Nach der Geburt ist vor der Zerreissprobe

Depressionen, wenig Lust auf Sex: Nur wenige Paare sind sich bewusst, wie stark ein Kind ihre Beziehung gefährden kann.

Von wegen Krönung einer Liebe: Die grosse Mehrheit der Paare fühlt sich mit Baby unzufriedener als ohne. Illustration: Birgit Lang

Von wegen Krönung einer Liebe: Die grosse Mehrheit der Paare fühlt sich mit Baby unzufriedener als ohne. Illustration: Birgit Lang

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Das Ende des Lebens ist ein Tabu, der Anfang aber fast genauso. Die Schattenseiten, die die Geburt eines Kindes mit sich bringen, werden oft verschwiegen oder relativiert. «Gewisse Dinge sagt einem niemand.» Die Psychologin Chris­telle Benz von der Fachhochschule Nordwestschweiz spricht aus Erfahrung: Sie ist Mutter von zwei Kindern und mit der Psychologin Valentina Anderegg von der Uni Zürich dabei, eine Studie mit 307 Schweizer Paaren auszuwerten, die zum ersten Mal Eltern ­geworden sind.

Ziel ist es herauszufinden, wie man als Paar gestärkt den Übergang zum Elternsein meistern kann. «Es handelt sich um einen Bereich, über den man in der Schweiz relativ wenig weiss», sagt Valentina Anderegg. Kaum ­jemand spricht darüber, wie ­herausfordernd ein Kind für die Beziehung ist, und damit auch nicht über mögliche Lösungen. Das Tabuisieren verstärkt den Druck auf die Paare noch mehr.

Fakt 1: Ein Kind macht die meisten Paare unglücklich

Als Krönung einer Liebe werden Kinder gerne bezeichnet. 70 bis 80 Prozent der Paare fühlen sich mit Baby aber unglücklicher als ohne. Zu diesen Zahlen kommt eine internationale Meta-Analyse von rund 60 Studien, und auch die ersten Auswertungen von Anderegg und Benz ­deuten darauf hin. «Oft tritt die Beziehungsunzufriedenheit zuerst bei der Mutter auf und dann beim Vater», sagt Benz. Sie hält bis etwa sieben Jahre nach der Geburt an. Bei jedem dritten Paar drängt sich eine Therapie auf. Meistens ist hier die Frau die treibende Kraft. «Hat eine Frau aber bereits resigniert, ist die Chance eher klein, dass man mit Therapie noch etwas erreicht», sagt Anderegg, die in ihrer Praxis Einzelpersonen und Paare im Zusammenhang mit dem Elternsein betreut. Fakt 2: Eine lange Beziehung ist kontraproduktiv

Kurz nach dem Verlieben schon schwanger – solche Partnerschaften scheinen zum Scheitern verurteilt. Allerdings zeigen Untersuchungen, dass die Gefahr, dass ein Baby zum Beziehungskiller wird, steigt, je länger man kinderlos zusammen gewesen ist. Wer sich an ein Leben ohne Kind gewöhnt hat, dem fällt es umso schwerer, sich auf das Elternsein einzustellen. Unter anderem wirken sich die ­finanziellen Einschränkungen und die Abhängigkeit vom Partner ­negativ aus.

Fakt 3: Der Partner wird zum Unbekannten

Es ist ein einfacher Test, den Christelle Benz und Valentina Anderegg jeweils mit werdenden Eltern durchführen. Beide sollen in einen Kreis, der eine Woche symbolisiert, hineinzeichnen, welche Anteile der Job, die Hausarbeit, die Hobbys und die Zeit als Paar einnehmen. Danach sollen sie unabhängig voneinander angeben, wo sie Abstriche machen würden – bei der realistischen Annahme, dass ein Baby einen Viertel der verfügbaren Zeit beanspruchen wird. «Viele liegen bei der Einschätzung, worauf ihr Partner verzichten würde, völlig daneben», sagt Valen­tina Anderegg. Je stärker Erwartung und Wirklichkeit auseinander­klaffen, desto grösser die Enttäuschung. «Elternsein ist wie ein neuer Job, du kannst nicht schnuppern, du kannst nicht kündigen. Wir ­wissen alle nicht, wie wir darauf reagieren.» Der freiheitsliebende Partner mutiert vielleicht zum Helikoptervater, und die sonst anhängliche Partnerin braucht plötzlich Freiraum. Die Beziehung muss oft neu ausgehandelt werden.

