Zoff an Weihnacht? Aber richtig!

Während der Festtage werden Sie manche Spitze von der geliebten Verwandtschaft erfahren, auf die es richtig zu reagieren gilt. Eine Anleitung zum Streiten.

Lassen Sie sich nicht alles gefallen: Znacht an Heiligabend im erweiterten Familienkreis. Foto: BBC

Lassen Sie sich nicht alles gefallen: Znacht an Heiligabend im erweiterten Familienkreis. Foto: BBC

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Vermutlich haben Sie gestern mit der Familie Heiligabend gefeiert, im kleinen Kreis. Es war ganz nett und auch recht friedlich. Aber Sie wissen: Es ist noch nicht vorbei. Der wahre Härtetest steht erst ­bevor. Und zwar in Form der Anstandsbesuche, die es in den nächsten Tagen bei der weitverzweigten Verwandtschaft zu absolvieren gilt.

Solche Treffen verlaufen nicht nur meist etwas harzig, sondern oft auch nicht frei von Friktionen. Denn da entwickelt sich jeweils eine Art innerfamiliärer Wettbewerb, weil bei jeder Zusammenkunft die Hackordnung neu ausgehandelt wird. Natürlich nur indirekt, das geht diskret vonstatten und äussert sich in vermeintlich harmlosen, aber sehr sorgfältig platzierten Spitzen.

Wir wollen nicht, dass Sie deswegen still auf der Toilette weinen. Sie sind diesen verbalen Attacken nämlich nicht hilflos ausgeliefert, sondern haben vielmehr drei Möglichkeiten, darauf zu reagieren.

Reaktion 1: Rechtfertigung.
Reaktion 2: Diplomatisch sein.
Reaktion 3: Gegenoffensive.

Variante eins ist die schlechteste aller Varianten, weil Sie damit in die Defensive geraten. Sie tun dem Gegenüber den Gefallen, genauso zu reagieren, wie es sich das erhofft hat, nämlich verletzt. Kurz, Sie machen sich zum Spielball, und das ist keine Option. Es bleiben daher nur noch Reaktion 2 und ­Reaktion 3. Reaktion 2 ist vernünftig. Mit Diplomatie demonstrieren Sie Grösse. Sie stehen über der Sache und wirken im Sinne der Allgemeinheit deeskalierend. Sie verströmen damit etwas Pazifistisch-Dalai-Lama-Artiges.

Allerdings: Das kann auch ein wenig langweilig sein. Es rockt doch erst, wenn so richtig was los ist im Wohnzimmer. Am meisten Spass macht deshalb in der Regel Reaktion 3, also die Gegenoffensive. Sie tun damit sogar Gutes, denn bösartige Verwandte können ja nur deshalb bösartig sein, weil sich bis anhin alle duckten und ­deren Spitzen im Namen des ­Friedens über sich ergehen liessen. Dieses Jahr aber ist alles anders. Sie gebieten denen Einhalt, Sie ­setzen dem ein Ende. Das ist im Übrigen zutiefst weihnachtlich, dieses beherzte Einschreiten bei Niederträchtigkeiten und dieses In-die-Schranken-Weisen von Aggressoren.

Mit Reaktion 3 sind aber natürlich Nachteile verbunden, da es sich um die Hochrisiko-Variante handelt. Sie müssen mit Verlusten rechnen, nicht nur konkret, wenn es dann mal ums Erben geht, sondern auch, was die Unterstützung anbelangt. Eventuell verbündet sich der Rest der Anwesenden mit der in den Senkel gestellten Verwandtschaft, und zwar mit dem Vorwurf, Sie störten die Harmonie (obschon doch gar nicht Sie ­angefangen haben).

Aber wir leben in Zeiten, in denen man mehr als je zuvor ­Farbe bekennen muss, deshalb tun Sie das Richtige. Bereiten Sie sich ­daher vor. Und machen Sie sich ­gefasst auf die folgenden acht Sätze, mit denen Sie in den nächsten Tagen mit hoher Wahrscheinlichkeit konfrontiert sein werden.

1. «Ah, du bist die Susanne, das sieht man sofort, dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten und die Figur von der Mutter.»
Sie sind nicht Susanne. Susanne ist Ihre Cousine, die fünfzehn Jahre älter ist. Sie mochten Susanne nie, sie war immer eine Streberin und hat gepetzt. Es empfiehlt sich: Reaktion 2, und zwar wegen des Spass-Faktors. Machen Sie die Susanne. Spielen Sie mit, und amüsieren Sie sich dabei köstlich. Das Ziel muss sein, die echte Susanne in ihrem ­Strebertum zu toppen.

2. «Nimm noch ein Guetsli, an dir ist ja nichts mehr dran.»
Sie sind weiblich und schlank, Ihr Gegenüber ist ebenfalls weiblich, aber nicht schlank. Daher sind Sie eine einzige Provokation, da ­können Sie machen, was Sie ­wollen. Es empfiehlt sich: Reaktion 3. Sie müssen voll in die Kerbe ­reinhauen, dass Ihr Gegenüber ein Postur-Neidhammel ist. Schaufeln Sie ­Guetsli in sich rein, als ob es kein Morgen gäbe. Und erklären Sie zwischendurch mit vollem Mund: Sie seien auf dieser kalorienreichen Diät, die Reneé Zellweger damals für ihre Rolle als Bridget Jones gemacht habe. Das sei nämlich kaum bekannt: Wie wahnsinnig anstrengend zunehmen sei. Das sitzt. Garantiert.

