Manager erholen sich lieber beim Sport als mit der Familie

Selbst in der Freizeit ist Schweizer Konzernchefs Leistung wichtiger als Musse und das soziale Umfeld.

Papi ist dann mal weg. Illustration: Stephan Liechti

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Die Familie als Lebens­elixier, als Hort der Entspannung – Manager betonen oft und gerne, wie wichtig das Abtauchen in die Welt von Frau und Kindern ist, um den Berufsstress vergessen zu können. Gerade jetzt, über die Fest­tage, haben Aussagen wie «Die ­Familie ist der wichtigste Ausgleich in meinem Leben» oder «Mit der Familie kann ich wunderbar abschalten» Hochkonjunktur.

Eine Umfrage unter Schweizer Konzernchefs zeigt ein anderes Bild. In der Untersuchung, die im Oktober am UBS Health Forum im Ausbildungszentrum Schloss Wolfsberg präsentiert wurde, wurden 119 Konzernchefs von bedeutenden Schweizer Unternehmen zu ihrer Gesundheit befragt. Geantwortet haben 41, was einer Rücklaufquote von knapp 35 Prozent entspricht.

Das ist zwar nicht repräsentativ, aber es ist das Who is who der Schweizer Wirtschaft, das den Fragebogen ausfüllte: von UBS-Chef Sergio Ermotti über ­Nationalbankpräsident Thomas Jordan bis zu Novartis-CEO ­Joseph Jimenez und Straumann-Chef Marco Gardola.

Was Manager für ihre Gesundheit tun Grafik vergrössern

Das Ergebnis ist bemerkenswert. Nicht die Familie, sondern Sport und Ernährung stehen bei den Managern an oberster Stelle bei der Gesundheitsprävention. Die Familie folgt erst auf Platz drei. Zeit mit der Frau zu verbringen, steht gar an letzter Stelle bei der Frage, was die Chefs für ihre ­Gesundheit tun.

Die Umfrage wurde von ­Claudia Kraaz initiiert. Die langjährige Kaderfrau der Credit Suisse ist aus der Bankenwelt ausgestiegen und coacht seit 2014 mit ihrer Firma Stress and Balance Führungskräfte, unter anderem im ­Bereich Stressprävention und Belastbarkeit. Auch sie ist überrascht: «Es ist zwar erfreulich, dass die ­Manager sehr sensibilisiert sind auf ihre Gesundheit und einiges zur Erhaltung ihres Wohlbefindens tun. Dass die Familie keine höhere Priorität hat hinsichtlich ihrer Gesundheit, hat mich jedoch erstaunt», sagt Kraaz.

Banker musste lernen, Prioriäten zu setzen

«Richtiggehend überrascht» war auch Hanspeter Ackermann, Chef der Bank Coop und Umfrageteilnehmer, als er sah, dass ­seine Berufskollegen den Sport der ­Familie vorziehen. Ackermann hat vier Kinder zwischen 6 und 19 Jahren, pendelt also täglich zwischen einem fordernden Job und einem bewegten Privatleben. 70-Stunden-Wochen sind bei ihm die ­Normalität.

Doch der Banker hat lernen müssen, Prioritäten zu setzen. «Ich bin dreimal pro Woche um 19 Uhr daheim und koche für die Familie. Das entspannt mich mental und ist mir sehr wichtig», sagt er. Spätabends setzt er sich dann oft nochmals hinter den Laptop. Einmal pro Jahr geht er mit seiner Frau für eine Woche in die Ferien – ohne die Kinder.

Sport ist für viele Topshots ein Fluchtort

Doch nicht alle Entscheidungs­träger können ihre Zeit offenbar so gezielt steuern wie Ackermann. Einer schrieb auf den Umfragebogen: «Oft muss ich mich förmlich in die Gelassenheit zwingen, um Abstand gewinnen zu können. Es ist schwierig, die Balance zu finden, vor allem wenn man aus einer erzieherischen Prägung stammt, bei der Leistung immer etwas ganz Wichtiges war.»

Ein anderer schrieb: «Das Business geht 24 Stunden, das Private auch – eine klare Abgrenzung ist möglich.» Der Spagat zwischen einer durchgetakteten Arbeit – die Mehrheit der Befragten arbeitet 60 bis 70 Stunden pro Woche – und der Pflege des Familienlebens scheint eine Herausforderung zu sein.