Fakt 4: Geburtserfahrungen beeinträchtigen Männer

Von Vätern wird erwartet, bei der Geburt dabei zu sein. Allerdings können sie ein Trauma erleiden, was das Sexleben beeinträchtigt, weil sie die Bilder nicht aus dem Kopf kriegen, das Blut, die Verletzungen, den Anblick der leidenden Frau. Männer trauen sich kaum, dies zu thematisieren, weil sie nicht als Memme oder Macho dastehen wollen. «Entscheidend ist, dass Männer bei der Geburt da stehen, wo es für sie und ihre Partnerin passt. Haben sie einen frontalen Blick auf die Intimzone der Frau, kann das negative Kopfkino später viel auslösen», sagt Anderegg.

Fakt 5: Der veränderte Frauenkörper als Problem

Der Bauch ist schlaff, die Brust beansprucht und das Übergewicht hartnäckig – dass Männer ihre Frauen nach der Schwangerschaft nicht mehr attraktiv finden, oder dass Frauen unter ihrem Körper leiden, spielt bei der Unzufriedenheit vieler Paare eine Rolle, wie Valentina Anderegg aus ihrer Praxis weiss. «Die mangelnde Aufklärung ist die Hauptursache für die Unzufriedenheit.» Realistische Bilder von Frauen nach der Geburt gebe es selten, und Prominente beendeten ihre Schwangerschaft oft per Kaiserschnitt, bevor der Körper die extremsten Veränderungen durchmache. «Der Körper braucht mindestens neun Monate, um sich ans Nichtschwangersein anzupassen.»

Fakt 6: Die Geburt macht viele depressiv

Offiziell leidet etwa eine von sechs Frauen an postnataler Depression. Allerdings könnte die Dunkel­ziffer weit höher liegen. Wie hoch, versucht die Psychologin Martina Papmeyer von der Uni Bern bei einer Studie gerade herauszufinden (www.puk.unibe.ch/postpartaledepression). «Interessanterweise ergeben sich höhere Schätzungen, wenn man die Mütter mit anonymen Fragebögen statt im Gespräch mit Psychologen befragt», sagt Papmeyer, die auch untersucht, wie sich Schwierigkeiten in der Partnerschaft auf die Depression auswirken. «Aus der Literatur ist bekannt, dass eine unzufriedene Beziehung mit einem höheren Risiko einhergeht, nach der Geburt eines Kindes an einer Depression zu erkranken.»

Fakt 7: Der Umgangston wird rauer

Valentina Anderegg und Chris­telle Benz haben ihre Probanden unter anderem beim Diskutieren über konfliktträchtige Themen gefilmt, um herauszufinden, wie sich die Kommunikation verändert. Aus anderen Studien weiss man, dass der Umgangston nach der Geburt deutlich aggressiver wird, die Paare kürzer angebunden sind und sich die Gesprächsthemen verändern. Das Baby wird unweigerlich zum Thema Nummer 1. Laut Anderegg ist nicht das ständige Reden über das Kind das Problem, sondern wenn man es ausschliesslich auf der Sachebene tut. Die Verbundenheit bleibt aber nur bestehen, wenn man auch über Gefühle spricht. Also nicht nur rapportiert, wie oft das Kind schrie, sondern auch darüber spricht, wie man sich dabei fühlte.