3. «Noch ein Guetsli?! Wolltest du das letzte Mal nicht eine Diät machen?»
Ja, wollten Sie, haben Sie sogar, die Sache ist aber grandios gescheitert. Und es ist nicht so, dass Ihnen das nicht auch aufgefallen wäre. Es muss Sie wirklich niemand darauf hinweisen, vor allem nicht Ihre Tante, die seit 30 Jahren essgestört ist und einen verkniffenen Mund bekommen hat vor lauter chronischem Hunger. Es empfiehlt sich: Reaktion 3. Legen Sie los mit einer überaus unappetitlichen Krankengeschichte, die viel vom Verdauungstrakt und der Darmtätigkeit als solches ­handelt, und gehen Sie gnadenlos ins Detail, ja, es kann gar nicht ­genug detailliert sein. Kurz: Stopfen Sie dem Gegenüber so richtig das Maul.

4. «Du bist endlich schwanger!»
Die Steigerung der Frage von vorhin. Und nein, Sie sind es nicht, wären es aber gern, abgesehen ­davon ziehen Sie den Bauch sogar ein. Die Bemerkung, gepaart mit diesem Finger, der auf Ihren Rumpf zeigt, ist der Gipfel der Taktlosigkeit, und gehört umgehend bestraft. Es empfiehlt sich: Reaktion 3, getarnt als Reaktion 2. Sagen Sie Ja!, und schauen Sie ergriffen-selig. Danach machen Sie einen unerwarteten Schlenker und erklären Sie hätten, was für ein Glück!, direkt nach Ende des Mutterschaftsurlaubs einen Krippenplatz für fünf Tage pro Woche ergattert. Oh, das wird seine Wirkung nicht verfehlen. Geniessen Sie den ­Moment.

5. «Unser Sebastian fängt nächstes Jahr das Medizinstudium an, er will Chirurg werden. Und unsere Laura absolviert gerade einen Hilfseinsatz im Libanon. Was machen eure Jungen so?»
Ihr Sohn flog vom Gymi und ist überhaupt sehr arbeitsscheu, ihre Tochter rebelliert, indem sie seit Monaten die Nahrung verweigert, Sie wissen auch nicht, woher die beiden das haben, es ist jedenfalls die Hölle zu Hause. Es empfiehlt sich: Reaktion 2. Schauen Sie verdutzt, und sagen Sie: «Jetzt, wo dus sagst, fällts mir auf: Die beiden habe ich ja schon länger nicht mehr gesehen. Gute Frage: Was zum Teufel machen die eigentlich?» Dann holen Sie ohne Erklärung ein weiteres Glas Wein und exen es. Dann dasselbe nochmals.

6. «Hast du es schon mal online probiert?»
Sie sind Single, was alle anderen mehr zu beschäftigen scheint als Sie selbst. Selbstverständlich haben Sie es schon online probiert, wobei Sie interessanterweise auf Tinder Ihren Schwager entdeckt haben. Es empfiehlt sich: Reaktion 3. Zwinkern Sie zweideutig, und ­erklären Sie, in sexueller Hinsicht sei die Plattform unbedingt empfehlenswert. Damit die Weihnachtsfeier so richtig unvergesslich wird, sollten Sie die Tinder-Aktivitäten des Schwagers keinesfalls unerwähnt lassen.

7. «Wollt ihr nicht mal vorwärtsmachen?»
Gemeint ist, dass Sie und Ihr Partner bzw. Sie und Ihre Partnerin jetzt schon seit Jahren zusammen sind, sich aber immer noch nicht fortgepflanzt haben. Das nimmt man ­Ihnen übel, das mussten Sie schon öfter feststellen. Es empfiehlt sich: Reaktion 3. Machen Sie ein betroffenes Gesicht und erwähnen Sie den Hunger in der Welt und die Überbevölkerung und die Ressourcenknappheit und gelangen Sie von dort nahtlos zur Klimaerwärmung und zum ­Gletscherschmelzen und von dort wiederum direkt zum Dichtestress und zur Vernichtung von Kulturland, und weinen Sie ein wenig, ­bevor Sie zum Schluss verzweifelt schreien: «Der Mensch ist ein Monster, er macht alles kaputt, unsere schöne Erde braucht nicht mehr von uns, sondern weniger!» Das sollte reichen.

8. «Wollt ihr nicht endlich heiraten?»
Eng verwandt mit der Kinder-Frage, dahinter steht derselbe verklausulierte Vorwurf: «Wieso könnt ihr nicht sein wie alle anderen»? Es empfiehlt sich: eine Kombination aus Reaktion 2 und 3, indem Sie eine politisch-philosophische Note in Ihre eindeutige Antwort reinbringen. Erklären Sie, dass Sie nicht zu heiraten gedenken, solange homosexuelle Paare mit so etwas Erbärmlichem wie der «eingetragenen Partnerschaft» abgespeist und damit diskriminiert würden. Das sei eine Frage der ­Solidarität, ja, nachgerade eine ­moralische Verpflichtung. Fügen Sie am Ende Ihres Vortrags unbedingt an: «Findest du nicht auch?», auf dass ein angeregtes ­Gespräch entstehe.

9. «Aber die Letzte war doch so nett!»
Sagt das ein Mann, war die Verflossene Ihres Partners vermutlich ein heisser Feger. Sagt es eine Frau, handelte es sich wohl eher um ein Huscheli. Man will Ihnen damit auf jeden Fall klarmachen, dass Sie irgendwie verkehrt sind und man sich für den Neffen/Enkel/Göttibub was anderes als Sie ­vorgestellt hat. Es empfiehlt sich in beiden Fällen: Reaktion 3. Bilden Sie einen Satz, der die Wörter «ich», «Granate» und «Bett» enthält. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 25.12.2016, 11:59 Uhr

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