Sport ist in diesem Spannungsfeld für viele Manager ein Ventil oder eine Art Fluchtort, an dem sie abschalten können. «Dank Sport fühle ich mich fit und gesund», sagt etwa Raiffeisen-Chef Patrik ­Gisel. «Er ist für mich Genuss und nicht nur Leistung.» Dass körperliche Betätigung wohltuend wirkt und die Widerstandsfähigkeit fördert, ist zwar unbestritten.

Laufband macht erfolgreich

Das Gros der Manager begnügt sich indes nicht mit ein paar lockeren Laufübungen pro Woche, sondern betreibt Sport auf Extremniveau. Beispiel Gisel: Er ist Triathlet. Wenn er unterwegs ist, recherchiert seine Assistentin schon im Voraus, wo er zwischen zwei Sitzungen noch trainieren kann.

Amag-Chef Morten Hannesbo – auch er nahm an der Umfrage teil – quält sich schon morgens um halb sechs auf seinem Wattbike (ein ultramodernes Indoor-Bike, das Trettechnik und Leistung bei jeder Pedalumdrehung misst) beim Intervalltraining ab und misst ­seine Schlaffrequenz.

«Die Erfolgreichen sind heute ­erfolgreich, weil sie aufs Laufband gehen», beschreibt der «Economist» den Paradigmenwechsel in der Teppichetage. Ziele erreichen, Resultate bolzen – die beruflichen Ambitionen ziehen sich auch ins Private. Gesundheit wird selten mit Musse oder einem simplen arbeitsfreien Wochenende in Verbindung gebracht.

Fitnessband ablegen, Ehrgeiz daheim lassen

«Keine Schmerzen», «volle Leistungsfähigkeit» waren häufige Antworten auf die Frage, wann sich die Manager gesund fühlen. ­Allianz-Chef Severin Moser etwa fühlt sich fit, «wenn ich einen Tag voller Termine ohne Einschränkungen absolvieren kann und auch im Alltag noch leistungsfähig bin».

Claudia Kraaz, die in ihrer Praxis auch Wirtschaftsführer hat, die nahe am Burn-out sind, weist auf den einseitigen Fokus der Manager hin. «Leistung und Disziplin, zum Beispiel beim Sport und der Ernährung, stehen für die Entscheidungsträger auch in der Freizeit im Vordergrund. Es wäre indes wichtig, auch ‹Leichtes› zu tun – Dinge, die den Ruhenerv ansprechen» und einen somit entspannen, so die Expertin.

Ins gleiche Horn bläst Hamid Peseschkian, Psychiater in Wiesbaden. Das Engagement in der Familie sei im Gegensatz zum Sport nicht ergebnisorientiert, sagt er. «Solche Erlebnisse sind wichtig. Doch sich mit den Kindern auseinanderzusetzen, ist manchmal anstrengend, weil das Resultat nicht immer sichtbar ist. Darum flüchten sich Manager gern in den Sport.»

Raiffeisen-Chef Patrik Gisel, Bank-Coop-Chef Hanspeter Ackermann und Severin Moser, Chef der Allianz Suisse (v. l.). Fotos: PD

Bank-Coop-Chef Hanspeter Ackermann musste sich angewöhnen, den Leistungsgedanken in der Freizeit abzulegen. Er trägt heute kein Fitnessband mehr. «Ich versuche, mich nicht mehr zu ärgern, wenn mich – wie kürzlich – eine ältere Dame beim Joggen überholt», sagt er.

Dem Sportfanatismus, der sich unter seinen Berufskollegen in den letzten Jahren verbreitet hat, kann Ackermann nichts abgewinnen. «Dieses Trainieren am Limit ist ungesund. Oft hängt dies mit den ehrgeizigen Zielen zusammen, die man vom Geschäft auf den Sport überträgt.»

Kommt hinzu: Wer als Chef ausstrahlt, dass hohe sportliche Ambitionen ein Gütesiegel für Leistungsfähigkeit sind, überträgt diese Botschaft auf die Mitarbeitenden. Antimo Perretta, der Chef der Axa-Winterthur, weiss, dass seine Signale abstrahlen: «Wichtig ist mir, dass man menschliche ­Limiten offen anspricht und respektiert. So wie ich selbst sagen können möchte, dass ich mal müde bin, soll das jeder Mitarbeitende dürfen.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 25.12.2016, 09:39 Uhr

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