestern drei mutmassliche Helfer des Attentäters. Sie werden zurzeit von den Behörden befragt. Wie Polizeikreise der SonntagsZeitung bestätigten, sind zwei der Verhafteten Cousins von Amri. Der dritte ist ein Neffe, wie das tunesische Innenministerium mitteilte.

Beim Neffen handelt es sich um einen 18-jährigen Arbeitslosen. Er war telefonisch in Kontakt mit Anis Amri. Die beiden kommunizierten auch verschlüsselt über eine Nachrichten-App. Der junge Mann habe angeblich gestanden, seinem Onkel Geld geschickt zu haben. Anis Amri seinerseits habe seinen Neffen dazu aufgefordert, sich zur Terrormiliz IS zu bekennen.

Mitarbeit: M. Benlakehal, S. Mersch (SonntagsZeitung)

Erstellt: 24.12.2016, 21:49 Uhr

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