Fakt 8: Die Lust auf Sex nach der Geburt ist gehemmt

Viele Paare empfinden ihr Sex­leben in den Monaten nach der ­Geburt des Kindes als dürftig. Mütter haben unter anderem weniger Lust, weil sie durch das Stillen und die Hormone, die dabei ausgeschüttet werden, eine Befriedigung erleben oder weil die Geburtsverletzungen nachhallen. Hinzu kommt, dass Stillen die Scheidenfeuchtigkeit hemmen kann, was Schmerzen beim Geschlechtsverkehr verursacht – ein Tabu, das laut Anderegg nur selten ange­sprochen wird. «Dabei wäre das Problem ganz einfach mit einer Gleitcreme zu beheben.»

Fakt 9: Gleichberechtigung ist ein Trugschluss

Vor der Geburt haben viele Paare den Haushalt einigermassen fair aufgeteilt, und die Mehrheit möchte dies so beibehalten. «Das ist aber in den wenigsten Fällen so», sagt Christelle Benz. Frauen schrauben ihr Jobpensum herunter, Männer arbeiten oft noch mehr als zuvor. Das hielt letztes Jahr auch der emeritierte Soziologieprofessor René Levy von der Uni Lausanne fest: Sobald Paare Eltern werden, finde bei der innerfamilialen Aufgabenverteilung eine Retraditionalisierung statt und das sogar gegen die ­eigenen Ideale. Dieses Ungleichgewicht frustriert vor allem Frauen. Zu Spannungen führt auch, dass sie auf bestimmte Dinge wie Alkohol oder Rauchen verzichten und sich bei persönlichen Bedürfnissen deutlich stärker einschränken müssen als die Väter.

Fakt 10: Fehlende ­­Zweisamkeit schadet

Das Bundesamt für Statistik hat 2015 aufgezeigt, dass vier von zehn Männern und eine von drei Frauen berufstätige Mütter für Rabenmütter halten. Die meisten Frauen schaffen es auch in der Freizeit kaum, ihr Baby allein zu lassen. «Es ist für die Paarzufriedenheit essenziell, regelmässig ohne Kind etwas zu unternehmen, je früher, desto besser», sagt Valentina Anderegg. Am besten trage man sich die Termine schon vor der Geburt in die Agenda ein. «Man ist ja nicht nur Eltern, sondern auch Liebespaar.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 17.12.2016, 21:24 Uhr

Studie «Paare werden Eltern»

Das Ziel dieser Studie besteht darin, herauszufinden, inwieweit die Paarkompetenzen von werdenden Eltern gestärkt werden können, um die Partnerschaftszufriedenheit beim Übergang zur Elternschaft und auch längerfristig auf einem stabilen Niveau zu halten oder gar zu verbessern.

Die Studie wurde in Zusammenarbeit mit dem psychologischen Institut der Universität Zürich (Lehrstuhl Klinische Psychologie Kinder/ Jugendliche & Paare/Familien) und dem Institut für Soziale Arbeit und Gesundheit der Fachhochschule Nordwestschweiz erarbeitet.

Die Studie wird vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung und von der Gesundheitsförderung Schweiz finanziell unterstützt.

www.paarewerdeneltern.ch

Studie «Postpartale Depression»

Die Universität Bern führt ein Forschungsprojekt zu postpartaler Depression durch, um neue Erkenntnisse zu den Ursachen von postpartalen Depressionen zu gewinnen. Für die Online-Studie werden Frauen gesucht, die momentan gerade schwanger sind oder aktuell gerne schwanger werden möchten.

Für die persönliche Studie werden gesunde Frauen im Alter zwischen 18 und 45 Jahren gesucht, die noch nie ein Kind geboren haben. Diese sollten entweder eine nahe Verwandte (Mutter, Schwester, Tochter) haben, die schon einmal unter einer postpartalen Depression gelitten hat, oder aber keine solche Verwandte haben.

Zudem werden Frauen im Alter von 18 bis 45 Jahren gesucht, die momentan unter einer postpartalen Depression oder aber unter einer Depression ausserhalb einer Schwangerschaft leiden, sowie gesunde Frauen und Männer, die in den letzten sechs Monaten Mutter bzw. Vater eines Kindes geworden sind.

www.puk.unibe.ch/postpartaledepression

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